Corona-Alarm in HBL: "Dann muss ich meine Karriere beenden"

Christian Paschwitz
·Lesedauer: 5 Min.

Sechs Spieltage lief es unter den gegebenen Verhältnissen (und ohne Zuschauer) fast wie am Schnürchen in der Handball-Bundesliga.

Nicht eine einzige Corona-bedingte Absage, das Hygienekonzept wirkte bewährt trotz der weltweit sich wieder zuspitzenden Pandemie und vereinzelten Spielabsagen im Europacup.

Nicht nur, dass die Saison hierzulande sportlich über die Bühne ging - bedient wurden auch die Verträge mit überlebensnotwendigen Sponsoren und TV-Partnern.

Doch nun drohen zwei Coronafälle ausgerechnet aus dem Kreis der deutschen Nationalmannschaft das Kartenhaus der Bosse zum Fallen bringen. "Jetzt haben wir den Salat", entfuhr es Ligachef Frank Bohmann angesichts der von den Länderspielen positiv zurückgekehrten Torhüter Johannes Bitter (TVB Stuttgart) und Marian Michalczik (Füchse Berlin).

"Jetzt hat sich im Endeffekt das bestätigt, wovor wir alle gewarnt haben", sagte auch DHB-Star Hendrik Pekeler bei Sky. Sein für Donnerstag vorgesehenes Spiel mit dem THW Kiel gegen die Füchse Berlin wurde ebenso gestrichen wie die Partien SG Flensburg-Handewitt - MT Melsungen, TSV Hannover-Burgdorf - Frisch Auf! Göppingen und SC DHfK Leipzig - TuSEM Essen.

So sehen Bob Hanning und Daniel Stephan die Handball-Situation

Doch welche Konsequenzen zieht der Handball nach der akuten Corona-Eskalation?

Zumal die neuerlichen Konsequenzen durch Corona für den Handball gewaltig sein dürften, wie Beobachter, Experten und Kommentatoren prognostizieren.

Bei SPORT1 beziehen auch Bob Hanning, Vizepräsident des Deutschen Handball-Bundes und Geschäftsführer der Füchse Berlin, und der frühere Welthandballer Daniel Stephan Stellung

SPIELABSAGEN- UND AUSFÄLLE:

Ergibt Handball derzeit noch Sinn und ist es überhaupt noch zu verantworten, einen Spielbetrieb aufrecht zu erhalten?

"Das habe ich mich auch schon gefragt", teilt Stephan seine Sorge: "Aber auch für den Handball gilt in der Pandemie: Es gibt kein richtig oder falsch, kein Schwarz oder weiß." Wichtig für den früheren Rückraum-Star ist aber, "nun keine Schuldzuweisungen zu machen, die Nationalmannschaft hat sich ja an alle Sicherheitsvorkehrungen verantwortungsbewusst gehalten - wir müssen mit Corona leben lernen."

Das sieht Hanning ähnlich - und zerstreut Befürchtungen wie die von MT Melsungens Geschäftsführer Axel Geerken ("Die Lehrgangswoche der Nationalmannschaft kann dazu führen, dass die gesamte Liga lahmgelegt wird").

Der DHB-Lenker mahnt bei SPORT1 zur Ruhe: "Es ist besser, es passiert bei der deutschen Nationalmannschaft als bei einem anderen Verband, weil es zeigt, dass wir alle gleich verwundbar sind."

Niemand wisse, "woran es gelegen hat – von daher tun wir alle gut daran, mit einer gewissen Gelassenheit heranzugehen. Dass dies irgendwann mal passiert, davon war auszugehen. Wie im normalen Berufsleben oder in der Schule. Man muss keinem einen Vorwurf machen, weil alle versucht haben, das Risiko zu minimieren."

Doch wie soll das Mammut-Programm eines Handball-Profis, umso mehr als Nationalspieler und in Coronazeiten, leistbar sein? Wo hätten Nachholspiele im engen Terminkalender überhaupt Platz? Und was, wenn Leistungsträger die Reißleine ziehen?

