Champions League: Dortmunds CL-Aus: Wollen ja, können nein

Borussia Dortmund ist nach zwei Niederlagen gegen die AS Monaco im Viertelfinale der Champions League ausgeschieden . Nur acht Tage nach dem Sprengstoffanschlag auf den Mannschaftsbus des BVB waren Mentalität, Wille und Zuversicht bei den Spielern zurück. Dass die Borussen diese Werte gegen einen offensivstarken Kontrahenten nicht konstant genug auf den Platz bekamen, sollte nicht zu Fehlschlüssen verleiten.

Borussia Dortmund ist nach zwei Niederlagen gegen die AS Monaco im Viertelfinale der Champions League ausgeschieden. Nur acht Tage nach dem Sprengstoffanschlag auf den Mannschaftsbus des BVB waren Mentalität, Wille und Zuversicht bei den Spielern zurück. Dass die Borussen diese Werte gegen einen offensivstarken Kontrahenten nicht konstant genug auf den Platz bekamen, sollte nicht zu Fehlschlüssen verleiten.

Während am späten Dienstagnachmittag die Spieler und Verantwortlichen von Borussia Dortmund bei frühlingshaften Temperaturen in Nizza landeten und sich anschließend ins pompöse Monaco begaben, ging rund 1200 Kilometer weiter nördlich akribische Arbeit vonstatten.

Während Marco Reus und später Trainer Thomas Tuchel in den Katakomben des architektonisch skurril anmutenden Stade Louis II ihre ganze Zuversicht auf ein Weiterkommen in der Champions League vor der Presse äußerten, bemühte man sich im Süden Dortmunds um größtmögliche Duplizität.

Die Generalbundesanwaltschaft hatte die Wittbräucker Straße rund um den Tatort erneut abgesperrt, um den Sprengstoffanschlag auf den Dortmunder Mannschaftsbus nachzustellen.

Bartras Rede "sehr emotional"

Erste Erkenntnisse verdeutlichen dabei ein weiteres Mal: Die Insassen hatten am Abend des 11. April eine unfassbare Portion Glück, allesamt mit dem Leben davon gekommen zu sein. Wären die drei Sprengsätze Sekunden früher gezündet und näher am Bus platziert worden, es hätte mehr als "lediglich" einen Verletzten gegeben. Es hätte Tote gegeben.

Um die Motivation, den Willen, die Emotionalität der Mannschaft nach dem 2:3-Hinspielergebnis, dem "unnötigsten Spiel der Champions-League-Geschichte" (Tuchel), noch einmal zu schärfen, ließ der BVB den beim Anschlag verletzten Marc Bartra nach Monaco einfliegen.

Der Spanier hielt unmittelbar vor dem Anpfiff am Mittwochabend eine kurze Rede vor dem Team, "es war sehr emotional", wie Bartras Sitznachbar im Bus Roman Bürki verriet. Reus wurde deutlicher: "Er sagte, dass er froh ist, dass er noch hier ist und atmen kann."

Ein längst nicht abgeschlossener Prozess

Diesen Fakt sollte man sich immer noch und immer wieder vor Augen führen. Erst Recht, da seit der Tragödie nur etwas mehr als eine Woche vergangen ist und die Betroffenen seitdem gezwungen sind, von Termin zu Termin zu hetzen.

Der BVB habe sich mittlerweile emotional stabilisiert und könne sich sportlich wieder fokussieren, sagte Tuchel vor der Partie. Das ist erfreulich und dies haben gewisse Spielphasen seitdem auch unter Beweis gestellt. Doch es bleibt ein noch längst nicht abgeschlossener Prozess.

Bis dahin ist es schwer bis unmöglich, die sportlichen Leistungen der Mannschaft nach den gängigen Kriterien zu beurteilen. Ob im Laufe dieser Spielzeit noch der geeignete Zeitpunkt dafür wieder eintreten wird, bleibt unklar - nicht nur für Außenstehende. Womöglich wird den Betroffenen erst die Sommerpause helfen, das Geschehene sinnvoll zu verarbeiten.

Dortmund will, kann aber nicht wie gewollt

Die Dortmunder sind in den Partien seit dem Anschlag zurecht für ihre Mentalität gelobt worden, die sportliche Ablenkung gelang im Verhältnis zur Tragweite der Ereignisse sehr gut. Die positive Grundhaltung und das Vertrauen in die eigene Stärke klangen bei Tuchel, Reus und den anderen Spielern auch nicht gekünstelt.

Es bedarf jedoch keiner Adleraugen, um zu erkennen: Den Schwarzgelben hängt das Ganze noch gehörig in den Kleidern, sie tragen die Folgen des Angriffs auf das eigene Leben noch mit sich. Alles andere wäre unmenschlich, wenngleich der Verarbeitungsprozess auf jeweils individuelle Weise voranschreitet.

