Witsel exklusiv: Das denke ich über Favre, Sancho und Bayern

Patrick Berger
Sport1

Axel Witsel gehört zu den wenigen Ü30-Spielern im BVB-Kader.

Im großen SPORT1-Interview zieht der 31 Jahre alte Mittelfeld-Star ein Rundenfazit. Der Belgier spricht über die Vizemeisterschaft, die großen Fehler in dieser Saison, Kritik an Trainer Lucien Favre, einen erneuten Bayern-Angriff und den wichtigen globalen Kampf gegen Rassismus.

SPORT1: Gesetzt den Fall, der BVB gewinnt das letzte Saisonspiel gegen Hoffenheim noch: Man hätte am Ende 72 Punkte. Wie würden Sie die Saison dann bewerten?

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Axel Witsel: Wir hatten uns zum Ziel gesetzt, die Bayern herauszufordern und sie im besten Fall sogar von Platz eins verdrängen zu wollen. Aber in einer so starken Liga wie der Bundesliga, in der auch Mannschaften wie Leipzig, Leverkusen oder Mönchengladbach immer stärker werden, ist auch ein zweiter Platz keine Schande – und jedes Finish innerhalb der Champions-League-Plätze ist erstmal ein gutes Ergebnis. Und wir hatten uns schon drei Spieltage vor Schluss dafür qualifiziert! 

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SPORT1: Sind Sie mit der Vize-Meisterschaft am Ende voll zufrieden? Muss man sich doch eingestehen, dass Platz zwei zurzeit das einzig möglich Erreichbare für den BVB ist?

Witsel: Erst einmal hat es sich gut angefühlt, Platz zwei mit einer so starken Leistung im direkten Duell mit Leipzig (2:0; Anm. d. Red.) klargemacht zu haben. Das war wichtig fürs Prestige, fürs Selbstwertgefühl und auch für die Art und Weise, wie wir uns aus dieser Saison verabschieden. In dieser Saison war Platz zwei am Ende das Maximum dessen, was für uns möglich war. Das haben wir geschafft. Feiern müssen und werden wir deshalb aber nicht.


Witsel analysiert: Das hat im Titel-Endspiel gefehlt

SPORT1: Was hat im Titel-Endspiel gegen Bayern, das man 0:1 verlor, letztlich gefehlt?

Witsel: Das war ein sehr enges Spiel, Kleinigkeiten haben entschieden. Und ehrlich gesagt: ein Pfiff des Schiedsrichters hätte geholfen! Ich glaube, es herrschen keine zwei Meinungen mehr über das Handspiel von Jérôme Boateng bei Erling Haalands Schuss in der zweiten Halbzeit – der sonst auch mit einiger Sicherheit ins Tor gegangen wäre. Und dann, wer weiß… Ansonsten hat in diesem Spiel nicht viel gefehlt. Sicher, das Gegentor – ein Traumtor übrigens – wäre womöglich besser zu verteidigen gewesen. Aber insgesamt haben die Spieler der Bayern ja gesagt, dass sie überrascht davon waren, wie sehr wir sie unter Druck gesetzt haben an diesem Abend.


SPORT1: Wäre das Spiel anders ausgegangen, wenn Sie, Emre Can und Jadon Sancho fit gewesen wären?

Witsel: Das zu sagen, wäre anmaßend und nicht anständig gegenüber meinen Kollegen. Wir wären alle gern dabei gewesen, doch leider kamen wir zu dieser Zeit alle drei relativ frisch aus Verletzungen zurück, aber das gehört nun mal zum Fußball dazu.

SPORT1: Was hat insgesamt – mit Blick auf die ganze Saison – gefehlt? 

Witsel: Kurz gesagt: Wir haben es ordentlich gemacht, aber noch immer haben wir in manchen Spielen unnötig Punkte abgegeben. Ich erinnere an die Spiele daheim gegen Bremen und Paderborn oder in Freiburg und Frankfurt. Konstanz ist also weiter ein Thema unserer Entwicklung, und das hat zumindest zum Teil sicher auch mit Erfahrung zu tun. Wir sind eben eine junge Mannschaft.