Jeder Akteur "das Recht, eine persönliche Entscheidung zu treffen", meint Hanning: "Aber stellen Sie sich mal vor, dass unsere Spieler sagen würden, sie wären beim nächsten Spiel im Europapokal nicht dabei..."

Auf die Klubs kämen riesige Probleme zu. Der Füchse-Boss stellt daher klar: "Entweder ich will beides oder ich treffe für mich die Entscheidung, dass Leistungssport zu gefährlich ist. Dann muss ich allerdings meine Karriere beenden."

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ANGST UND VERUNSICHERUNG:

Trotzdem: Die Angst der Spieler vor dem Virus und Folgen wie Quarantäne-Maßnahmen und häuslicher Isolation wird immer realer, Spieler und Verantwortliche werden immer unruhiger.

"Die Situation macht mir arge Sorgen", gestand Trainer Bennet Wiegert vom SC Magdeburg bei Sky am Mittwochabend am Rande der Partie gegen die Rhein-Neckar-Löwen (31:33) :"Wir versuchen den Spielern beizubringen, ihre normale Routine aufrecht zu erhalten, aber das wird immer schwieriger."

2007-Weltmeister Christian Schwarzer meinte bei Spox denn auch harsch: "Fakt ist: Jetzt haben die Vereine die Arschkarte gezogen und positiv getestete Spieler zurückbekommen."

Stephan fürchtet existenzielle Probleme für die Klubs: "Auch wenn man Gesundheit und Wirtschaftlichkeit immer gegeneinander abwägen muss - viele Klubs werden es sehr schwer haben, nur mit Geisterspielen die Coronazeit wirtschaftlich zu überstehen.

Schwarzer prophezeit sogar: "Selbst Vereinen wie dem THW Kiel oder den Rhein-Neckar Löwen, die in der Vergangenheit finanziell immer sehr gut aufgestellt waren, steht das Wasser wirklich bis zum Hals. Wahrscheinlich gilt das für 99 Prozent der Vereine."

SCHRECKGESPENST MEGA-WM IN ÄGYPTEN:

Kein Wunder, dass die im Januar in Ägypten geplante Weltmeisterschaft mehr denn je Reizthema ist, die Stimmen lauter werden, die WM ebenso abzusagen wie im Sommer die Fußball-Europameisterschaft.

Stephan ist dabei hin- und hergerissen: "Das müsste diskutiert werden, aber nicht nur in Deutschland, sondern innerhalb des ganzen Handball-Weltverbands..."

Natürlich bekomme der Handball auch in Deutschland "durch eine WM immer einen wichtigen Push", meint der frühere Welthandballer: "Im Gegensatz dazu stehen aber die hohen Infektionszahlen überall im Sport. Das in ein Verhältnis zu setzen, ist sehr schwierig."

In der DHB-Spitze wehrt man sich aber gegen Stimmen, die bezweifeln, dass die Austragung eines internationalen Turniers mit 32 Teams aus der ganzen Welt eine womöglich schlechte Idee sein könnte.

"Warum sollten wir sie verschieben?", fragt Hanning bei SPORT1: "Wir brauchen in unserer Sportart doch beides! Wir brauchen die Liga und die Verbände."

Es sei "sicherer eine WM durchzuführen als zum Beispiel Europapokal- oder Champions-League-Spiele, die uns durch ganz Europa reisen lassen. Die Strahlkraft der Nationalmannschaft ist bei allem Respekt nicht vergleichbar mit einem Bundesligaspiel zwischen Melsungen und Berlin."

Schwarzer widerspricht jedoch entschieden und fordert: "Trotz der Abstellungspflicht sollten auch die Vereine ein Wörtchen mitreden dürfen, weil diese im Endeffekt die Profis bezahlen. Für mich stellt sich fernab der gesundheitsgefährdenden Lage die Frage, ob es für den Handball grundsätzlich überhaupt Sinn ergibt, Geisterspiele in Ägypten auszutragen."