Champions League: BVB-Aus in Paris: Tag der Plädoyers

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Dortmund ist bei PSG im Achtelfinale der Champions League ausgeschieden, weil die Borussia eine Partie ablieferte, die zur Geschichte des BVB unter Trainer Lucien Favre passte. Das Geisterspiel im Pariser Parc des Princes - und nicht nur dieses - verdeutlichte jedoch vielmehr, dass man angesichts der Coronavirus-Pandemie beinahe zwangsläufig zu zwei Ableitungen kommen muss.

Nach dem Geisterspiel im Pariser Parc des Princes schieden sich bei Borussia Dortmund offensichtlich auch die Geister. "Wir waren zu fehlerhaft, PSG hatte keine Probleme, die beiden Tore zu erzielen. Offensiv waren wir harmlos. Wir waren nicht gut genug", sagte Sportdirektor Michael Zorc am Sky-Mikrofon zur Leistung des BVB, der durch die im Achtelfinale der Champions League ausschied.

Zwei Stunden zuvor war Zorc noch davon überzeugt, dass es einen "ähnlichen Auftritt wie in Dortmund" benötige, um eine Chance aufs Weiterkommen zu haben. "Wir müssen versuchen, unser Spiel hier selbstbewusst durchzusetzen", forderte Zorc. Beim 2:1-Hinspielsieg war dies der Borussia gelungen, 90 Minuten lang setzte man das Starensemble von PSG konsequent unter Druck.

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Doch dies war den Schwarzgelben in der französischen Hauptstadt zu keiner Zeit gelungen. Was nicht überraschte, war die Aussage von Lucien Favre, er empfinde angesichts des Ausscheidens "eine große Enttäuschung". Überraschend und konträr zu Zorcs Einschätzung fiel die Analyse des BVB-Trainers aus.

BVB-Trainer Favre: "Insgesamt war es nicht schlecht"

"Es war überhaupt nicht schlecht. Nach den ersten 20 Minuten wurde es besser, auch in der zweiten Halbzeit. Wir hatten nicht viele Gelegenheiten, haben manchmal das Spiel kontrolliert, sehr hoch gespielt und sehr hoch gepresst. Wir haben viel Risiko genommen. Insgesamt war es nicht schlecht", plädierte Favre, unter dessen Ägide die Dortmunder nun in beiden Spielzeiten in Königsklasse und DFB-Pokal jeweils im Achtelfinale die Segel strichen.

Gewiss, das "nicht gut genug" von Zorc stellt nicht das Gegenteil von Favres "nicht schlecht" dar, doch nach den angesichts des Zuschauerausschlusses aufgrund des Coronavirus' atmosphärisch trostlosen 90 Minuten vom Mittwochabend muss festgehalten werden, dass Dortmund zweifelsfrei ein weitestgehend schwaches Spiel ablieferte.

Ein Spiel, das zur Geschichte des BVB unter Favre passte: Während man im heimischen Stadion kaum Punkte abgibt und bereits mehrfach bewies, auch hochklassige Gegner bezwingen zu können, gehen der Mannschaft in Auswärtsspielen viel zu häufig elementare Qualitäten ab - nicht nur, aber gerade gegen die Top-Teams. Dortmunds Auftritt in Paris war unreif, weil er gekennzeichnet war von wenig Mut, geringer Sicherheit und fehlender Leichtigkeit.

PSG schien bereiter für die ungewohnten Umstände

Als Grundtugend hätte es beispielsweise jene Aggressivität gebraucht, die einige Spieler in der 88. Minute an den Tag legten, als es nach einem Foul von Emre Can an Neymar zu einer wüsten Rudelbildung kam, in dessen Folge der Dortmunder einen letztlich zu harten Platzverweis sah. Das hohe Pressing, das Favre gesehen haben wollte, fand vielmehr auf der Gegenseite statt.

