Die „Cinderella-Story“ des Handballs

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Die „Cinderella-Story“ des Handballs
Die „Cinderella-Story“ des Handballs

Niklas Weller ist definitiv kein normaler Profi!

Entspannung nach den Trainingseinheiten oder Spielen? Dafür hat er wenig Zeit.

Der Kreisläufer des Handball Sport Vereins Hamburg ist die meiste Zeit des Tages im Home Office und arbeitet.

Denn: Weller ist parallel zu seiner Karriere als Handballer in der Bundesliga seit Jahresbeginn noch als rechtliche Unterstützung bei Lloyd Fonds tätig und schreibt an seiner Doktorarbeit in der Rechtswissenschaft. (DATEN: Alle News zur Handball-Bundesliga)

„Ich kann das nicht einschätzen, wie viel ich in einer Woche arbeite. Bei einigen Einheiten beim Handball steht der Spaß zwar nicht im Vordergrund, aber es ist immer noch ein Privileg - und deshalb möchte ich meinen Hauptjob nicht gerne vergleichen mit einem normalen Beruf. Für mich ist Handball keine Arbeit“, sagt der Norddeutsche bei SPORT1.

Weller kam in der Oberliga nach Hamburg

Kurios: Die hohe Belastung hat sich Weller mit seinem kometenhaften Aufstieg selbst zum Teil eingebrockt.

Eine Karriere als Profi hatte der 28-Jährige nie geplant. Zu Hamburg wechselte Weller, als der Verein durch die Insolvenz des Vorgängers HSV Handball in der Oberliga ein Startrecht bekam.

„Ich wurde ganz locker gefragt, ob ich neben meinem Studium da mitspielen möchte. Das waren keine wirklichen Verhandlungen. Ich wollte dann vor dem Ernst des Berufslebens noch einmal dritte Liga spielen“, blickt der Leistungsträger zurück und lacht.

Nun ist Weller Kapitän und der einzig verbliebene Akteur, der drei Aufstiege mit dem Team feierte.

Profibereich? Das war damals weit weg. Deshalb studierte er Rechtswissenschaften und startete Anfang 2018 seine Doktorarbeit. „Damals haben wir noch in der dritten Liga gespielt und der Aufwand war ein ganz anderer“, sagt Weller- Mittlerweile bleibt für die Promotion indes kaum noch Zeit.

Dafür indes haben sich auch andere Dinge geändert: Einst lief Weller für den Verein aus der hanseatischen Metropole bei Auswärtsspielen in kleinen Hallen von Dorfvereinen auf. Nun geht es in den großen Arenen rund.

Weller freut sich auf Kiel-Spiel

Trotz der rasanten Entwicklung lässt sich Weller nicht blenden. Ganz nüchtern blickt er zurück: „Bei uns war es sehr merkwürdig, dass wir sogar in der dritten Liga vor Erstligakulisse gespielt haben. Bei Weihnachtsspielen hatten wir 9.000 Zuschauer. Da hat man sich schon wirklich gewundert.“

Ein Highlight seiner Karriere steht aber am 4. Juni 2022 an. „Für mich wird es sicher besonders, wenn ich als Kieler dann in Kiel spiele. Dann werde ich sicher zurückblicken und es kaum fassen können.“ (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Handball-Bundesliga)

Bis dahin konzentriert sich der Sportler voll darauf, dass es für sein Team am drittletzten Spieltag nicht mehr um den Klassenerhalt geht.

Bisher sieht es so aus, als könnte Weller ohne Sorgen zu dem Klub seiner Heimat reisen.

Hamburg liegt vor Flensburg und Rhein-Neckar Löwen

Die Hanseaten liegen nach zehn Partien auf Rang vier und liegen damit vor Titelaspiranten wie der SG Flensburg-Handewitt und den Rhein-Neckar Löwen. (DATEN: Tabelle der Handball-Bundesliga)

„Wir können Selbstbewusstsein daraus ziehen und stolz sein im ersten Schritt, es entbindet aber nicht von unseren weiteren Aufgaben. Wir brauchen uns nicht mit Tabellenständen zu beschäftigen, solange der Klassenerhalt nicht fix ist für uns“, bremst Weller die Euphorie.

Er selbst befindet sich in der Torjägerliste auf Rang neun und hat bereits 49 Treffer erzielt. Damit ist er mit Abstand der gefährlichste Kreisläufer.

„Ich habe nicht viele Fehlwürfe und habe unser Spiel gut verinnerlicht. Das liegt aber daran, dass ich mit vielen schon lange zusammenspiele“, erklärt der Torjäger.

Und fügt an: „Es hat auch damit zu tun, dass wir ein relativ fokussiertes Spiel auf den Kreisläufer haben. Andere Teams leben das anders. Unser Spiel ist nicht in erster Linie auf Würfe aus dem Rückraum ausgelegt.“

Weller: Kretzschmar und Gislasson schwärmen

Die Entwicklung von Weller hat in der Handballszene längst für Aufsehen gesorgt.

Seine Karriere wurde im HBL-Podcast Hand auf Harz als „größtes Handball-Märchen der Neuzeit“ bezeichnet.

Ex-Nationalspieler Stefan Kretzschmar, heute Sportvorstand der Füchse Berlin, meinte: “Weller ist eine großartige Cinderella-Story, wie es sie ganz selten gibt.“

Und Bundestrainer Alfred Gislason erklärte im Hamburger Abendblatt: „Was Weller spielt, ist schon erstaunlich, wenn man bedenkt, wie weit der sich hochgearbeitet hat“

Weller: „Mit Superlativen tue ich mich schwer“

Diese Einschätzungen lässt der neue Star aber nicht zu sehr an sich heran.

„Mit Superlativen tue ich mich schwer - erst recht, wenn es um mich persönlich geht. Ich kenne nicht alle Karriere-Geschichten in Handball-Deutschland. Da wird es auch interessante Dinge geben. Mein Weg ist ja nicht besser als der eines Spielers, der mit 19 schon gut genug für die erste Liga ist. Ich war es damals auf jeden Fall aber nicht“, so Weller.

Dennoch räumt er ein: „Grundsätzlich ist es eine Ehre, wenn so in der Handballwelt über einen gesprochen wird. Vor allem Herr Gislasson wirft mit Lob ja nicht so um sich. Es ist eine Bestätigung für meinen Weg, aber verändert mein Leben nicht.“

Wird Weller sogar Nationalspieler?

Träume von der Nationalmannschaft hat der Shootingstar demnach nicht - auch deshalb, weil der Bundestrainer mit Blick auf den eingeleiteten Umbruch in der Nationalmannschaft wohl auch eher auf jüngere Semester als den 28 Jahre alten Weller blicken mag.

„Zu Herrn Gislasson hatte ich bisher keinen Kontakt. Ich mache mir über die Nationalmannschaft keine Gedanken“, sagt Weller dazu.

Stattdessen lautet in seinem Leben das nächste Ziel, die Promotion zu beenden und Erfahrungen zu sammeln - als rechtswissenschaftlicher Begleiter bei Lloyd Fonds, einem bankenunabhängiger Vermögensverwalter mit Hauptsitz in Hamburg.

Ein normaler Profi ist der Handball-Doktor des HSV in der Tat nicht angesichts seines kometenhaften Aufstiegs.

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