BVB in Monaco: Das Schlüsselspiel der Saison?

Marco Reus

Auch das dritte Pflichtspiel seit dem Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund steht unter besonderer Beobachtung: Ein Scheitern im Champions-League-Viertelfinale gegen die AS Monaco (20.45 Uhr im LIVETICKER) hätte aufgrund der Konstellation im Hinspiel einen bitteren Beigeschmack zufolge. Doch dem BVB könnte an der Cote d'Azur auch ein Meilenstein gelingen.

Der Weg zurück in die Normalität ist nie kurz und nie normal. Die vielschichtigen Folgen des Anschlags auf den Mannschaftsbus werden die Spieler und Angestellten von Borussia Dortmund noch eine ganze unbestimmte Weile lang beschäftigen. Vor allem jene, die über das Dasein als Sportler und Prominenter hinausgehen und den Menschen unter dem Trikot berühren.

Um in diesen diffizilen Tagen ein gesundes Maß an Abstand und Privatsphäre zu garantieren, schützt der BVB seine Spieler derzeit vor zu häufiger Konfrontation von außen. So wird momentan beispielsweise nicht auf Interviewwünsche mit den Betroffenen eingegangen.

Das gilt abseits der Partien auch für die Medienarbeit am Flughafen. Vor Reisen zu internationalen Begegnungen äußern sich dort normalerweise immer ein, meistens auch zwei Spieler. Nun, bevor Flug EW1909 am Dienstagmittag von Dortmund gen Nizza abhob, blieben die Spieler stumm.

Zurück in die Normalität

"Es ist schön, dass man die Solidarität spüren kann", sagte dafür Sportdirektor Michael Zorc am Terminal in Wickede. "Aber jetzt geht es ein Stück weit zurück in die Normalität."

Dieser Gang bleibt einem nicht erspart, der Rahmenterminkalender gibt ihn quasi vor. Im April jagt ein Spiel das andere. Allzu lang kann und darf die Borussia gar nicht in der Schockstarre verharren oder sich Zeit zur Verarbeitung nehmen - so traurig das nüchtern betrachtet auch sein mag.

Denn auch das Rückspiel in Monaco, die dritte Partie seit dem Anschlag, hat einen besonderen Charakter. Dieser ergibt sich natürlich vor allem aus der Konstellation des Hinspiels.

BVB wurde die Chancengleichheit genommen

Dortmunds Spieler, die die Begegnung am vergangenen Mittwoch gar nicht antreten wollten, flogen mit einer 2:3-Niederlage als Hypothek an die Cote d'Azur. Wie kompliziert ein solches Ergebnis sein kann, zeigt allein schon die Statistik: In der Geschichte der Champions League ist es erst zwei Teams gelungen, nach einer Heimniederlage noch in die nächste Runde einzuziehen.

Legt man die menschliche Tragweite des Sprengstoffanschlags vom 11. April zur Seite und blickt lediglich auf die sportlichen Fakten, wurde der BVB mit der schnellen und unvernünftigen Wiederansetzung des Hinspiels einer großen Möglichkeit beraubt. Nämlich der auf Chancengleichheit.

Das Ende der Saison: Kommentar zu den Geschehnissen beim BVB

Nicht umsonst betonte Trainer Thomas Tuchel bereits in der letzten Woche, dass es "hier auch um unseren Champions-League-Traum geht". Dieser baumelt nun am seidenen Faden, denn das Hinspiel ging kaum 24 Stunden nach der Tragödie in die Wertung ein. Als sei zuvor nichts passiert.

Watzke: "Chance? Es ist eine da"

So wollten es die Verantwortlichen und dies müssen Spieler und Trainerteam nun eben ausbaden. Die verlockend schillernde Bühne Champions League, mit der Tuchel die Leistungssteigerungen seines Personals im Laufe der Saison immer wieder erklärte, konnte ihre Reize beim Hinspiel nicht einmal annähernd entfalten. Und auch die Reise an Frankreichs Südküste war keine wie sonst, denn sie wurde von verschärften Sicherheitsvorkehrungen begleitet.

