#SpeakingOut: So kam es zum #MeToo der Wrestling-Welt

Martin Hoffmann
·Lesedauer: 5 Min.

Eine an #MeToo erinnernde Welle verstörender Erfahrungsberichte von Wrestlerinnen und anderer Frauen, die mit der Branche zu tun haben, erschüttert die Showkampf-Welt

Die Bandbreite der Vorwürfe: Sexismus, sexuelle Belästigung (direkt oder durch Social-Media-Nachrichten), unangemessener Umgang mit Minderjährigen, Ausübung von psychischem Druck, Machtmissbrauch, Ausbeutung, körperliche Gewalt. WWE und andere Ligen haben Konsequenzen gezogen.

SPORT1 gibt den Überblick über die zentralen Fälle - und erklärt, wie es zu der Flut skandalöser Enthüllungen kam.

#SpeakingOut: Die prominentesten Fälle:

- Independent-Größe David Starr wurde nach Vergewaltigungs-Vorwürfen von mehreren Ligen geächtet (s.u.)
- Jack Gallagher wurde wegen eines mutmaßlichen sexuellen Übergriffs auf einer Privatparty 2014 von WWE entlassen
- Konkurrent AEW behält sich eine Entlassung von Jimmy Havoc vor, gegen den diverse Anschuldigungen erhoben wurden
- Kult-Wrestler Joey Ryan wurde nach zahlreichen Vorwürfen sexueller Belästigungen und Übergriffe unter anderem von Hauptarbeitgeber Impact gefeuert
- Marty Scurll, Star und Mitverantwortlicher Liga der Liga US-ROH, muss sich für einen als Übergriff wahrgenommenen Sexualkontakt mit einer damals 16-Jährigen rechtfertigen
- Trainer-Idol Mike Quackenbush schloss seine Liga CHIKARA nach Berichten über Bullying und andere Vorfälle in seiner Wrestling-Schule
- Die deutsche, mit WWE verbundene Liga wXw trennte sich von zwei Wrestlern und Trainern

Vorwürfe auch gegen Matt Riddle und Jordan Devlin

WWE wurde zudem unter anderem auch mit schweren Vorwürfen gegen Jordan Devlin und Matt Riddle konfrontiert, der Ire Devlin wurde in einem Online-Post beschuldigt, einer Frau körperliche Gewalt angetan zu haben. Das mutmaßliche Opfer - das sein Profil inzwischen verschlüsselt hat - postete Bilder von Blutergüssen, die Devlin ihr zugefügt haben soll. Riddle wird von der Wrestlerin Candy Cartwright ein sexueller Übergriff vorgeworfen. Sowohl Riddle - der dem mutmaßlichen Opfer seinerseits Stalking vorwirft - als auch Devlin haben die Anschuldigungen mittlerweile zurückgewiesen und angekündigt, sich juristisch zu wehren.

"Wir nehmen jede Anschuldigung dieser Art sehr ernst und untersuchen die Angelegenheit", hielt WWE in einem Statement fest und betonte ihre "Null-Toleranz"-Politik in solchen Fällen.

Fälle bei WWE nur Spitze des Eisbergs

Die Vorwürfe mit WWE-Bezug sind nur die Spitze eines riesigen Eisbergs, der sich bei Twitter unter dem Hashtag #SpeakingOut aufgetan hat.

Zahlreiche Wrestler und andere männliche Vertreter der Szene werden dort des Missbrauchs verschiedener Art bezichtigt, im Zentrum stand dabei zunächst vor allem Großbritannien.

Erster Auslöser der Lawine war der prominente Independent-Wrestler David Starr, von dem sich mittlerweile unzählige Ligen getrennt und distanziert haben.

David Starr von mehreren Ligen ausgebootet

Eine frühere Partnerin des US-Amerikaners Starr, eines vor allem in Europa profilierten Wrestlers, war via Twitter mit dem Vorwurf an die Öffentlichkeit gegangen, dass der 29-Jährige mehrere Partnerinnen körperlich und emotional misshandelt hätte: "Du vergewaltigst Frauen und verübst dann Gaslighting", schrieb sie. "Gaslighting" - benannt nach dem Filmklassiker "Gaslight" ("Das Haus der Lady Alquist") bezeichnet eine Form der Manipulation, bei der Opfer von Tätern in emotionale Abhängigkeit versetzt und dazu gebracht werden, die Realität anzuzweifeln.

