Bundesliga: "Es ist ein Skandal": Als der FC Bayern Kehl mit Klage drohte

SPOX

Sebastian Kehl gilt heute als BVB-Urgestein. Doch bevor er im Januar 2002 zur Borussia wechselte und nie wieder ging, hatte er eigentlich schon einem Transfer zum FC Bayern zugestimmt. Die Geschichte einer fast vergessenen Transfer-Schlammschlacht, an die sich Ex-BVB-Manager Michael Meier bei SPOX und noch lebhaft erinnert.

Seite 1: Hoeneß' Vision vom FC Deutschland und der Kampf um den Fußball-Thron

Am Ende ging alles ganz schnell und fast schon etwas zu leise über die Bühne. Es brauchte nur eine Presseerklärung der DFL und der Staub, den Sebastian Kehl, Borussia Dortmund und der FC Bayern München in diesem Dezember 2001 und Januar 2002 aufgewirbelt hatten, legte sich.

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"Ich habe mich davon überzeugt, dass Bayern München davon ausgehen konnte, dass eine Zusage zu einem Wechsel nach München besteht", wurde Kehl an diesem 6. Januar 2002 von der DFL zitiert. Und weiter: "Ich habe Verständnis, wenn der FC Bayern München über meine Entscheidung, zu Borussia Dortmund zu wechseln, enttäuscht ist."

Es waren zwei Sätze, die ausreichten, um das angekratzte bayrische Selbstverständnis wieder zu kitten und eine Transfer-Schlammschlacht zu beenden, die binnen weniger Wochen zu eskalieren drohte.

Eine Schlammschlacht, in deren Verlauf der damalige BVB-Präsident Gerd Niebaum den damaligen Bayern-Manager Uli Hoeneß verbal auf eine "Loser-Veranstaltung" einlud, dieser mit einem "Heiapopeia"-Vorwurf an BVB-Sportdirektor Michael Zorc aufwartete und am Ende sogar damit drohte, Kehl zu verklagen. Wie konnte es so weit kommen?

BVB und FC Bayern: Es ging um den Fußball-Thron

"Eigentlich hatten wir ein intaktes Verhältnis", sagt der damalige BVB-Manager Michael Meier rückblickend im Gespräch mit SPOX und über die Beziehung zwischen Bayern und Dortmund zu Beginn des Millenniums. Die lauten Töne und die Giftpfeile die Hoeneß damals angesichts der schwarzgelben Transferoffensive ins Ruhgebiet geschossen hatte? Kaum der Rede wert, behauptet er heute.

"Bei Uli war es immer so, dass gewisse Dinge mit der entsprechenden Begleitmusik versehen waren. Man musste daran gewöhnt sein", sagt Meier. Hoeneß war im Sommer 2000 nicht zuletzt der aus seiner Sicht erfolglose Transferpoker um das tschechische Mittelfeldjuwel Tomas Rosicky sauer aufgestoßen.

Unter der Begründung, dass er "diesen Wahnsinn" des sich ständigen Überbietens nicht mehr mitmache, erklärte Hoeneß das Aus der Bayern im Werben um Rosicky, der sogar schon zu Verhandlungen in seinem Büro gesessen hatte.

Der Tscheche wechselte im Januar 2001 für die Rekordsumme von 25 Millionen D-Mark nach Dortmund, wo sie und ganz besonders Präsident Niebaum die Vision hatten, "noch in diesem Jahrtausend, die Bundesliga von oben zu kontrollieren".

Eine klare Kampfansage, die nicht von ungefähr kam, schließlich hatte der FCB immer mehr mit einem alternden Kader zu kämpfen, während der Rosicky-Transfer zeigte, dass sich junge aufstrebende Talente durchaus für den Widersacher aus dem Westen der Republik und gegen den großen FC Bayern entscheiden könnten.

FC Bayern: Hoeneß' Vision vom FC Deutschland bei der WM

Doch dagegen wollte Hoeneß vorgehen. Nach dem Gewinn der Meisterschaft und der Champions League 2001 wollte er die Mannschaft - mit einem Altersdurchschnitt von 27,6 Jahren der älteste Kader der Bundesliga - "sukzessive verjüngen, mit möglichst deutschen Spielern".

