Claus Kleber und die "neue Angst vor der Bombe": Die größte Sorge bereitet nicht Putin

Für seinen ZDF-Film traf Claus Kleber (rechts) unter anderem auf Thomas Schneider, Kommodore des Fliegerhorst Büchel. (Bild: ZDF / René Dame)
Für seinen ZDF-Film traf Claus Kleber (rechts) unter anderem auf Thomas Schneider, Kommodore des Fliegerhorst Büchel. (Bild: ZDF / René Dame)

Abschreckende Worte oder ernste Drohung? Für eine sehenswerte ZDF-Dokumentation ergründet Claus Kleber, was hinter Wladimir Putins nuklearen Drohgebärden steckt. Diverse Experten schätzen die Lage ein - und werfen den Blick auch auf einen anderen Konfliktherd jenseits der Ukrainekrieges.

Es ist nur ein kleiner Knopf unter einer leicht bedienbaren Verschlusskappe. Doch wird er gedrückt, könnte er die Welt für immer verändern. Der Schalter befindet sich am Schaltknüppel eines Tornado-Bombers amerikanischer Bauart. Bei Betätigung entlässt er einen Atomsprengsatz in die Tiefe - womöglich auf russisches Gebiet, sollte der Krieg in der Ukraine weiter eskalieren. "Es sind viele Leute, die sich enorme Gedanken machen", sagt Thomas Schneider, Kommodore des Fliegerhorsts Büchel, über seine Untergebenen. Er ist einer von zahlreichen Gesprächspartnern, die Claus Kleber für seinen Film "Putins Tabubruch - die neue Angst vor der Bombe" (verfügbar in der ZDFmediathek) aufsuchte.

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Das Wort, das in der 45-minütigen Dokumentation am meisten fällt und zugleich als Leitmotiv der derzeitigen Russland-Politik wirkt, lautet Abschreckung. "Solange die Abschreckung funktioniert, habe ich keine Angst, dass ich irgendwann mal so eine Waffe einsetzen muss", schätzt Schneider die Wahrscheinlichkeit eines Szenarios ein, das ganz "andere Dimensionen" als einst in Hiroshima und Nagasaki entfalten könnte. Auch die einstige US-Diplomatin Rose Gottemoeller sieht nur eine offenkundige Lösung der verzwickten Lage, die an die Hochzeit des Kalten Krieges erinnert: "Es muss darum gehen, jeden Angriff abzuschrecken."

Im Fliegerhorst Büchel bereitet man sich auf den Ernstfall vor - einen russischen Atomschlag.  (Bild: ZDF / René Dame)
Im Fliegerhorst Büchel bereitet man sich auf den Ernstfall vor - einen russischen Atomschlag. (Bild: ZDF / René Dame)

Ex-US-General wertet Putins Atom-Drohungen als "Zeichen der Verzweiflung"

Und doch, so scheint es nach Ansicht der Dokumentation, scheint die Frage nach einem russischen Nuklearschlag den Westen deutlich mehr zu bewegen als die ukrainische Bevölkerung. "Für mich sind die globalen Folgen des Krieges unwichtig", berichtet der Reserveoffizier Illia Kohan Claus Kleber, denn: "Wenn du stirbst, zählst du nicht die anderen Tode." Kohans Bekannte Oleksandra Kovalenko schiebt hinterher: "Wir hatten genug Zeit für Angst, wir haben sie überwunden." Der ZDF-Journalist und langjährige "heute journal"-Anchor zieht deshalb überrascht eine Zwischenbilanz: "Putins Tabubruch ändert unsere Welt wohl mehr als ihre."

Putins nukleares Säbelrasseln, das Ex-US-General David Petraeus als "Zeichen der Verzweiflung" deutet, versetzt die westlichen Mächte jedenfalls in Alarmbereitschaft. Ein angestrebter Besuch Klebers in der Malmstrom Air Force Base in Montana scheitert an den hohen Sicherheitsstandards, man ist angespannt - und das nicht nur im Nordwesten der USA. "Die US-Regierung hielt es für möglich, dass Putin ernst macht", berichtet Rose Gottemoeller über die Reaktion der US-Regierung auf Putins Drohungen im vergangenen Jahr.

Auch anderswo werden Maßnahmen ergriffen, um für einen drohenden Ernstfall gewappnet zu sein. Doch ist das überhaupt möglich? Am Rande einer Nato-Militärübung in Litauen räumt Oberstleutnant Lars Neitzel von der Bundeswehr bezüglich eines potenziellen Atomschlages ein: "Wir sind standardmäßig darauf vorbereitet, aber eher abstrakt denn konkret."

Chinesischer General will Taiwan "um jeden Preis"

Für den Chef der litauischen Streitmacht, Generalleutnant Valdemaras Rupsys, wäre ein russischer Atomschlag aber noch nicht einmal der Worst Case, wie er im Film von Angela Andersen und Claus Kleber schildert: "Das Schlimmste wäre für mich, wenn die Lage im Indopazifik eskaliert, und die USA dort durch einen Krieg abgelenkt sind. Dann könnte Russland in Europa seine Muskeln spielen lassen." Damit setzt der 45-Minüter seinen zweiten wichtigen Schwerpunkt, der mit dem Handeln Russlands verknüpft ist: die Rolle Chinas.

Das bestätigt auch Rose Gottemoeller, die das Handeln der USA und auch des Westens im Ukraine-Krieg in Bezug auf einen anderen Konfliktherd als essenziell ansieht: "Es könnte China entscheidend dabei beeinflussen, wenn sie daran denken, Taiwan zu erobern." Dass sich China Taiwan, das wegen seiner geografischen Lage für den Welthandel extrem wichtig ist, einverleiben will, bringt der chinesische General A.D. Zhou Bo im Gespräch mit Claus Kleber unmissverständlich auf den Punkt: "Wir wollen den USA zeigen, dass uns alles andere egal ist, wenn es um Taiwan geht. Wir werden darum kämpfen, um jeden Preis."

Kein Wunder, dass das Fazit von Ex-US-General Petraeus am Ende besorgt ausfällt: "China sagt offen, dass es die Welt dominieren will. Wenn das stimmt, müssen wir uns natürlich Sorgen machen."

Das ZDF zeigt "Putins Tabubruch - die neue Angst vor der Bombe" am Dienstagabend um 20.15 Uhr. Vorab ist die Sendung bereits in der Mediathek zu sehen.