Didavi im Goal-Interview: "Irgendetwas stimmte nicht"

Das Glück hat Daniel Didavi nicht gepachtet. Der Mittelfeldmann vom VfL Wolfsburg ist hoch veranlagt, er durchlief etliche Juniorennationalmannschaften des DFB. Als Profi wurde er jedoch immer wieder von Verletzungen ausgebremst, konnte bislang nur eine komplette Saison beschwerdefrei durchspielen.

Die vielen Rückschläge haben Didavi verändert - und als Menschen reifen lassen. Im Goal -Interview hinterlässt er einen interessanten, reflektierten, teilweise querdenkenden Eindruck. Trotz seines harten Schicksals als Fußballer sei er glücklich, versichert Didavi, und man glaubt es ihm sofort. Ein Gespräch über Pech, den Umgang mit schwierigen Situationen und darüber, was wirklich zählt im Leben.

Außerdem nennt Didavi die Ursachen für die schwache Saison der Wölfe und erklärt den jüngsten Aufwärtstrend unter Trainer Andries Jonker.

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Daniel, werden manche Menschen vom Pech verfolgt?

Daniel Didavi:  Sie wollen bestimmt auf meine Ausfälle aufgrund der Verletzungen hinaus. Wenn man mit 27 Jahren so viele Verletzungen hatte, kann man sicherlich von Pech sprechen. Ich bin aber trotzdem kein trauriger Mensch – im Gegenteil. Ich bin glücklich und kann mich wirklich nicht beklagen, wie mein Leben bis jetzt gelaufen ist.

Denken Sie trotzdem gelegentlich darüber nach, wo Sie heute ohne die vielen Rückschläge stehen könnten?

Didavi:  Das bringt nichts. Natürlich kann man sich immer fragen: Was wäre wenn? Ich bevorzuge es aber, zu sehen und vor allem zu schätzen, was ich habe. Ich darf meinen Traum leben. Trotz der vielen Verletzungen habe ich es geschafft, auch heute noch auf hohem Niveau Fußball zu spielen. Von daher bin ich zufrieden.

Sie sagten einmal, Gott habe Ihnen die Kraft gegeben, mit schwierigen Situationen umzugehen. Wie haben wir uns das vorzustellen?

Didavi:  Es war eine sehr schwierige Zeit für mich, gerade nachdem ich das zweite Mal am Knie operiert worden bin und zwei Jahre am Stück raus war. In dieser Phase habe ich viel gehadert, fragte mich, warum so etwas ausgerechnet mir passiert. In dieser Zeit habe ich angefangen, die Bibel zu lesen und bin dadurch mehr und mehr zum Glauben gekommen – bis sich irgendwann auch meine Denkweise umgestellt hat.

Inwiefern?

Didavi:  Wir leben in einer Welt, in der ständig geklagt wird, was einem fehlt. Viele sehen dabei gar nicht, was sie trotzdem haben - auch wenn vielleicht nicht alles gut läuft. Auch ich habe lange so gedacht – bis zu meiner Reise nach Benin. Da habe ich realisiert, wie wenig die Menschen dort haben. Und trotzdem wirkten sie viel glücklicher als die Menschen in Deutschland. Ich habe mir anschließend gedacht, dass ich doch trotz meiner Verletzung eigentlich alles habe, was man braucht, um glücklich zu sein: eine Familie, Freunde, genug zu essen ... Damals hat bei mir ein Umdenken stattgefunden. Ich hatte viel mehr positive Energie, die mir enorm dabei geholfen hat, wieder auf den Platz zurückzukehren. Ich bin immer positiv geblieben.

Sie sind erst relativ spät zum Glauben gekommen?

Didavi: Zunächst einmal ist Glaube ein großes Wort. Viele Menschen gehen oft in die Kirche und sagen, sie würden an Gott glauben. Wirklich beschäftigen tun sich mit dem Glauben vermutlich deutlich weniger Menschen. Ich zum Beispiel habe schon immer an Gott geglaubt, meine Eltern haben mir geraten, zu beten. Ich habe das auch gemacht, allerdings ohne wirkliche Überzeugung. Erst in der schwierigen Phase habe ich dann wahrhaftig zum Glauben gefunden. Ich denke, das ist bei vielen Menschen so. Denn Glaube ist auch etwas, das dir Halt gibt. Ich habe die Bibel nicht nur gelesen, sondern mich auch ernsthaft damit auseinandergesetzt, ganz unvoreingenommen und frei von irgendwelchen Meinungen. Das ist ein persönlicher Vorgang. Es gibt da so viele Dinge, die einem in vielerlei Hinsicht Kraft geben können. Gerade in meiner Situation gab es viele Geschichten, die mir geholfen haben. Wenn man nach den Werten lebt, die in der Bibel vermittelt werden, ist man in meinen Augen ein besserer und auch ein glücklicherer Mensch.

Daniel Didavi GFX 2

Können Sie eine dieser Geschichten herausheben?

