Damit lockte Benfica Weigl nach Lissabon

Martin van de Flierdt
Sport1

Warum um alles in der Welt bitte Benfica? Diese Frage dürften sich viele Dortmunder Fans gestellt haben, als am Silvestertag verkündet wurde, dass Julian Weigl die Borussia mit sofortiger Wirkung in Richtung Lissabon verlässt.

Jener Weigl, der nach seinem Wechsel vom TSV 1860 München nach Dortmund unter Thomas Tuchel zum Ballmagneten der Liga und Nationalspieler aufstieg, dann aber unter dessen Nachfolgern Peter Bosz, Peter Stöger und auch jetzt bei Lucien Favre kaum mehr als eine Nebenrolle spielte.


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Daran änderten auch die 20 Pflichtspieleinsätze in der abgelaufenen Hinrunde nichts. Denn Weigl war lediglich der Notnagel vom Dienst, wenn seine Konkurrenten im defensiven Mittelfeld und in der Abwehr verletzt ausfielen.

Weigl wechselt nicht zu Tuchel und PSG

Dass Weigl seinem Förderer Tuchel nach Paris folgt, wie lange im Raum stand, hätten daher viele verstanden. Dort hätte der 24-Jährige umgeben von Topstars weiterhin auf höchstem Niveau international mitgemischt.

Lissabon spielt zumindest als touristische Attraktion in einer vergleichbaren Liga, dort lässt es sich sicher hervorragend leben. Aber die Zeiten, als Benfica Europa fußballerisch beherrschte, sind lange vorbei.

1961 und 1962 gewannen die Adler unter dem legendären ungarischen Trainer Bela Guttmann zweimal den Europapokal der Landesmeister. Damals lösten sie Seriensieger Real Madrid ab, der zuvor fünf Jahre in Folge triumphiert hatte.


Als Guttmann der Wunsch nach einer Gehaltserhöhung nicht erfüllt wurde, warf er Benfica bei seiner Kündigung wütend hinterher, der Klub werde "in den nächsten 100 Jahren nie wieder einen Europapokal gewinnen". Achtmal unterlag Benfica seither in kontinentalen Endspielen.

Benfica spielt in der Europa League weiter

In diesem Jahr wäre das allenfalls in der Europa League möglich. Dorthin stiegen die Portugiesen aus der Leipziger Champions-League-Gruppe ab und duellieren sich jetzt mit Schachtar Donezk.

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In der heimischen Liga grüßt der 37-malige Meister mit vier Punkten Vorsprung auf den FC Porto und deren neun auf Stadtrivale Sporting zwar von der Spitze. Aber reicht das, um Weigls stockende Karriere wieder in Schwung zu bringen, oder verabschiedet sich der zentrale Mittelfeldmann damit nicht von höchsten Ansprüchen und der Perspektive Nationalmannschaft?

Er selbst sieht die Liga NOS nicht so schlecht: "Ich habe in den letzten Wochen ein paar Spiele gesehen, als die Gespräche begannen. Ich mochte die Liga, es ist ein Wettbewerb, bei dem jeder versucht, guten Fußball zu spielen", sagte er in seinem ersten Interview mit Benficas Vereins-TV. "Das kann gut für mich sein."

Nur ein Spieler kostete Benfica mehr als Weigl

Für Weigl hat der portugiesische Rekordmeister das ganz große Besteck aufgefahren. Präsident Luis Filipe Vieira, Geschäftsführer Tiago Pinto und nicht zuletzt Mittelfeldlegende Rui Costa, einst Regisseur der ungekrönten "Goldenen Generation" um Luis Figo und heute Sportlicher Leiter, brachten ihm gemeinsam die Vorzüge ihres Klubs nahe.

"Ich hatte gute Gespräche mit Rui Costa, dem Präsidenten und Tiago", erklärte Weigl. "Ich habe das Gefühl, dass sie wirklich wollten, dass ich komme. Ich hatte ein besonderes Gefühl in den Gesprächen, die wir geführt haben. Da war klar, dass ich kommen wollte." Dieses Gefühl, das er in Dortmund so lange vermisst hatte: Wertschätzung.

Es ist nicht so, dass Benfica in der Mittelfeldzentrale schlecht aufgestellt wäre. Mit den eingebürgerten Brasilianer Gabriel, dem Griechen Andreas Samaris, dem selbst ausgebildeten Juwel Florentino und dem Franko-Marokkaner Adel Taarabt ist reichlich Konkurrenz vorhanden. An letzteren hat zum Beispiel RB Leipzig ungute Erinnerungen, bereitete er beim 2:2 in der Champions League doch beide Treffer vor.

Weigl wird der neue Dreh- und Angelpunkt

Doch Benfica wollte Weigl, macht ihn mit 20 Millionen Euro Ablöse zum zweitteuersten Zugang der Klubgeschichte. Nur für den mexikanischen Angreifer Raul Jimenez, der 2015 von Atletico Madrid kam, berappten die Adler zwei Millionen Euro mehr. Das heißt: Weigl ist bis auf Weiteres gesetzt im Team von Trainer Bruno Lage. Der lässt ohnehin grundsätzlich mit zwei Sechsern vor einer Viererkette spielen, ganz so wie Weigl es liebt.


Weigl wird der neue Dreh- und Angelpunkt der Portugiesen, auf Sicht ohne jegliches Wenn und Aber. "Ich beschleunige und beruhige das Spiel. Ich versuche herauszufinden, was das Team braucht", sagt der Oberbayer, der sich bei seinen bisherigen Klubkameraden Axel Witsel und Raphael Guerreiro über seinen neuen Arbeitgeber schlau gemacht hat: "Ich habe nur gute Dinge gehört. Es war gut zu wissen, dass andere Leute das gleiche Gefühl haben wie ich."

Das gilt auch für Benficas Anhang, der den neuen Spiellenker in den sozialen Netzwerken bereits euphorisch begrüßte. Er muss ja nicht gleich den Guttmann-Fluch beenden. Aber übelnehmen würden es ihm die Benfiquistas sicher nicht.

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