Bayern uneinholbar? "So leicht wollen wir es ihnen nicht machen"

SPORT1: Ist der FC Bayern einfach zu gut und damit uneinholbar?

Witsel: Von "uneinholbar" zu sprechen, käme ja einer Kapitulation gleich. So leicht wollen wir es ihnen nicht machen (lacht). Aber sie sind schon sehr gut. Schauen Sie: Stand jetzt haben wir von 16 Spielen in der Rückrunde 13 gewonnen. Aber selbst so einer Bilanz setzen sie noch einen obendrauf. Wie viele Spiele haben sie jetzt am Stück gewonnen, elf? Das verdient schon großen Respekt.

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SPORT1: Mats Hummels hat nach dem Sieg in Leipzig eine Titel-Ansage für die kommende Saison gemacht. Ist die Meisterschaft im nächsten Jahr wirklich möglich?

Witsel: Wir werden die Bayern jedenfalls wieder attackieren. Aber dazu wird wohl auch gehören müssen, sie in den direkten Duellen zu besiegen. Vergangene Saison ist uns das im Hinspiel in der Hinrunde gelungen, seither nicht mehr. Das gehört zur Wahrheit auch dazu.

SPORT1: Trainer Lucien Favre wird immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, er könne mit Dortmund keine Titel gewinnen. Was sagen Sie dazu?

Witsel: Dazu sage ich, dass es in Deutschland genau eine Mannschaft mit einer Art Titelgarantie gibt. Alle anderen nehmen die Herausforderung an und freuen sich umso mehr, wenn es klappt. Wir haben unter Lucien Favre in zwei Jahren rund 150 Punkte geholt – das wäre für jede Mannschaft der Welt ein Top-Ergebnis! Er ist auch, wenn ich richtig informiert bin, der BVB-Trainer mit dem historisch besten Punkteschnitt – sogar noch vor einem gewissen Jürgen Klopp (lacht). Auch einen Torrekord, wie wir in dieser Saison, stellt man bei einem Klub wie Borussia Dortmund nicht en passant auf. So furchtbar viel verkehrt kann er also nicht gemacht haben.

Witsel von BVB-Trainer Favre überzeugt

SPORT1: Sie sprechen viel mit ihm als Führungsspieler, sind ständig im Austausch. Ist er weiterhin der Richtige?

Witsel: Ob Führungsspieler oder Reservist – ich bin überzeugt, dass sie im gesamten Team kaum jemand finden würden, der Zweifel an seiner Fußballkompetenz hat!

SPORT1: Der letzte Titel (DFB-Pokal 2017) liegt drei Jahre zurück, die letzte Meisterschaft gar acht Jahre. Die Fans sehnen sich nach einem großen Erfolg. Wann holt der BVB mal wieder etwas Blechernes?

Witsel: Wenn's nach mir geht: So schnell wie möglich! Aber es ist nun mal kein Wunschkonzert, und auch ein Wettbewerb wie der DFB-Pokal ist eine große Herausforderung.

SPORT1: In den entscheidenden Spielen - gegen Bayern, im Pokal gegen Bremen und in der CL gegen Paris – hat die Mannschaft nicht die nötige PS auf die Straße gebracht. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Witsel: Es ist sicher nicht zufriedenstellend, dass dem so ist. Und wir müssen zwingend daraus lernen und es bei nächster Gelegenheit besser machen. Das muss das Ziel sein, dieser Lernprozess gehört auf dem Weg zu einer richtig großen Mannschaft dazu. Wobei ich, ohne zu jammern, auch einschränken möchte: Die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die in aller Regel eben auch mit einem Mehr an Qualität einhergehen, sind bei Mannschaften wie den Bayern und insbesondere Paris schon noch mal andere als beim BVB. Das ändert aber nichts daran, dass wir im DFB-Pokal hätten liefern müssen.


SPORT1: In der Rückrunde hat sich Ihr Team enorm gesteigert. Einer starken Offensive steht jetzt auch eine sehr gute Abwehr, die nur 13 Gegentore kassiert hat, gegenüber. Wie haben Sie das geschafft?