Didavi:  Dafür ist die Bibel zu umfangreich. Da will ich gar nicht diese eine Geschichte rauspicken. Es geht ums große Ganze. Ich bin auch niemand, der sich plötzlich anders gekleidet oder sein Leben komplett umgestellt hätte, sondern ein ganz normaler Mensch, der die positiven Werte der Bibel für sich mitnimmt. Ich versuche, diese Werte zu leben, will sie aber niemandem aufdrücken. Jeder sollte für sich selbst den richtigen Weg finden. Mir jedenfalls hilft es sehr.

Können Sie negativen Erlebnissen wie Ihren Verletzungen dank des Glaubens etwas Positives abgewinnen?

Didavi:  Das kann man durchaus so sagen. Wenn man als junger Kerl Karriere als Profifußballer macht und - überspitzt formuliert - mit Ruhm überschüttet wird, wenn man in jungen Jahren viel Geld hat und alles bekommt, was man haben will, kann einem das schon zu Kopf steigen. Man verliert die Werte, die im Leben wichtig sind - so war es auch bei mir. Ich war in jungen Jahren keiner, der jeden Tag Party gemacht hat, und trotzdem habe ich teilweise vergessen, was wirklich zählt im Leben. Dahingehend hat mir die Verletzung geholfen, mich auf das Wesentliche zu besinnen: auf meine Familie, meine Freunde; darauf, dass man auch glücklich sein kann, wenn nicht alles perfekt läuft.

Sie haben die Reise nach Benin schon angesprochen. Inwiefern hat Sie diese Erfahrung verändert?

Didavi:  Ich hatte kurz zuvor erfahren, dass ich zum zweiten Mal operiert werden muss, dass es danach mit meinem Profifußballer-Dasein sogar vorbei sein könnte. Da hat mir mein Vater gesagt: "Komm, wir fahren eine Woche nach Benin, in mein Heimatland." Ich war zuvor noch nie dort gewesen. Also reisten wir zusammen dorthin. Benin ist auf keinen Fall ein reiches Land. Dort herrscht Armut – vielleicht nicht im Extrem, mit dem Leben in Deutschland kann man es aber auch nicht vergleichen. Und trotzdem habe ich diese Glückseligkeit auf den Straßen gesehen. Es war immer etwas los, die Kinder waren fröhlich. Die Menschen dort haben nicht viel was materielle Dinge angeht, und trotzdem wirkten sie auf mich um einiges glücklicher als die Menschen hier bei uns, die eigentlich alles haben, was sie brauchen. Das hat mir zu denken gegeben. In Deutschland dreht sich viel um Geld, um Status. In Benin dagegen ist der Mensch noch Mensch. Dort versuchen die Leute, einfach glücklich zu sein. Es ist schon klar, dass das hier nicht so geht, trotzdem kann man von dort einiges mitnehmen.

War bei Ihnen aufgrund des finanziellen Erfolgs ein Gefühl der Sättigung eingekehrt?

Didavi:  So würde ich das nicht sagen. Große Ziele hatte ich auch damals – ich wollte hoch hinaus in der Fußballwelt - und große Ziele habe ich auch heute noch. Ich hatte damals eigentlich alles und dann kam die Verletzung. Man darf aber auch nicht vergessen: Eine Verletzung ist letztendlich "nur" eine Verletzung. Und trotzdem habe ich mich gefragt, wie das sein kann. Warum mir so etwas passiert? Heutzutage denke ich mir: Es gibt Menschen, die haben ganz andere Schicksale, du hast nur eine Verletzung und heulst rum... Und selbst wenn du nicht mehr Fußball spielen kannst, wird das Leben weitergehen.

Für Sie ging es aber glücklicherweise mit dem Fußball weiter. Sie sind im vergangenen Sommer vom VfB Stuttgart zum VfL Wolfsburg gewechselt, weil Sie bei einem Verein spielen wollten, der höhere Ambitionen hat. Sie wollten bei einem Klub spielen, der international vertreten ist. Die Realität heißt allerdings Abstiegskampf. Wie frustrierend ist das und wie gehen Sie mit der Situation um?

Didavi:  Natürlich hatte ich andere Intentionen, als ich beim VfL unterschrieben habe. Gleichzeitig sehe ich, was wir für ein Potential haben. Nun ist die Saison nicht so gelaufen, wie wir uns das vorgestellt haben. Durch meine Verletzung habe ich leider wieder einmal gefehlt und dem Verein nicht helfen können. Ich würde aber nicht sagen, dass ich frustriert bin, vielmehr herrscht eine gewisse Unzufriedenheit. Das ist aber auch gut so, denn dann will man wieder nach oben. Von der Stimmung her geht es bereits bergauf. Man merkt, dass hier gerade wieder ein positiveres Klima aufkommt. Ich hoffe, das können wir in den kommenden Wochen mitnehmen. Dieses Jahr zählt leider nur noch, den Abstieg zu verhindern. Die Situation haben wir alle so angenommen. Man muss auch bedenken: Ich habe hier nicht für ein Jahr, sondern für fünf Jahre unterschrieben. Erst einmal müssen wir unten rauskommen, dann werden wir wieder angreifen.

