BVB steckt in der Erwartungsfalle

Mounir Zitouni
Sport1

Zwei Sachen sind klar: Diese Dortmunder können besser Fußballspielen. Und: Sie werden das auch tun. Nur unter welchem Trainer, das ist die besondere Frage.

Die Arbeit, die Lucien Favre abliefert, ist genau jene, mit der er vor einem Jahr das BVB-Rennpferd zu Glanzleistungen trieb. Der Unterschied zu damals: das Rennpferd ist aktuell mit einem Ballast behängt, das einen Sturmlauf unmöglich erscheinen lässt.

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BVB steckt in der Erwartungsfalle

Der BVB steckt vor allem in einer Erwartungsfalle. Nachdem man sich in der vergangenen Saison nicht dazu durchringen konnte, offensiv die Meisterschaftsansprüche zu formulieren, "blieb dem BVB nichts anderes übrig, als die Meisterschaft als Ziel auszurufen", erklärte Marco Reus im Sommer. Die Messlatte war so hoch wie nie, Spieler und Verantwortliche waren sich einig, dass die Mannschaft besser mit dem Druck würde umgehen können.

Aber es ist eben ein Unterschied, ob man nur positiv überraschen kann wie in der vergangenen Saison oder versucht das zu erfüllen, was alle Welt erwartet.

Als ein Jürgen Klopp als amtierender Deutscher Meister in der Saison 2011/12 mit acht Punkten Rückstand auf Bayern da stand, kurze Zeit später sogar in der Champions League hinter Teams wie Piräus oder Marseille in der Gruppe sang- und klanglos Vierter wurde, da blieb man ruhig.

Die Erwartungen waren nicht groß, man wollte in der Liga einen Platz unter den ersten Drei und kommunizierte das auch so. Keiner hat irgendwas von der Titelverteidigung erzählt. Im Gegenteil. Boss Hans-Joachim Watzke sagte damals: "Dass Bayern Meister wird ist so sicher wie das Amen in der Kirche." Ein Satz, der für keinerlei Aufregung rund um den Borsigplatz sorgte. Meister wurde am Ende jener Saison übrigens Dortmund.


BVB fehlt "positiv besetzte Erfahrung"

Im Sport braucht es selbstverständlich große Ziele, um etwas zu erreichen. Ohne eine Fokussierung und die Formulierung dessen ist maximaler Erfolg schwer möglich. Doch besonders im Sport ist es so, dass Menschen von ihren Ressourcen abhängig sind, um Rückschläge zu meistern.

Eine wichtige Ressource ist "positiv besetzte Erfahrung". Bayern-Spieler können auf ihrem Weg zu Erfolgen mit Rückschlägen gut umgehen, weil sie schon zigmal Meister geworden sind und erlebt haben, wie sie trotz negativer Ereignisse am Ende ihr Ziel sprich Meisterschaft erreicht haben.

Die Erwartungen von außen tun sie ab, indem sie voller Zutrauen sagen "das wird schon". Diese Erfahrung fehlt 95 Prozent der BVB-Akteure, die nach den ersten Rückschlägen dieser Saison die hohen Erwartungen als immense Belastung empfanden.

Mounir Zitouni - Autor dieses Textes - arbeitet als Business-Coach für Veränderung, Entwicklung und Persönlichkeit (www.mounir-zitouni.de). Als Ex-Profifußballer (unter anderem Kickers Offenbach und Eintracht Frankfurt) und ehemaliger Sportjournalist (kicker Sportmagazin) weiß er genau um die Anforderungen und den Druck in einem spannungsgeladenen und leistungsausgerichteten Umfeld.

Und wenn du als Sportler nur noch das siehst, was du zu verlieren hast, dann ist das der Anfang vom Ende. Leistungen entscheiden sich vor allem im Kopf. Es geht für die Verantwortlichen deshalb darum, den mentalen Zustand des Teams umzucodieren.

Das ist in einer bestehenden Konstellation um einiges schwerer. Ein neuer Trainer würde die Türen aufreißen, die alte Luft, die alten Ziele und eventuell die alten Trikots hinausbefördern und sagen: Vergesst was war, ab sofort sind wir eine neue Mannschaft mit neuen Zielen.

Der Ballast wäre weg und das schwarz-gelbe Pferd hätte gute Chancen bis zum Ende um die ersten Plätze mitzukämpfen.


Neuprogrammierung als Ziel

Ein Mauricio Pocchettino oder ein Daniel Farke hätten die Akzeptanz für ein solches Vorgehen, ein Favre weniger. Für ihn ist es nach diesen Monaten um einiges schwerer, einen Neuanfang auszurufen. Doch er muss es tun, es wäre eine gute Möglichkeit, das Team wieder in die Erfolgsspur zu bekommen. Daneben gilt es, dass Favre Kongruenz in sein Handeln bekommt.

Als Trainer kann man nicht offensiv den Titel als Ziel ausrufen, um dann bei Taktik und Aufstellung Mut und Überzeugungskraft fehlen zu lassen. Das, was man nach außen kommuniziert, muss sich auch im Handeln widerspiegeln, sonst geht die Glaubwürdigkeit bei Spielern und Umfeld verloren. Also, es braucht Überzeugung.

Reus und Co. müssen wieder erkennen und spüren, was sie gut können und was sie im Vorjahr ausgezeichnet hat. Die ständige Konfrontation in der Öffentlichkeit mit Fehlverhalten, Schwächen und Misserfolgen hat Zweifel gesät, die gilt es aus den Köpfen zu bekommen.

Es geht um eine Neuprogrammierung. Dazu gehört eventuell auch die Ermittlung eines neuen positiv formulierten Ziels, mit dem sich jeder Akteur wirklich zu 100 Prozent identifiziert und welches auch in seinem Einflussbereich liegt.

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Der einzelne Spieler hat es nicht in der Hand, ob man Meister wird. Was er aber kann ist, sich in jedem Training zu 100 Prozent einzubringen, seine Mitspieler zu unterstützen, wenn er Ersatz ist, etc.

Diese Unterscheidung zwischen Mannschaftsziel ("Meisterschaft") und individuellem Ziel ("ich tue alles für den Erfolg") ist wichtig.

Fünf Punkte beträgt der Rückstand in der Liga auf den Ersten, zwei Punkte auf einen Champions-League-Platz. Alles ist machbar. Und selbst wenn in 14 Tagen das Aus in der Königsklasse passieren würde: Der Verein hat bewiesen, dass das nicht das Ende der Welt sein muss.

Auch das ist eine Frage der Herangehensweise. Erinnern wir uns: Als der BVB 2011 aus der Champions League flog, sagte Trainer Klopp nur, dass die erneute Qualifikation für diesen Wettbewerb wichtiger sei als sich eine Runde weiterzuwurschteln und dann rauszufliegen.

Es war der Startpunkt für den zweiten Meistertitel infolge….

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