Champions League: Kriegsflüchtling & Zocker: Zinchenkos irrer Weg

Oleksandr Zinchenko von Manchester City hat eine bewegende Geschichte hinter sich: Mit 18 Jahren verließ er seinen Jugendklub Shakhtar Donezk im Vertragsstreit, flüchtete dann vor dem Krieg in der Ostukraine und spielte schließlich auf den Straßen von Moskau. Nach einem Jahr Pause begann seine Profikarriere beim FK Ufa. SPOX und Goal sprachen mit zwei ehemaligen Mitspielern Zinchenkos und erzählen seine Geschichte.
Oleksandr Zinchenko von Manchester City hat eine bewegende Geschichte hinter sich: Mit 18 Jahren verließ er seinen Jugendklub Shakhtar Donezk im Vertragsstreit, flüchtete dann vor dem Krieg in der Ostukraine und spielte schließlich auf den Straßen von Moskau. Nach einem Jahr Pause begann seine Profikarriere beim FK Ufa. SPOX und Goal sprachen mit zwei ehemaligen Mitspielern Zinchenkos und erzählen seine Geschichte.

Oleksandr Zinchenko von Manchester City hat eine bewegende Geschichte hinter sich: Mit 18 Jahren verließ er seinen Jugendklub Shakhtar Donezk im Vertragsstreit, flüchtete dann vor dem Krieg in der Ostukraine und spielte schließlich auf den Straßen von Moskau. Nach einem Jahr Pause begann seine Profikarriere beim FK Ufa. SPOX und Goal sprachen mit zwei ehemaligen Mitspielern Zinchenkos und erzählen seine Geschichte.

Seite 1: Zinchenkos Weg quer durch die Ukraine auf Moskaus Straßen

Um endlich wieder Fußball spielen zu dürfen, musste Oleksandr Zinchenko bis ans Ende Europas reisen, bis in die russische Stadt Ufa. Das Uralgebirge ist von hier nur etwa 100 Kilometer entfernt, dahinter beginnt Asien. Knapp eine Million Einwohner hat die Hauptstadt der Republik Baschkortostan. Im Februar 2015 wurde Zinchenko einer von ihnen.

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Zinchenko war einst eines der vielversprechendsten Nachwuchstalente der Ukraine, doch zu diesem Zeitpunkt hatte er seit einem Jahr kein reguläres Fußballspiel bestritten. Bestreiten dürfen. Seine Karriere schien beendet, bevor sie überhaupt begonnen hat und das kam so...

Oleksandr Zinchenko: Vom Norden in den Süden in den Osten

Zinchenko kam im Dezember 1996 in Radomyshl zur Welt, im Norden der Ukraine. Mit sechs Jahren begann er bei einem lokalen Amateurverein zu spielen. Mit elf wechselte er zu Monolit Ilichivsk aus Tschornomorsk ganz im Süden des Landes, rund sieben Autostunden von seiner Heimat entfernt. Er zog aus, um nicht mehr wiederzukommen.

Nach eineinhalb Jahren wechselte er erneut: diesmal ganz in den Osten des Landes zu Shakhtar Donezk. 2009 war das, Donezk erlebte gerade seine Hochzeit und holte den einzigen internationalen Titel der Vereinsgeschichte: den UEFA-Cup im Finale gegen Werder Bremen. Fernandinho, Willian, Luiz Adriano. Eine talentierte Truppe.

Zinchenko galt bald als talentiertester Spieler der Nachwuchsabteilung, ab der U16 kam er auch für alle ukrainischen Nachwuchsnationalmannschaften zum Einsatz. Bei Donezk spielte er im offensiven Mittelfeld, trug die Kapitänsbinde und führte die U19 in der Saison 2013/14 ins Achtelfinale der UEFA Youth League, wo es im Februar ein 1:3 gegen den FC Arsenal setzte. Doch dann kam der Streit.

Vertragsstreit mit Donezk und die Flucht vor dem Krieg

Zinchenkos Vertrag bei Donezk lief zu diesem Zeitpunkt noch rund eineinhalb Jahre. Der Klub wollte verlängern; Zinchenko wollte abwarten, ob er bei der Profimannschaft eine Chance bekommt; der Klub drohte. "Sie meinten: Wenn du deinen Vertrag nicht verlängerst, dann darfst du nicht mehr für uns spielen. Nicht einmal für eine Jugendmannschaft", erinnerte sich Zinchenko später in einem Interview mit mehreren englischen Zeitungen.

Er gab nicht nach, der Klub auch nicht. "Rund vier Monate lang musste ich bei den Trainingseinheiten einfach nur um den Platz laufen. Ich war auf mich allein gestellt." Während Zinchenko um Plätze lief, spitzte sich die politische Lage in der Ostukraine zu. Dann brach der Krieg aus. Im Sommer flüchtete Zinchenko mit seinen Eltern nach Moskau, um der prekären Situation zu entkommen. Dem laufenden Vertrag konnte er aber nicht entkommen.

Donezk verhinderte, dass er bei einem anderen Verein unterkam. "Deshalb habe ich jeden Tag auf den Straßen von Moskau trainiert", erinnerte sich Zinchenko, der damals 17 Jahre alt war. Irgendwann zeigte Rubin Kasan Interesse an einer Verpflichtung. "Ich bin mit ihnen sogar zu einem Trainingslager nach Italien gereist. Alles war wunderbar, doch sie meinten, dass ich mit der Vertragsunterschrift noch etwas warten muss."

