Sein Weg zu Olympia begann auf einer Landstraße bei Zinnowitz

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Sein Weg zu Olympia begann auf einer Landstraße bei Zinnowitz
Sein Weg zu Olympia begann auf einer Landstraße bei Zinnowitz
Sein Weg zu Olympia begann auf einer Landstraße bei Zinnowitz

Es ist der 29. April 2019, die Nacht von Samstag auf Sonntag, als für den deutschen Mittelstreckenläufer Robert Farken ein Baum zum Wendepunkt in seinem Leben wird.

Zusammen mit seinem Kumpel Julius Lawnik ist Farken, eines der größten deutschen Lauftalente, im Auto auf einer Landstraße bei Zinnowitz unterwegs, als die beiden von der Fahrbahn abkommen und gegen besagten Baum prallen.

Während sich Lawnik, der am Steuer saß, nur leicht verletzt, hat es Farken schwerer erwischt. Durch die Druckpunkte im Gurt wird er am Bauchraum verletzt und muss operiert werden.

Nächtlicher Ausflug missfiel den Trainern

Die beiden Athleten hatten sich unerlaubt aus dem Trainingslager entfernt und nach einem Diskobesuch mit reichlich Alkohol im Blut auf den Weg zurück ins DLV-Quartier gemacht.

Der Ausflug kommt bei den Vorgesetzten gar nicht gut an. „So ein Verhalten passt mit Leistungssport nicht zusammen und werden wir nicht dulden“, sagt Bundestrainer Thomas Dreißigacker nach dem Unfall.

Farken hat damals den Ruf des „Bruder Leichtfuß“, der aus seinem Talent zu wenig macht. Der damals 21-Jährige hat zwar Glück, dass er keine Langzeitfolgen davonträgt, die Saison muss er aber abhaken.

Unfall als Wendepunkt in Farkens Leben

Gut zwei Jahre später ist der heute 23 Jahre alte Farken die wohl größte Olympiahoffnung auf der Laufstrecke im deutschen Männerbereich. Über 1500 Meter setzte er bei den Deutschen Meisterschaften einen der wenigen Glanzpunkte, als er nach einem Alleingang mit 3:34,64 Minuten zum Meisterschaftsrekord stürmte und die Olympianorm unterbot.

Wenn man es überspitzt sagen will, dann stand der Baum für Farken genau an der richtigen Stelle - denn ohne den Unfall wäre es wohl nicht zu einer solchen Leistungsexplosion gekommen.

„Es war ein Wendepunkt, bei dem man sich gefragt hat: ‚Was will man im Leben?‘. Möchte man eine verrückte, wilde Jugend haben, oder eine professionelle Sportlerkarriere? Dann kam logischerweise schnell die Einsicht“, sagt der Athlet der SC DHFK Leipzig im Gespräch mit SPORT1.

Bei seinem fünftägigen Krankenhausaufenthalt hatte er reichlich Zeit zu überlegen, was er mit seinem weiteren Leben anfangen wollte: „Es war einfach das Erlebnis, wo ich gesehen habe, dass ich professioneller und zielgerichteter werden muss. Es gibt zum Glück Menschen, die mir geholfen und hinter mir gestanden haben - meine Familie in erster Linie, aber auch das Trainerteam.“

Olympia-Absage als Motivationskiller

Jetzt kenne er seine Ziele und wisse, welche Entbehrungen er auf sich nehmen müsse. „Was bedeutet es, wenn man diese Ziele schaffen will? Ich glaube, das ist mir jetzt eingeleuchtet.“

Bis er seinen Traumlauf von Braunschweig hinlegte, standen aber noch etliche Hindernisse im Weg, denn Farkens Vorsätze wurden mehrfach durch äußere Umstände torpediert. Olympia-Absage, eine schwere Verletzung und eine Corona-Infektion setzten ihm zu.

„Das letzte Jahr war für mich allgemein ein herber Dämpfer, vor allem mit der Olympia-Absage“, sagt Farken, der für kurze Zeit die Motivation verlor und „ein paar Wochen nur bruchstückhaft bis gar nicht trainierte“.

Als es sich abzeichnete, dass es 2020 noch eine Late Season geben würde, kam die Motivation wieder zurück - und Farken übertrieb. „Ich habe dann wieder viel trainiert, wie sich herausstellte: zu viel. Dadurch habe ich mir einen Ermüdungsbruch zugezogen. Dann war das Jahr in jeder Hinsicht zum Vergessen.“

Doch auch durch dieses Tal kämpfte sich der gebürtige Leipziger und arbeitete konsequent auf Tokio hin. „Ich habe es hingekriegt, es so zu sehen, dass mir die Olympia-Verschiebung um ein Jahr einen Vorteil bringt, weil ich länger Zeit hatte, mich top vorzubereiten. Dann kam auch die Motivation wieder und wir haben schon Ende August mit dem Aufbautraining angefangen.“

Corona wirft Farken nur kurz zurück

Augen zu und durch, so lautete sein Motto für die folgenden Monate - allerdings nur bis zum nächsten Rückschlag. „Ich habe mich strikt an den Plan meiner Trainer von Thomas (Dreißigacker, Anm. d. Red.) und Daniel (Fleckenstein, Anm. d. Red.) gehalten, den sie für mich aufgeschrieben haben. Dann kam im Januar allerdings der positive Coronatest, als wir nach Dubai fliegen wollten. Glücklicherweise hatte ich keine Symptome, allerdings musste ich zwei Wochen lang in Quarantäne und konnte nur sehr eingeschränkt trainieren.“

Farken verzichtete auf die Hallensaison und machte wieder das Beste aus der misslichen Lage.

„Wir haben den Fokus voll auf den Sommer gelegt. Während die anderen ihre Hallensaison gemacht haben, sind wir ins Trainingslager nach Südafrika geflogen und haben in Kauf genommen, dass ich am Ende der Reise nochmal in Quarantäne musste. Das war aber leichter zu planen, denn ich war bei meinen Eltern, konnte in den Garten und wir haben ein Laufband organisiert.“

Form wird immer besser

Damit war das letzte Hindernis ausgeräumt und fortan funktionierte die Vorbereitung auf Tokio reibungslos. Die Vorfreude auf Tokio ist umso größer, als die Formkurve in den Wochen nach der Deutschen Meisterschaft weiter nach oben ging. „Aus meinem Höhentrainingslager in St. Moritz heraus habe ich einen sehr gut besetzten 1.500-Meter-Lauf in Luzern gewonnen“, freut sich Farken. „Das war cool zu sehen, dass ich meine Leistung direkt aus dem Trainingslager abrufen konnte.”

Beim Ziel für seine erste Olympiateilnahme ist er noch vorsichtig. Erst einmal den Vorlauf überstehen und noch nicht vom Finale träumen, das ist seine Herangehensweise für Tokio.

Sein größtes Rennen hat Robert Farken ohnehin schon gewonnen - auch dank eines Baumes an einer Landstraße bei Zinnowitz.

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