Das Ende der Herzensangelegenheit

Aaron Hunt wechselt von den Wölfen zum HSV, nun ja .... (Bild: SID)
Aaron Hunt wechselt von den Wölfen zum HSV, nun ja .... (Bild: SID)

Deadline Day 2015 markiert einen Einschnitt im deutschen Fußball. Das liegt aber nicht an den Mondpreisen, die gezahlt werden, sondern am neuen Selbstverständnis unserer Spieler – alles kann, nichts muss. 

Von Ayla Mayer

Die Nachricht schlug am letzten Augustsonntag an Fußball-Deutschlands-Frühstückstischen ein. Eine Transferbombe, mit der selbst im kurzlebigen, zynischen Business von 2015 niemand gerechnet hätte, und die bei Fans für ungläubige Fassungslosigkeit bis blanke Wut sorgte: Supertalent Marcel Halstenberg wechselt vom FC St Pauli zum Sprudelklub RB Leipzig, ausgerechnet.

Ein Kultkicker lässt sich von klebrigen Milliardärsmillionen auf die lange Bank nach Leipzig locken, damit hat die deutsche Fußball-Romantik sein Ground Zero. Dass Julian „Mittelfeld-Juwel™“ Draxler sein Schalker Herz seinen noch drei Jahre gültigen Schalker Vertrag für Makulatur erklärt und in einer Demonstration extremer charakterlicher Flexibilität nach Turin Wolfsburg wechselt, fügt sich ein ins Bild.

Der Deadline Day 2015, mit dem der Sportsender Sky Sport News HD dem Fleischmarkt Fußball eine 24-stündige Sondersendung widmet, markiert tatsächlich eine Zäsur in der Bundesliga. Aber nicht wegen der Mondsummen aus England, die den munteren Trikottausch erst in Gang gesetzt haben - sondern weil der gemeine Fan sich mit diesem Wochenende endgültig von Illusionen der Marke Echte Liebe verabschieden muss.

Achselzuckend in den Wölfi-Club

Denn während früher Fußballer noch so absurde Wechsel mit dem Kampfbegriff „Herzensangelegenheit“ verargumentierten, sieht die heutige Generation Y gar keinen Anlass mehr für Rechtfertigungen, nach dem Motto: I’m sexy and I know it. Stürmer Max Kruse erklärte erfrischend ehrlich nach seinem Wechsel nach Wolfsburg: „Natürlich spielt das Geld eine Rolle“. Der von Schalke als Ur-Knappe und Gegenpol zu den jungen Wilden des BVB hochstilisierte Draxler tauscht achselzuckend die blau-weiße Bettwäsche gegen das Motiv aus dem Wölfi-Club. Vor zwei Jahren hatte Schalke die Vertragsverlängerung des kleinen Heiland („Herzensangelegenheit!“) mit rollenden Plakatwänden begangen, heute stehen die Fotos, die sich gerade einer massiven Beliebtheit bei Facebook-Usern aus dem Großraum Dortmund erfreuen, lediglich als Mahnung, sich beim Trikotbeflocken im Fanshop ein Umtauschrecht einräumen zu lassen.

Der letzte Spieler, der sich dermaßen als Fanliebling des Monats bewarb, war Franco Di Santo. Der versprach leidgeprüften Bremern ewige Liebe („Bei Werder verlängern, ist das, was ich will“), um ausgerechnet während des Fanfests am Weserstadion in Gelsenkirchen seinen Medizincheck  zu absolvieren, um schließlich sechs Tage vor Auslaufen der Ausstiegsklausel den Stecker zu ziehen.  Ur-Bremer Aaron Hunt ist derweil nach einem Stunt in Wolfsburg beim Bremer Intimfeind HSV gelandet, weil Pierre-Michel Lasogga (Vertrag bis 2019) versehentlich beim Googlen statt Neumünster auf Newcastle geklickt hat. Und in Stuttgart aktualisieren die Fans stoisch den Transferticker, eigentlich nur noch von der Frage getrieben, ob Sportdirektor Robin Hood Dutt den Schalkern für Filip Kostic wirklich 30 De Bruyne-Draxler-Millionen aus der Kasse ziehen kann. Der Rest der Liga googelt derweil Filip Kostic (Vertrag bis 2019). Echte Liebe, wir leben dich, lebenslang Grün-Weiß, die andere Familie? Treffender wäre „Alles geht, nichts muss“.

Spieler kommen, Trainer gehen

Nein, im Fußball trägt keiner mehr Liebe in sich, die Gerrards, Schweinsteigers, Mattuschkas und Bolls haben die Herzenstrikots abgelegt und die neue Generation hat Vereinsbettwäsche noch nie geliebt. Die Jahrgänge 94 und jünger, welche nun und in den kommenden Jahren den Fußball bestimmen, wurden sozialisiert mit Jugendscouts, neongelben Buffern und Medienschulungen im Vereinsinternat, sie sind ihre eigenen Marken mit Beraterstab, eigenem Arschgeweih-Logo und Hashtag. Sie verändern den Fußball nachhaltiger als Knappencard und Spieltagszerstückelung, denn sie sehen sich in erster Linie als Aushängeschild ihrer selbst, und nicht ihrer Klubs. Sie entziehen sich damit einem Herzstück der Fußballkultur, das ist aus ihrer Sicht nicht verwerflich, das ist pragmatisch und die Fans müssen lernen, ihre Spieler in erster Linie als Geschäftspartner wahrzunehmen. Spieler kommen, Trainer gehen.  Es ist Deadline Day.

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