Starr reagierte zunächst mit mehreren Statements, in der er die Vorwürfe in dieser Form zurückwies, dabei aber anerkannte, dass er "ein fürchterlicher Partner" gewesen sei und etwas begangen haben könnte, was er als "gray rape" einordnete, einen Akt in einem vermeintlichen Graubereich zwischen einvernehmlichen Sex und Vergewaltigung. Eine Bitte um Entschuldigung wurde von der Ex-Partnerin nicht angenommen, mittlerweile hat Starr sein Twitter-Profil gelöscht - nachdem er zuvor die Erwartung äußerte, dass seine Karriere vorbei sein könnte.

Drei britische und irische Ligen (OTT, Revolution Pro, TNT Extreme), bei denen Starr Titel hielt, erklärten daraufhin, dass sie ihm diese Titel aberkannt hätten und nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten wollten, weitere Promotions folgten. Die Liga wXw (Westside Xtreme Wrestling), in der Starr ebenfalls lange eine tragende Rolle gespielt hatte, hatte sich vor kurzem aus anderen Gründen von ihm getrennt.

#SpeakingOut zeichnet verheerendes Sittenbild

Der Wirbel um Starr war der Zündfunke für das, was folgte: Zahlreiche weitere Frauen brachten ihre negativen Erfahrungen mit Vertretern der Wrestling-Welt vor - wobei sich die Mehrzahl zunächst auf die britisch-irische Szene bezog.

Mehrere international bekannte Wrestlerinnen wie Big Swole (aktiv beim WWE-Rivalen AEW) und Kylie Rae (die AEW unter rätselhaften Umständen verlassen hatte) stützen das verheerende Sittenbild einer toxischen Männerwelt. Auch die deutsche Wrestlerin Jazzy Gabert, die im vergangenen Jahr kurz Teil des WWE-Englandkaders NXT UK war, äußerte sich vielsagend ("Und die Leute wundern sich, warum ich gegangen bin").

Neben vielen Fans bekundeten inzwischen zahlreiche weibliche und männliche WWE-Stars - unter ihnen Paige, der frühere UK-Champion Pete Dunne und Big E von The New Day - ihr Entsetzen über die veröffentlichten Storys und bestärkten die Frauen, ihre Geschichten zu teilen und damit ein Ende der Missstände in Gang zu setzen.

Zieht WWE Konsequenzen bei NXT UK?

In Bezug auf WWE könnten die Offenbarungen nicht nur für Devlin Folgen haben: Auch gegen andere namentlich genannte Wrestler von NXT UK werden unter #SpeakingOut Vorwürfe erhoben.

Anders als die anderen WWE-Kader liegt NXT UK seit Beginn der Corona-Pandemie auf Eis, der von Devlin getragene Cruiserweight-Titel wurde wegen der für ihn geltenden Reisebeschränkungen bereits im US-Kader von NXT in einer Interims-Version neu ausgefochten (wobei sich schon vor den Vorwürfen gegen Devlin andeutete, dass Turniersieger Santos Escobar ihn nun doch schlicht abgelöst haben könnte).

Das Projekt NXT UK, bei dem der Österreicher WALTER aktuell als Champion amtiert und bei dem auch die anderen deutschsprachigen Wrestler Alexander Wolfe, Marcel Barthel, Fabian Aichner, Ilja Dragunov und Oliver Carter aktiv waren, genießt firmenintern gerade offensichtlich nicht höchste Priorität. Ob es nach dem Skandal noch eine Zukunft hat, ist ungewiss.

Deutsche Liga wXw spricht von "systemischem Problem"

Auch die in Essen ansässige, mit WWE kooperierende Liga wXw, ist in den Fokus gerückt, hat Konsequenzen gezogen und nahm sich selbst in die Pflicht, allen mit ihnen verbundenen Wrestlern, Trainern und Schülern "das systemische Problem bewusst zu machen".

Besagtes Problem beginne früher als manche denken mögen, "mit Trainern, die sich vor anderen über Schützlinge lustig machen, mit Performern, die mit Fans Telefonnummern und Social-Media-Kontakte austauschen, mit der Verwendung abwertender Begriffe wie 'ring rats'" - einem Jargonwort für weibliche Fans, die von Wrestlern als Groupies wahrgenommen werden.

Zugleich gestanden die wXw-Verantwortlichen Felix Kohlenberg und Tassilo Jung auch ein, eine gewisse Naivität an den Tag gelegt zu haben: "Wir setzen oft voraus, dass die Wrestling-Blase, in der so viele von uns leben, wundervoll ist, aber sie ist es nicht. Es ist traurig, dass es uns erst in diesen Tagen klar geworden ist."