Dortmund will derzeit, kann aber nicht wie gewollt - zumindest, wenn man sich mit einem solch selbstbewussten und offensivstarken Gegner wie Monaco misst. Möglicherweise gleicht sich das mit der Zeit wieder ein wenig an, vielleicht ist der rasende Terminkalender am Ende doch die bestmögliche Ablenkung in Wochen wie diesen.

Erneuter Vorfall mit dem Mannschaftsbus

Doch wer weiß, auch der irritierende Vorfall vor der Partie an der Cote d'Azur könnte eine Rolle spielen, eine neue eventuell. Dortmunds Mannschaftsbus stand am Mittwochabend gegen 19.15 Uhr abfahrtbereit vor dem Hotel, aber er fuhr nicht los.

So kurz nach den Ereignissen von Dortmund wieder in voller Mannstärke gemeinsam im Bus zu sitzen und von der französischen Polizei nur sehr unzureichend Auskunft über die Verzögerung zu bekommen, diese Episode ist nicht einfach lapidar wegzuwischen.

Angesprochen auf die fast 20-minütige Wartezeit bemühten sich die Spieler im Anschluss an die verdiente 1:3-Niederlage um Professionalität. Große Auswirkungen auf die Dramaturgie der Partie, der BVB kam ganz schlecht ins Spiel und lag bereits nach 17 Minuten fast aussichtslos zurück, hätte dies nicht gehabt, versicherten unter anderem Marco Reus, Marcel Schmelzer, Nuri Sahin, Roman Bürki und Julian Weigl.

"Gibt kaum eine schlechtere Situation"

Einzig Tuchel wurde deutlicher. Der Cheftrainer, dessen eigene Opferrolle nicht vergessen werden sollte, fand zuletzt bemerkenswerte Worte im Umgang mit der aktuellen Situation. So lange in Unkenntnis gelassen im Bus zu sitzen, sei ein beklemmendes Gefühl gewesen, das habe man den Beteiligten angemerkt, so Tuchel.

"Es gibt kaum eine schlechtere Situation, als acht Tage nach demm was uns passiert ist, wieder gemeinsam im Bus zu sitzen und es geht dann 17 Minuten lang nicht los. Eine Stunde und fünfzehn Minuten vor Spielbeginn hatten wir dann plötzlich alle denselben Gedanken, doch der drehte sich nicht um den Fußball", sagte Tuchel nach der Begegnung.

Bei dieser diffizilen Gemengelage verbietet es sich, nach dem Ausscheiden aus der Königsklasse weitreichende Schlüsse zu ziehen. Es ist müßig zu diskutieren, ob Tuchel mit der Hereinnahme des zuvor vier Wochen lang verletzten Erik Durm daneben lag oder was passiert wäre, hätte Bürki den Schuss vor dem frühen 0:1 zur Seite geklärt.

Tuchel: CL-Resümee wäre nicht fair

Der fade Beigeschmack, den Traum Champions League auf diese Weise aus den Händen geben zu müssen, wird bei Mannschaft und Betreuern bleiben. Dazu ist dieser Wettbewerb für alle zu wichtig und glamourös. Sportliche Enttäuschung muss auch in diesen Tagen erlaubt sein, den fragwürdigen Begleitumständen zum Trotz.

Man müsse dennoch die Partien gegen die Monegassen in Klammern setzen und dürfe sie nicht in die abschließende Wertung einfließen lassen, riet Tuchel. "Bis vor acht Tagen haben wir uns komplett bereit gefühlt, dieses Viertelfinale zu gewinnen. Die Vorzeichen haben sich dann auf dramatische Weise geändert. Deshalb wäre es nicht fair, heute das Champions-League-Resümee zu ziehen. Wir waren einfach nicht in der Verfassung, in der du sein musst, wenn du diesen Traum weiterleben willst. Aber dafür kann man der Mannschaft keinen Vorwurf machen."

Reus ist stolz auf die Mannschaft

Vielmehr sollte man sich noch einmal vor Augen führen, durch welche Unwägbarkeiten sich die junge Truppe und ihr erstmals in der Königsklasse vertretener Trainer im Laufe dieser Saison manövrieren mussten: Die Leistungsschwankungen zwischen Bundesliga und CL, eine selbst angezettelte Debatte um zu viele erlittene Foulspiele, das gehörige Verletzungspech, eine permanente Unruhe in und um den Klub, Tuchels ungeklärte Zukunft, die Angriffe auf Fans aus Leipzig, anschließend die erstmalige Sperrung der Südtribüne, das diffuse Saisonaus des einst geschmähten Mario Götze und urplötzlich gar ein Anschlag auf das eigene Leben, der alles andere verblassen und hinfällig scheinen lässt.

"Es war aufgrund der Umstände schon schwierig. Ich bin stolz auf die Mannschaft, wie sie bislang alles verarbeitet hat und aufgetreten ist", sagte Monaco-Torschütze Reus kurz vor Mitternacht am Mittwochabend.

"Nun geht es weiter, wir müssen jetzt liefern", fügte er hinzu. Auch er wird dabei wissen: Der Spagat zwischen müssen, wollen und können wird weiterhin nicht einfach sein.

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