Seine Vision eines FC Deutschlands war geboren. "Wir möchten 2006 bei der Heim-WM einen Block für die Nationalmannschaft stellen", erklärte der heutige Ehrenpräsident des Rekordmeisters. Und genau an diesem Punkt kam Sebastian Kehl ins Spiel. "Er war damals in einer Größenordnung mit Michael Ballack und Sebastian Deisler. Ihm sagte man auf seiner Position eine große Zukunft voraus", erzählt Meier.

Der gebürtige Fuldaer Kehl, den noch mit 16 Jahren in der Jugend von Hannover 96 so sehr das Heimweh geplagt hatte, sodass er "manchmal schon mit allem aufhören wollte", war mit 21 Jahren einer der drei begehrtesten deutschen Spieler überhaupt - und das nach nur einer Bundesliga-Saison beim SC Freiburg.

Dort hatte er sämtliche Erwartungen übertroffen, sich sogar schon in die Nationalmannschaft gespielt und passte daher bestens in die FC-Deutschland-Vision des Bayern-Managers. Diese hatte sich in Gestalt des im Oktober 2001 fixierten Transfers von Deisler schon erstmals ihrer Verwirklichung angenähert.

Ein pikantes Detail des Geschäfts hätte Hoeneß jedoch schon damals gerne aus dem medialen Rampenlicht ferngehalten. Dabei ging es um ein 20-Millionen-Euro-Handgeld, das der FCB dem Spieler aus steuerlichen Gründen als Darlehen gegeben hatte. "Ich ärgere mich noch immer, wie das in die Öffentlichkeit gekommen ist", sagte Hoeneß, als er den Deisler-Transfer bestätigte.

FC Bayern vermeldet Kehl-Transfer: "Zusage schon im Sommer"

"Es war eine Spielart, die damals von Bayern präferiert wurde", sagt Meier heute zu den bayrischen Gepflogenheiten, mit denen der Rekordmeister den Transfermarkt damals beackerte. So soll es auch bei Kehl gewesen sein.

Denn als Hoeneß im Dezember 2001 den nächsten hochtalentierten Mittelfeldspieler Deutschlands in München verbal willkommen hieß, hatte die Sport Bild schon über eine weitere Handgeld-Zahlung berichtet.

"Die Sport-Bild-Geschichte ist von den Einzelheiten her vollkommen falsch", sagte Hoeneß damals: "Das einzige, das stimmt, ist die Tatsache, dass Sebastian Kehl zum FC Bayern kommt und schon im Sommer seine Zusage für einen Wechsel gegeben hat."

Weil Kehl jedoch noch vertraglich bis 2003 an den Sportclub gebunden war, überließen die Münchner ihm die Wahl, ob er schon nach der WM 2002 (wie Deisler) oder erst im Sommer 2003 zu den Münchnern wechselt. "Diese Freiheit hat er", erklärte Hoeneß.

In München sei man sich deshalb so sicher gewesen, weil "Freiburg damals einen sehr guten Kontakt nach München" gepflegt habe, wie Meier verrät: "Die haben ein Jahr vorher schon alles klar und eine Anzahlung gemacht."

Zumindest die Zahlung eines Handgelds dementierte Kehl energisch, auch wenn so etwas damals in unterschiedlichen Konstruktionen durchaus branchenüblich war. "Ich habe kein Geld von irgendeinem Verein bei mir auf dem Konto rumliegen", sagte er und ging nur wenige Tage später sogar noch weiter. "Ich habe meine Entscheidung noch nicht getroffen", wurde Kehl von der Bild-Zeitung zitiert, als diese darüber berichtete, dass der Freiburger angeblich einen Scheck über die Summe des Handgeldes an Hoeneß zurückgeschickt habe.

Seite 2: BVB und Bayern wegen Kehl im Clinch: "Was bildet sich der Mann ein?"

BVB schnappt FCB Kehl weg: Deal mit dem "Schlangen-Franz"

Längst war da schon durchgesickert, dass auch der BVB seine Fühler nach Kehl ausgestreckt hatte. "Es war nichts unterschrieben. Das muss man wissen. Wir haben ganz offiziell Kontakt zum SC Freiburg aufgenommen. Wir haben ganz normal mit Andreas Rettig (damals Manager des SC Freiburg) und Trainer Volker Finke gesprochen", erzählt Meier über die erste Kontaktaufnahme der Dortmunder in der Causa Kehl.