Zwar ist für den BVB durch die bloße Qualifikation für das Viertelfinale bereits ein Saisonziel erreicht. Scheitern die Schwarzgelben allerdings nun, dürfte für den Verein ein bitterer Beigeschmack haften bleiben. Denn Monaco, dafür hätte es die Partie in Dortmund gar nicht gebraucht, ist für die Borussia ein machbarer Gegner.

Und so stellte sich Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke vor dem Abflug am Dienstag an Zorcs Seite und verkündete, angesichts des Hinspielergebnisses nicht in Träumereien zu verfallen. "Wir wissen auch, dass die Chance nicht sehr groß ist", sagte Watzke. "Aber es ist eine da."

Schlüsselspiel im Stade Louis II

Dieser Rest an Zuversicht speist sich aus dem beeindruckenden Charakter, den die Mannschaft seit den Vorfällen am Dortmunder Mannschaftshotel bewies. In drei der vier seitdem gespielten Halbzeiten zeigte sich Tuchels Team sportlich mehr als konkurrenzfähig und trotz der komplizierten Begleitumstände in der Lage, an die eigene Leistungsgrenze zu gehen.

"Die Mannschaft hat fast Übermenschliches geleistet. Daraus wird sie Kraft ziehen", ist sich Watzke nach den letzten Eindrücken sicher. "Das wird uns als Mannschaft zusammenschweißen", glaubt auch Kapitän Marcel Schmelzer.

Die Partie im Stade Louis II könnte für die Dortmunder daher das Schlüsselspiel dieses in allen Belangen sehr ungeraden Saisonverlaufs werden. Stünde am Ende ein vorzeitiges Ausscheiden, wäre dies nicht nur ärgerlich. Es könnte für die ehrgeizigen Akteure auch nachwirken, da für sie im Hinspiel schlicht keine Gelegenheit bestand, auf Augenhöhe mit den Monegassen zu konkurrieren.

100. Champions-League-Spiel für Dortmund

Sollte der BVB seinen 100. Champions-League-Auftritt allerdings doch noch erfolgreich gestalten und in die Runde der letzten Vier einziehen, würde man damit nichts anderes als einen Meilenstein erreichen. Einer, der ebenfalls nachhaltig werden könnte.

Die sportliche Schlagkraft, die die vom Anschlag unmittelbar Betroffenen gerade in den letzten 135 Spielminuten zusammen aufs Feld brachten, hat die Energien innerhalb des Teams neu verteilt. Die Mannschaft durchleidet gemeinsam ein Schicksal, das in einer Gruppe Fürsorge, Mitgefühl und Unterstützung wecken kann.

"Wir sind noch enger zusammengerückt und einfach eine Einheit", sagte Marco Reus bei der Pressekonferenz im Stadion. Nun einmal weg von zu Hause in einem anderen Umfeld zu sein, könne sehr viel Energie freisetzen. Man habe sich emotional stabilisiert, meinte Tuchel anschließend.

Wie die Spieler zuletzt verbal und sportlich an einem Strang zogen, dadurch dürften sich die einzelnen Charaktere ein gutes Stückchen näher gekommen sein. Tuchel hat eine "Empathie und Hochachtung vor den Gefühlen des anderen und viel Einfühlungsvermögen" bei seiner Truppe ausgemacht.

Weiterkommen wäre vielfach wertvoll

Natürlich bleibt dennoch nicht aus, dass einige Mitglieder der Mannschaft den Fußball in diesen Tagen als unwichtig abstempeln - wie es beispielsweise Schmelzer nach dem Bundesligasieg gegen Frankfurt (3:1) tat.

Doch die fußballerischen Reaktionen auf das Geschehene lassen beim BVB die Hoffnung aufkeimen, dass die Spieler in den 90 oder mehr Minuten wieder den Willen und die Beharrlichkeit verkörpern, die in einem Viertelfinale der Königsklasse auch vonnöten sind.

Selbstvertrauen, spielerische Leichtigkeit, das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Mannschaft, all diese Kategorien würde ein Weiterkommen mit frischem Leben füllen.

Angesichts der auch nach dem Auftritt im Fürstentum knackigen Restwochen wäre dies sowohl für die menschliche, als auch sportliche Statik des Vereins ungemein wertvoll.

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