Witsel: Hier würde ich sagen, dass das Trainerteam, aber auch die gesamte Mannschaft einen Anteil haben. Spätestens nach dem Pokal-Aus und dem wilden Ritt in Leverkusen (3:4 nach 3:2-Führung; d. Red.) hatte auch der Letzte begriffen, dass wir so nicht weitermachen können – und dass der Weg zum Erfolg in erster Linie über eine stabile Defensive führt. Da müssen aber alle mitmachen! Verteidigen beginnt beim Mittelstürmer, genauso wie der Spielaufbau schon beim Torwart anfängt.

SPORT1: Hatte die Umstellung auf eine Dreier- bzw. Fünfer-Kette entscheidenden Anteil?

Witsel: Diese Umstellung hatten wir schon früher vorgenommen, genauer gesagt nach dem 3:3 gegen Paderborn im November – auch so ein einschneidendes Erlebnis in dieser Saison. Ein System sollte niemals eine Ausrede sein, aber es scheint so zu sein, dass wir uns mit einer Dreier- beziehungsweise Fünfer-Kette wohler fühlen.

Can und Haaland "haben uns unglaublich gutgetan"

SPORT1: Hätte man die Meisterchancen gesteigert, wenn man früher schon umgestellt hätte?

Witsel: Auch das ist hypothetisch. Und wenn Sie mal in die Saison zuvor schauen: Dort hatten wir es auch mit Viererkette teilweise überragend gemacht, waren an 21 von 34 Spieltagen Tabellenführer. Alles nur am System fest zu machen, ist mir zu billig. Am Ende entscheiden es elf Spieler auf dem Platz.

SPORT1: Welche Bedeutung haben die Winter-Zugänge Can und Haaland für Ihr Team?

Witsel: Ohne Frage haben beide uns unglaublich gutgetan, mit ihrer spielerischen Klasse, Erling mit seinem Torriecher, Emre mit seiner Flexibilität im Mittelfeld und in der Abwehr, und beide auch mit ihrem unbedingten Siegeswillen.

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SPORT1: Bringen Sie die bislang fehlende Energie und den nötigen Siegeswillen in die Mannschaft, um im nächsten Jahr anzugreifen?

Witsel: Energie und Siegeswillen kann man nie genug haben – ich würde aber nicht von "fehlen" und "nötig" sprechen. Noch mal: Wir waren auch ohne die beiden schon die zweitbeste deutsche Mannschaft und wollen diese Lücke nach oben durch sie ein weiteres Stück verringern.

SPORT1: In den letzten Spielen gab es immer wieder strittige Handspiel-Entscheidungen, die teilweise auch gegen den BVB entschieden wurden. Verstehen Sie die Handspiel-Regel noch? Was sollte man ändern?

Witsel: Nach meiner Wahrnehmung liegt das Hauptproblem darin, dass die Schiedsrichter selbst nicht mehr durchblicken, und mit ihnen auch die Video-Assistenten. Die Regeln an sich sind wohl nur in zweiter Linie das Problem; das Problem sind vielmehr die Auslegungen, die zum Teil niemand mehr nachvollziehen kann. Identische Vergehen müssen identische Konsequenzen haben – aber genau das ist eindeutig nicht der Fall.

"Jadon liebt es, an Grenzen zu gehen"

SPORT1: Wie wichtig wäre mit Blick auf einen Meisterangriff der Verbleib von Jadon Sancho und wie nehmen Sie ihn, der ja wesentlich jünger als Sie ist, als Typen wahr?

Witsel: Jadon ist ein guter, positiver Junge. Er liebt es, an Grenzen zu gehen, als Spieler und auch als Typ. Wir alle mögen ihn, auch wenn wir ihn manchmal an unsere Regeln erinnern müssen. Sportlich ist sein Wert unumstritten. Natürlich hilft er uns mit seinen Toren und seinen Assists, seinen Dribblings und Finten.


SPORT1: Sie spielen noch gegen Hoffenheim, es geht um Nichts mehr – wie halten Sie die Spannung hoch?

Witsel: Machen wir uns nichts vor: Spätestens mit dem zweiten Platz in der Tasche könnte man meinen, dass es für uns um nicht mehr viel geht. Aber wir sind Sportler und Profis, unser Anspruch muss es sein, auch in so einer Situation unser Bestes zu geben. Außerdem geht es für Hoffenheim noch um was, auf dem Silbertablett wollen wir ihnen die drei Punkte auf gar keinen Fall anbieten.

