Bundesliga: Darum wird Brazzo bei Bayern befördert

Hasan Salihamidzic wird zum Sportvorstand befördert und damit nominell einer der mächtigsten Männer beim FC Bayern. Ist er der Aufgabe gewachsen? Eine Analyse.
Hasan Salihamidzic wird zum Sportvorstand befördert und damit nominell einer der mächtigsten Männer beim FC Bayern. Ist er der Aufgabe gewachsen? Eine Analyse.

Hasan Salihamidzic wird zum Sportvorstand befördert und damit nominell einer der mächtigsten Männer beim FC Bayern. Ist er der Aufgabe gewachsen? Eine Analyse.

Uli Hoeneß hat sein letztes großes Ziel beim FC Bayern erreicht. Vier Tage vor seinem Rücktritt als Präsident sorgte Hoeneß in seiner letzten Sitzung als Aufsichtsratsvorsitzender dafür, dass das Gremium Hasan Salihamidzic vom Sportdirektor zum Sportvorstand beförderte.

"Ich persönlich bin sehr zufrieden. Ich glaube wir alle haben mit Hasan einen Volltreffer gelandet", hatte Hoeneß den 42-Jährigen schon im Mai gelobt.

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Aufgrund der massiven Unterstützung durch den scheidenden FCB-Boss und auch den Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge war die Aufwertung Salihamidzics zum 1. Juli 2020 erwartet worden, weil dann sein bisheriger Dreijahresvertrag ausläuft.

Zumal der gebürtige Bosnier mehrfach deutlich gemacht hatte, dass er in Zukunft nicht bereit sei, unter einem neuen Sportvorstand zu arbeiten. Und ab Januar rückt bekanntlich Oliver Kahn als designierter Rummenigge-Nachfolger in den Vorstand.

"Meine Aussage hatte überhaupt nichts mit Olli zu tun", erklärte Salihamidzic dazu. "Ich fülle schon jetzt als Sportdirektor das Aufgabenfeld eines Sportvorstandes aus."

Er selbst stellte sich schon Ende vergangenen Jahres ein hervorragendes Zeugnis aus. "In meiner bisherigen Arbeit habe ich wahrscheinlich mehr bewegt als meine Vorgänger in ihrer gesamten Amtszeit beim FC Bayern", sagte Salihamidzic der Welt am Sonntag.

Darüber gehen die Meinungen allerdings deutlich auseinander. Vor allem in den sozialen Netzwerken wird der ehemalige Profi regelmäßig heftig und oft auch hämisch kritisiert.

SPOX und Goal blicken auf Brazzos bisherige Bilanz.

Transfers

Der Anfang verlief stockend. Nach knapp drei Monaten verriss der kicker den neuen Mann förmlich. In dem Artikel mit der Überschrift "Der Azubi. Fleißig. Motiviert. Bemüht." wurden zahlreiche Pannen aufgelistet. Unter anderem soll Salihamidzic den potenziellen Neuzugang Thomas Lemar, damals bei AS Monaco, nicht gekannt haben und wollte ihn laut des Berichts erst via Youtube scouten.

Unbestritten ist allerdings auch, dass sich Salihamidzic danach mit seinem enormen Engagement in die Materie einarbeitete. Allerdings ist nicht ganz klar, wie viel Arbeit ihm gerade bei größeren Transfers, etwa dem Leihgeschäft von Coutinho, von Rummenigge und dem immer wieder eingesetzten Spielervermittler Giovanni Branchini abgenommen wird.

Gleichzeitig scheiterte das sehr offensive Werben um Callum Hudson-Odoi (Rummenigge: "Hasan hat sich fast schon in diesen Spieler verliebt"), der am Ende doch bei Chelsea verlängerte. Nicht hilfreich für Salihamidzics Ruf waren zudem die Berichte im Sommer, wonach er das Talent Sepp van den Berg noch beim Medizincheck beim FC Liverpool telefonisch vergeblich von einem Wechsel nach München zu überzeugen versucht haben soll.

Andererseits gab es seit seinem Dienstantritt auch keine Transferflops, worauf Hoeneß bei Sport1 vehement hinwies: "Hasan hat einen guten Job in diesem Jahr gemacht. Benjamin Pavard, Lucas Hernandez und Alphonso Davies sind alle auf seinem Mist gewachsen. Wir sind glücklich, dass wir mit diesen drei Spielern sensationelle Transfers gemacht haben."

Doch die Erwartungen werden nicht geringer: Als nächstes soll Salihamidzic Hochkaräter wie Leroy Sane, Kai Havertz und Alexander Nübel vom Rekordmeister überzeugen.

Jugendarbeit

Der FC Bayern begründete die Beförderung des Sportchefs auch mit seiner "hervorragenden Arbeit" im Unterbau: "Dies gilt nicht nur für den Profibereich, in dem er wesentlich für den sportlichen Erfolg der letzten Jahre mitverantwortlich ist, sondern auch für den Bereich der Jugend- und Nachwuchsförderung im Nachwuchsleistungszentrum des FC Bayern."

Allerdings sehen Beobachter diese Einschätzung als zu positiv an. Nach wie vor warten die Fans auf das erste Eigengewächs seit David Alaba, das den Sprung zu den Profis schafft. Lars Lukas Mai besitzt zwar einen Profivertrag, ist aber auch nach den langen Ausfällen von Niklas Süle und Lucas Hernandez keine echte Alternative.