Es war ein vergebliches Warten. Die Unterschrift sollte nie erfolgen, Donezk wollte es nicht.

Seite 2: Weggefährten erzählen von Zinchenkos Neustart beim FK Ufa

Oleksandr Zinchenko unterschrieb am Ende Europas

Im Februar 2015, fast exakt ein Jahr nach dem UEFA-Youth-League-Spiel gegen Arsenal durfte Zinchenko doch noch unterschreiben und zwar am Ende Europas, fast in Asien, beim FK Ufa. Erst 2010 gegründet, war der Klub gerade erstmals in die erste Liga aufgestiegen.

Zinchenko kam an und reiste direkt wieder ab. Mit seinen neuen Mitspielern ins Wintertrainingslager nach Zypern, unter anderem mit Ivan Paurevic, der heute beim SV Sandhausen spielt. "Er war sehr motiviert und ist nach den Einheiten oft länger geblieben", erinnert sich Paurevic gegenüber SPOX und Goal an seine ersten Eindrücke von Zinchenko. Obwohl er zuvor ein halbes Jahr lang nur auf den Straßen trainiert hatte, war er fit. Sehr fit. "Wir hatten einen Ausdauertest und als ich ihn da rennen gesehen habe, dachte ich nur: 'Oh mein Gott!' Er hat eine angeborene Ausdauer, eine Pferdelunge."

Die Umstellung von der Straße auf das Stadion fiel Zinchenko zunächst jedoch trotzdem schwer. Als Ufa in der Rückrunde ganz knapp den Klassenerhalt schaffte, absolvierte er lediglich sieben Einsätze.

Ex-Kollege Pourie: "Zina liebt es, zu zocken"

Menschlich kam Zinchenko schneller an als sportlich. Als Marvin Pourie, heute beim Karlsruher SC, im Sommer nach Ufa wechselte, war Zinchenko bereits voll integriert. "Zina war angesehen in der Mannschaft, hat sich pudelwohl gefühlt und hatte kein Heimweh", sagt Pourie im Gespräch mit SPOX und Goal.

"Ufa hat ihm geholfen, seine Familie nachzuholen und eine Wohnung gestellt. Das hat ihm Rückhalt gegeben", sagt Pourie. Besonders eng war die Bindung zu seiner Mutter. "Bei einem Mannschaftsabend meinte er um halb 11, dass er gehen muss, weil seine Mama wartet und nicht einschlafen kann, bevor er zuhause ist", erzählt Paurevic.

Zinchenko hatte seine Familie und seinen Fußball. Er war 18 Jahre alt und genoss sein neues Leben, sein Leben als Profifußballer. "Bei ihm war immer viel Dankbarkeit und Demut zu spüren", erinnert sich Pourie. "Er war lässig, locker, witzig und auch dann positiv gestimmt, wenn er mal nicht gespielt hat." Das kam jedoch immer seltener vor.

Im Laufe seiner ersten vollen Saison im Klub erkämpfte sich Zinchenko einen Stammplatz, doch der war flexibel: mal im Mittelfeld, zentral, rechts oder links, mal links in der Viererkette. Zwei Tore und vier Assists gelangen ihm. "Mir sind schon damals seine überragende Technik und Übersicht aufgefallen", sagt Pourie. "Man sieht den Straßenkicker in ihm und das ist es, was ihn so überragend macht. Zina liebt es, zu zocken. Heutzutage gibt es wenige Fußballer wie ihn." Wenn gerade kein Training war, ging er in Ufa allein auf den Bolzplatz, erinnert sich Paurevic: "Er war immer mit einem Ball unterwegs."

Rückkehr zu Manchester City und in die Ukraine

Die Entwicklungen am Ende Europas beobachtete auch der ukrainische Verband, der Zinchenko nach eineinhalb Jahren zurückholte. Im Mai 2015 debütierte er für die U19, im September für die U21, im Oktober für die A-Nationalmannschaft und im darauffolgenden Mai löste er Andrej Shevchenko als jüngsten Torschützen der ukrainischen Nationalmannschaft ab.

Im Sommer 2016 kam Zinchenko bei allen drei EM-Gruppenspielen zum Einsatz. Nach dem Turnier wechselte er für zwei Millionen Euro zu Manchester City, das ihn direkt zur PSV Eindhoven weiterverlieh. In der ersten Mannschaft spielte er dort nur eine untergeordnete Rolle, bei der Reserve aber zeigte er seine Qualitäten: neun Assists in sieben Spielen.

Nach einer Saison kehrte Zinchenko zurück zu City. Seine Chance kam, als sich zunächst der Stammlinksverteidiger Benjamin Mendy und dann auch noch dessen Ersatzmann Fabian Delph verletzten. Zinchenko machte seine Sache gut, musste nach Delphs Rückkehr aber wieder weichen.

Ende der vergangenen Saison erkämpfte er sich schließlich einen Stammplatz links hinten und behielt ihn auch zu Beginn dieser Saison, ehe ihn eine Knieverletzung stoppte. Aber er wird wiederkommen, wie er immer wiederkam.

Oleksandr Zinchenko: Sein bisherigen Profistationen

Zeitraum

Verein

Pflichtspiele

Tore

Assists

02/2015 bis 07/2016

FK Ufa

33

2

4

08/2016 bis 06/2017

PSV Eindhoven

17

-

4

seit 07/2017

Manchester City

52

1

5

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