SPORT1: Sind Sie nach dieser langen Saison mit Corona-Pause urlaubsreif?

Witsel: Ehrlich gesagt, ja! Zumal die kommende Saison auch sehr eng getaktet zu werden verspricht – mit einer EM ganz am Ende.

SPORT1: Weg vom Sport: Sie hatten Ihre Afro-Frisur kürzlich umstylen lassen zu Rastazöpfen. Jetzt sind Sie wieder zurückgekehrt zur alten Frisur. Waren Sie nicht zufrieden? 

Witsel: Nein, das hatte damit nichts zu tun. Wir hatten uns alle, auch meine beiden Töchter, Zöpfe flechten lassen. Aber ich mag meine Frisur, sie ist in gewisser Weise mein Markenzeichen.

Witsel: "Rassismus darf keinen Platz haben"

SPORT1: Ein wichtiges Thema, das uns global betrifft, ist Rassismus. Ihre Kollegen Sancho und Hakimi haben kürzlich mit T-Shirt-Protesten aufmerksam gemacht. Wie fanden Sie das?

Witsel: Jede Botschaft, die auf Missstände aufmerksam macht, ist eine gute Botschaft. Deshalb war ich sehr zufrieden mit den beiden, genau wie mit allen anderen, die sich auf diese oder andere Weise an dem Protest gegen Rassismus beteiligt haben; aber auch mit der Reaktion der Verbände, dies nicht kleinkariert zu sanktionieren. Denn dazu ist das Thema insgesamt viel zu wichtig.


SPORT1: Wie sind Ihre Rassismus-Erfahrungen? Ihr Vater Thierry, der aus Martinique stammt, hatte kürzlich in einer Kolumne bei The Last Hour erklärt, dass er und auch Sie Opfer von Rassismus wurden. Bei Spielen von Ihnen als Kind habe er sich bewusst nicht neben andere Eltern gesetzt, um bestimmte Dinge nicht zu hören. Er sagt auch, dass Sie als Kind manchmal weinend nach Hause kamen deshalb.

Witsel: Es stimmt leider. Man kann es nur immer und immer wieder wiederholen: Rassismus darf keinen Platz haben, nicht im Sport und nicht in der Gesellschaft. Niemand wird als Rassist geboren, deshalb müssen wir die Botschaft in die Köpfe bringen, dass es egal ist, welche Hautfarbe ein Mensch hat.


SPORT1: Wie politisch sollte der Fußball sein?

Witsel: Fußball ist in erster Linie ein Spiel, das den Menschen Freude bereiten sollte. Aber seine Bühne ist auch so ungemein groß, dass es geradezu eine verschenkte Chance wäre, wenn man seine Reichweite nicht auch für wirklich wichtige Botschaften nutzen würde. Wir müssen manche Dinge ändern. Das Bewusstsein, dass der Fußball dazu beitragen kann, scheint sich gerade in den Köpfen vieler Spieler, aber auch bei Funktionären durchzusetzen. Ich halte das für eine gute Sache.

SPORT1: Was wünschen Sie sich in gesellschaftlichem Bezug für die Zukunft?

Witsel: Es gibt so vieles, was wir besser machen können. Corona hat es uns in Bezug auf die Umwelt und einen menschlichen Umgang gelehrt. Und dann kommen solche Bilder aus einem Land wie den USA, von dem wir alle denken, dass es so hochentwickelt wäre. Das stimmt mich traurig. Wie gerade schon gesagt: Es sollte im Jahr 2020 nirgendwo auf der Welt mehr eine Rolle mehr spielen, welche Farbe die Haut eines Menschen hat. Wir sollten alle vernünftig miteinander leben und das Leben genießen.

SPORT1: Abschließend gefragt: Beim BVB haben Sie noch Vertrag bis 2022. Was ist Ihr sportlicher Wunsch für diesen Zeitraum mit Dortmund?

Witsel: Wie war weiter oben noch mal die Frage nach der Sehnsucht nach Titeln …? (lacht)

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