Das erste Treffen sei in Dortmund am Rande eines Europapokalspiels gewesen. Kehl war damals noch nicht mit dabei, nur Rettig und Finke. Später folgten Gespräche mit dem "Schlangen-Franz". So nannte man in der Branche Kehls Berater Franz Gerber wegen seiner früheren Vorliebe für Reptilien. "Nach einer gewissen Zeit hat sich herausgestellt, dass es eine Ausstiegsklausel gab und wir dieser Klausel gerecht werden konnten", erzählt Meier.

Und als die Dortmunder ganz offiziell ihren Hut in den Ring warfen, begann es auch, in Kehl zu rattern. "Die Familie fing an, zu überlegen und teilte uns dann mit: ‚Wir haben nichts unterschrieben und tendieren zu Borussia Dortmund.' Dann haben wir das gemacht", sagt Meier.

BVB und FC Bayern im Clinch: Als Zorc noch Heiapopeia machte

Hoeneß drohte Kehl daraufhin mit einem Gang vors Arbeitsgericht und bezeichnete die Einigung aus dem Sommer als Geschäft, "das wir ohne Wenn und Aber abgemacht haben". Zu einem Zeitpunkt, als der Dortmunder Sportdirektor Michael Zorc "noch Heiapopeia gemacht hat", wie es Hoeneß formulierte.

Der Ton wurde merklich rauer, Spott kam besonders von Gerd Niebaum. "Uli Hoeneß sollte doch langsam verstehen, dass dies eine Loser-Veranstaltung für ihn ist", sagte der damalige BVB-Präsident. So wie sich Hoeneß äußere, "verliert er die Souveränität". Überhaupt sei es Hoeneß, der im Glashaus sitze und von da aus "mit ganz dicken Felsbrocken" um sich werfe.

Der FC Bayern schaltete in der Folge Sportrechtsanwalt Christoph Schickhardt ein, für den der FCB im Recht war. Kehl sei vertraglich ganz eindeutig an Bayern gebunden, weil er "alle denkbaren Handlungen der Willenserklärung" vollzogen habe, "ob schriftlich oder mündlich".

Dass Kehl keinen Vertrag unterschrieben und angeblich sogar einen 1,5-Millionen-Mark-Scheck der Bayern im November zuzüglich Zinsen zurückgeschickt hatte ("Ich habe das Geld nicht angerührt"), war nach Auffassung Schickhardts einerseits "Vertragsreue" und andererseits juristisch irrelevant.

BVB holt Kehl im Winter: "Was bildet sich der Mann ein?"

Doch alle Drohgebärden halfen nichts. Nur neun Tage, nachdem Hoeneß den Wechsel von Kehl zum FC Bayern bekanntgegeben hatte, wechselte Kehl tatsächlich. Dieses Mal zum BVB und zwar "im kommenden Jahr". Der 21-Jährige gab "sportliche Gründe" für seine Entscheidung an, die er sich "reiflich" überlegt habe.

Und in München? Da platzte Uli Hoeneß endgültig der Kragen. Sein erstes Ziel: Kehl, der "immer als smarter, netter Kerl verkauft" werde. "Aber hier treibt er ein Spiel der übelsten Sorte", echauffierte sich der Bayern-Manager.

"Wenn jemand so lügt, wie in dieser Geschichte gelogen wird, dann macht es wenig Spaß mit solchen Leuten", sagte Hoeneß: "Dortmund versucht, ihn mit Geld zuzuschütten, und ein Spieler mit labilem Charakter ist davon leicht zu überzeugen." Nach der Bekanntgabe des BVB forderte Hoeneß sogar eine Ablöse für "seinen" Spieler, die er dann der Afghanistan-Hilfe spenden wolle.

"Bayern München hat immer sehr empfindlich reagiert. Das ist aber auch menschlich, wenn ein Transfer, der geplant war, nicht funktioniert", ordnet Meier diesbezüglich heute ein: "Dann hat man dem Gegenüber halt unlautere Methoden vorgeworfen." Vor 19 Jahren aber bot er Hoeneß Paroli und bezeichnete seine Afghanistan-Aussagen als "billige Nummer".