Wo liegen die Ursachen für die schwachen Leistungen?

Didavi:  Die Probleme haben schon in der vergangenen Saison angefangen, als Wolfsburg in der Rückrunde kaum Spiele gewonnen hat. Man hatte in den Jahren davor sehr große Erfolge, die nicht selbstverständlich und so auch nicht zu erwarten waren. Doch dann hat man gemerkt, dass sich innerhalb der Mannschaft eine große Unzufriedenheit breitgemacht hat. Mario Gomez hat das schon mal angesprochen, und auch ich habe es direkt gemerkt, als ich neu dazu kam. Irgendetwas stimmte nicht. Man will sich das dann vielleicht nicht eingestehen und meint stattdessen, zur neuen Saison wieder angreifen zu können. So einfach ist es aber nicht im Fußball.

Woher kam diese Unzufriedenheit und wie hat sie sich ausgedrückt?

Didavi:  Man hat einfach gemerkt, dass es nicht gepasst hat. Kein Spieler hat das mit Absicht gemacht, aber irgendwo fehlten immer ein paar Prozente. Sobald drei, vier Spieler nicht mit ihrem Herzen dabei sind, ist es zu wenig. Dafür ist die Bundesliga zu ausgeglichen.

Daniel Didavi GFX 3

Wie gestaltet sich die Situation aktuell?

Didavi:  Schon seit der Winterpause ist es ganz anders. Ein paar Spieler sind weggegangen, andere neu dazugekommen. Man hatte plötzlich ein ganz anderes Gefühl, die Stimmung war viel positiver, nur haben wir das zunächst nicht auf dem Platz zeigen können. Seit dem Trainerwechsel zu Andries Jonker sieht man jedoch, dass wir eine Philosophie haben, die zu uns passt. Auch die Spielfreude ist wieder da. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir den Aufwärtstrend in Zukunft mit besseren Ergebnissen untermauern können.

Inwiefern war es Jonker denn in der Kürze der Zeit überhaupt möglich, Dinge zu verändern?

Didavi:  Das ist sicher nicht einfach. Er kam in einer sehr schwierigen Phase hierher und hatte keine Zeit, um sich vorzubereiten. Trotzdem hat er uns sehr schnell sehr klar gemacht, was er will - und wir haben es gut angenommen. Er macht seinen Job super, erklärt uns ganz genau seine Vorstellungen. Wenn wir das umsetzen und dieser Philosophie treu bleiben, werden wir auch wieder Erfolg haben. Das hat man in Ansätzen schon gesehen. Trotzdem haben wir noch nichts erreicht.

Was hat Jonker konkret verändert?

Didavi:  Jeder Trainer hat seinen eigenen Stil, und manchmal passt eine Philosophie besser zur Mannschaft. Teilweise ist aber auch das Glück da, das Momentum, das vorher vielleicht gefehlt hat. Bei allen drei Trainern waren es ganz unterschiedliche Geschichten. Andries Jonker will viel Ballbesitz haben und dominant spielen, das gefällt uns allen. Auch ich bin hierhergekommen, weil ich aktiver spielen wollte. Wir möchten jetzt wieder einen dominanteren Fußball spielen.

Hat Ismaël im Umkehrschluss zu defensiv spielen lassen?

Didavi:  Es gibt da kein richtig oder falsch, viele Wege führen nach Rom. Als wir im Winter drei Spiele unter Valérien Ismaël gewonnen haben, haben wir keinen Top-Fußball gespielt, vielleicht war das in dieser Situation aber genau das Richtige. Es war zwar nicht so dominant, stattdessen kamen wir mehr über den Kampf, das heißt aber nicht, dass es der falsche Weg war. Letztendlich ist Fußball ein Ergebnissport, in dem Kleinigkeiten den Ausschlag geben können. Es ist doch so, dass es in drei Wochen schon wieder ganz anders aussehen kann, wenn die Ergebnisse nicht stimmen. Dann heißt es, dass der Trainer wieder alles falsch macht. Wir stehen voll hinter dem, was Andries Jonker von uns verlangt. Am Ende wird es aber darauf ankommen, ob wir das auch auf den Platz übertragen und die Ergebnisse einfahren können. 

Warum spielt der VfL Wolfsburg auch in der kommenden Saison in der Bundesliga?

Didavi:  Ich bin fest überzeugt davon. Wie Sie aber wissen, bin ich vergangene Saison mit dem VfB Stuttgart abgestiegen. Damals habe ich auch solche Fragen bekommen, und damals war ich mir auch sicher, dass wir nicht absteigen würden. Jeder weiß, was wir für eine Qualität haben, es bringt aber nichts, hier irgendwelche Phrasen zu dreschen. Wir müssen es auf den Platz zeigen, es liegt an uns.

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