Dort hatte es die seit dem Hinspiel stark in die Kritik geratene und zugleich enorm unter Druck stehende Truppe von Ex-BVB-Trainer Thomas Tuchel geschafft, sich emotional mit der nötigen Energie aufzuladen. PSG schien deutlich bereiter für die ungewohnten Umstände zu sein und zeigte gerade in der Balleroberung eine kollektiv starke Leistung. Dortmund hatte so nur selten Ruhe in Ballbesitz - und wenn sie einmal eintrat, fehlten Favres Elf Zielstrebigkeit und Durchschlagskraft in der Offensive.

Womöglich fehlte der Borussia auch die übliche Atmosphäre, die Unterstützung der eigenen Anhänger. Dortmund ließ sich zwar nicht hängen, legte im zweiten Durchgang zu und kam sowohl zu mehr Ballbesitz, als auch zu mehr Torabschlüssen. Doch irgendwie mangelte es dem Team von Beginn an am emotionalen Push. Die Pariser arrangierten sich besser mit einem Stadion ohne Zuschauer.

Geisterspiele sind ein Plädoyer für die Fans

"Wir wussten, dass es hart wird, aber es war überhaupt kein gutes Spiel von uns. Die Fans hat man schwer vermisst. Das soll keine Ausrede für unsere Leistung sein", sagte der blass gebliebene Erling Haaland und ließ dann einen entscheidenden Satz fallen: "Man braucht sie aber unbedingt."

Der Norweger bezog sich mit dieser Feststellung freilich nur auf die Begegnung in Paris. Doch ob neutraler Beobachter oder eingefleischter Fan, wer in dieser Woche die Geisterspiele in Valencia oder das Bundesliga-Nachholspiel in Mönchengladbach sah, muss beinahe zwangsläufig zu zwei Ableitungen der aktuell schwierigen Gesamtlage kommen.

Die bisherigen und mit sehr großer Wahrscheinlichkeit auch kommenden Geisterspiele in Europa sind ein Plädoyer dafür, dass der Fußball ohne seine Fans nichts wert ist. Sie sind integraler Bestandteil der Attraktivität dieses Sports. Ein Fußball ohne Zuschauer in den Stadien verringert den Spaß deutlich, langfristig würde er gar öde.

"Ich finde es schlimm", machte auch Tuchel deutlich, viele Trainer äußerten sich in den vergangenen Tagen ähnlich. "Es ist super schade, Fußball ist für die Zuschauer da. Die besten Spiele sind immer ein Zusammenspiel zwischen Spiel, Mannschaft und Zuschauer. Dann entsteht eine besondere Atmosphäre. Wenn das komplett fehlt, ist das sehr trist."

Geisterspiele auch Plädoyer für Unterbrechen der Saison

Trist, aber schlichtweg real ist vor allem ein Fakt: Die Geisterspiele sind derzeit unabdingbar. Dass dies im Zeichen des vehement grassierenden Coronavirus' noch viel zu viele Menschen nicht erkannt haben, ist erschreckend - ganz egal, ob es sich um Entscheidungsträger in Fußballklubs und Politik oder die Fanansammlungen vor den geschlossenen Stadien handelt.

Der exponentielle Verlauf der Pandemie, die ersten infizierten Profifußballer, ein sich aus allen Wettbewerben zurückziehender Klub und als Antwort darauf reizlose, weil ohne Publikum ausgetragene Partien: All dies ist in erster Linie ein Plädoyer dafür, die sportlichen Wettbewerbe vorzeitig zu unterbrechen. Wenn nicht gar die Saison sofort abzubrechen sowie die Europameisterschaft bis auf Weiteres zu verschieben.

Heruntergebrochen auf den BVB würde das wohl auch die "große Enttäuschung" des Ausscheidens abfedern. Und es gänzlich obsolet machen, sich über die unterschiedlichen Sichtweisen von Zorc und Favre auf ein dann wertloses Spiel zu wundern.

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