"Wie kannst du ein so sensibles Gebilde wie den Afghanistan-Konflikt in Verbindung bringen mit dem Fall Kehl? Was bildet der Mann sich eigentlich ein?", fragte Meier und prangerte besonders Hoeneß' "Scheckbuchpraxis" mit Darlehen an künftige Bayern-Spieler an.

"Es ist ein Skandal, wenn man einem Spieler vorab 1,5 Millionen überweist. Und dieser Spieler muss vielleicht noch zwei Mal mit seinem Klub gegen die Bayern spielen", sagte Meier: "Stellen Sie sich mal vor, wir spielen gegen Hertha und überweisen vorher dem Marcelinho 500.000 Mark Darlehen. Und sagen: Das ist für die Tatsache, dass wir dich eventuell holen", polterte er. Thematisiert werde aber nur, ob Kehl eine Zusage gegeben habe oder "ein Charakterschwein" sei.

Kehl der Raffzahn? "Er ist durch ein Stahlbad gegangen"

Noch heute sieht Meier jene Vorgänge kritisch, besonders den Umgang mit dem noch so jungen Kehl seitens der Freiburger prangert er an. "So etwas macht man nicht. Einem Spieler den Charakter abzusprechen", sagt Meier: "Er ist in seinen letzten Spielen für Freiburg durch ein Stahlbad gegangen, wurde als Raffzahn geoutet. Als abgebender Verein habe ich eigentlich eine Pflicht dem Spieler gegenüber."

Während die Bayern und ihr Anwalt Schickhardt auf ihre Einigung mit Kehl "auf der Bayern-Geschäftsstelle und nicht in irgendeiner Würstchenbude in Kleinkleckersdorf" beharrten, rieten andere Juristen von etwaigen Klagen ab.

"Wenn ein Partner vor dem Standesamt 'Nein' sagt, kann kein Gericht in Deutschland ihn zwingen, die Ehe einzugehen", sagte beispielsweise der Kölner Arbeitsrechtler Uli Weber. Und obwohl Hoeneß auch noch nach dem Jahreswechsel betonte, "in der Sache Kehl" nicht nachgeben zu wollen, wurde längst an einer friedlicheren Lösung gearbeitet. Und plötzlich war sie da.

"Man konnte sehen, dass es dann doch noch Respekt gibt"

"Uli hat seinen 50.Geburtstag gefeiert und er hat Gerd Niebaum und mich trotz allem eingeladen. Am Abend vorher ist das Ganze unter der Vermittlung von DFL-Geschäftsführer Wilfried Straub geklärt worden", erzählt Meier. Einzige Bedingung von Hoeneß damals: Kehl solle die Wahrheit sagen, "dann bin ich zufrieden".

Und so ließ sich Kehl mit jenen zwei Sätzen in einer Pressemitteilung am 6. Januar zitieren, sagte, dass er sich von der Bayern-Meinung im Transferstreit habe überzeugen lassen und dass er Verständnis für die Enttäuschung des Rekordmeisters habe. Und so konnte der BVB die Ausstiegsklausel (circa 3,2 Millionen Euro) ziehen und Kehl wurde noch Anfang Januar ein Dortmunder.

Hoeneß wiederum sei dann der Hoeneß gewesen, den Meier aus 30 Jahren Zusammenarbeit in der Branche kennengelernt hatte. "Wenn es geklärt war, war auch alles wieder schnell in Ordnung", lobt Meier rückblickend das an die außergerichtliche Einigung im Transferstreit folgende Verhalten von Hoeneß: "Daran konnte man sehen, dass es in dieser Liga doch noch irgendwo Respekt gibt."

Und Kehl? Den ordnet Meier noch heute als absoluten "Top-Transfer von einem Top-Charakter, einer Führungsperson und einem unheimlich ehrgeizigen und authentischen Spieler" ein. Authentisch deshalb, "weil er austeilen konnte und gleichzeitig aber auch viel eingesteckt hat." Das hatte Kehl tatsächlich bereits früh in seiner Karriere, als er beinahe zum FC Bayern wechselte, in Freiburg als "Raffzahn" verschrien und anschließend beim BVB zur Legende wurde.

Kehl: Spielerstatistiken beim BVB, Freiburg und H96

Verein

Spiele

Tore

Torvorlagen

Borussia Dortmund

362

22

28

SC Freiburg

50

8

12

Hannover 96

35

2

-

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