Andere Hochgelobte wie Timothy Tillman, Joshua Zirkzee oder Oliver Batista-Meier sind ebenfalls weit von der ersten Mannschaft entfernt und spielen stattdessen bei den Amateuren, die immerhin im Sommer nach acht Jahren die Rückkehr in die dritte Liga schafften.

Weit weniger erfolgreich waren die A-Junioren, die hinter Stuttgart, Mainz und Ingolstadt nur Vierter in der Bundesliga-Staffel Süd/Südwest und seit 2004 nicht mehr Meister wurden. Besser machten es die B-Junioren, die ihrerseits Staffel-Meister wurden und erst im Halbfinale am 1. FC Köln scheiterten.

Daraufhin wollte Salihamidzic U-17-Coach Miroslav Klose ohne konkrete Absprache zum U-19-Trainer befördern, doch der Ex-Nationalspieler weigerte sich öffentlich und setzte sich durch. So bekam der einstige Bayern-Profi Martin Demichelis am Ende den Posten, dessen Trainererfahrung sich auf eine Saison als Assistent beim FC Malaga beschränkt. "Wo ist die Strategie?", fragte danach der Bayern-Blog Mia san Rot.

Standing im Verein

Als der FC Bayern im Sommer zunächst bei seinen Bemühungen auf dem Transfermarkt nicht weiterkam, gab es auch im Klub einige kritische Kommentare. Sogar von einer "Lachnummer" war da hinter vorgehaltener Hand die Rede.

Gleichzeitig gilt Salihamidzic sowohl bei den Mitarbeitern als auch den Spielern als sehr beliebt. Und die Gremien hat er zuletzt offenbar ebenfalls überzeugt. "Ich kann nur sagen, dass er im Aufsichtsrat eine gute Figur macht. Salihamidzic ist nah dran an den Spielern, das können der Präsident und der Vorstandschef gar nicht in dieser Form schaffen", sagte Aufsichtsratsmitglied Edmund Stoiber der Abendzeitung.

Und sein großer Fürsprecher Hoeneß erklärte: "Gerade in den letzten Wochen, in all diesen Entscheidungen, die da zu treffen waren, war er voll integriert und hat einen ganz wesentlichen Beitrag geleistet. Mit ihm werden wir beim FC Bayern noch viel Spaß haben."

Der Sportdirektor hat offensichtlich die wesentlichen Entscheider im Verein durch seinen Fleiß, seine Kompetenz und seine Weiterentwicklung hinter sich gebracht - auch den künftigen Präsidenten Hebert Hainer. "Er ist jeden Tag von morgens bis abends da und arbeitet wie ein Verrückter", sagt ein Insider. "Deshalb wird seine Arbeit sehr gut bewertet und dann ist die Beförderung der logische nächste Schritt. Kerngeschäft des FC Bayern ist nun mal der Sport und dafür sollte es auch einen Vorstand geben."

Auftreten

Die öffentlichen Auftritte gehören sicherlich zu den größten Schwachstellen Salihamidzics und haben daher maßgeblichen Anteil an seinem teilweise sehr negativen Image. Manchmal sucht er nach Worten, manchmal flüchtet er sich in nichtssagende Floskeln und Phrasen oder er irritiert wie zuletzt nach dem glücklichen Pokalerfolg der Münchner in Bochum.

"Ich bin da, einfach nur, um da zu sein", meinte er dort. "Ich bin einfach aus Freundlichkeit hier herausgekommen. Jetzt könnt ihr mich wieder nach Hause gehen lassen."

Andererseits hat Salihamidzic zuletzt auch wesentlich öfter Klartext geredet. Sein Auftreten sei viel besser geworden in den letzten zwei Jahren, heißt es dazu aus dem Verein. "Da ist eine klare Entwicklung erkennbar, aber natürlich ist noch Luft nach oben, denn Öffentlichkeitsarbeit gehört auch zu diesem Job", erklärte einer, der täglich mit dem einstigen Mittelfeldspieler zusammenarbeitet.

Daher fühlte sich Hoeneß am Sonntag auch genötigt, spontan im Doppelpass anzurufen und den Sportdirektor gegen die "despektierliche Kritik" öffentlich zu verteidigen: "Hasan hat einen guten Job dieses Jahr gemacht. Dass er nicht ständig genannt wird, zwischen Karl-Heinz (Rummenigge, d. Red.) und mir, ist klar. Aber es ist unverschämt, wie mit ihm umgegangen wird."

Die Frage bleibt, ob solche und andere ostentativen Lobeshymnen von Hoeneß und Rummenigge in der Vergangenheit Salihamidzic mehr nutzen oder schaden. Tatsache ist jedenfalls, dass er nach Hoeneß' Rückzug und der gleichzeitigen Aufwertung nun noch mehr im Brennpunkt stehen wird.

Hasan Salihamidzic im Steckbrief

Geburtstag

1. Januar 1977

Geburtsort

Jablanica, Bosnien-Herzegowina

Profivereine

Hamburger SV, FC Bayern, Juventus, VfL Wolfsburg

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