Das „gallische“ Eishockey-Dorf in Baden

In Hügelsheim, dem kleinen badischen Grenzort, kokettiert man gerne ein wenig mit der Rolle des aufständischen gallischen Dorfes des Asterix im Kampf gegen die Eishockey-Cäsaren.Und tatsächlich ist auch hier alles etwas anders als gewohnt: Hier spielen Nashörner Eishockey auf ungewöhnlich kleiner Fläche in einer mit Sonnenkollektoren bedeckten Flughafenhalle. Hier braut man Zaubertrank aus eigens angebauten seltsamen Wurzeln, importiert dazu selbst besonders fette Würste und hat einen „Häuptling“ aus gesundheitlichen Therapiegründen. Und hier steht man eng zusammen: gegen die absonderlich fremde Welt drum herum. Wir bekamen Einlass und teilen nun unsere Innenansichten. Ganz am Rande unserer großen deutschen Republik, im Südwesten, wo Gevatter Rhein uns vom Elsass trennt, liegt Hügelsheim, deren Bewohner eine gemütlich-herzliche Gastlichkeit ausstrahlen. Nein, aufständisch sind sie hier nicht, nur wachsam gegenüber den Schwaben im Osten und den Franken im Westen und irgendwie erheitert vom Rest. Kein Wunder: seit 10.000 Jahren ist dieser Flecken schon besiedelt und wurde vor über 1.200 Jahren erstmals urkundlich erwähnt; da kann man sich leicht für den Mittelpunkt und jeden, der nicht helserisch, einen breiten badischen Dialekt spricht, für sonderbar halten. Wieviele Einwohner es hier gibt? Nun, "das hängt davon ab, wen man dazu zählt" - aha, die Frage war offenbar nicht präzise genug gestellt. Schließlich kennt man sich hier, und es gibt offenbar einige Kriterien, jemanden dazu oder eben nicht dazu zu zählen. Von außen betrachtet sind es 4.971 Personen, steigende Tendenz, die behaupten können, „t'hääm in Heelse“ [daheim in Hügelsheim, d. Red.] zu sein. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden kanadische Besatzungstruppen bei Hügelsheim stationiert, bauten einen Flugplatz und 1953 auch eine Eishalle mit kleinen, nordamerikanischen Spielflächenmaßen sowie vier Curling-Bahnen, um sich das Leben in Deutschland heimatlich zu gestalten. Als „Baden Raiders“ (Jäger) nahm das kanadische Militärteam am Spielbetrieb teil, ehe sich 1972 mit dem „ESV Hügelsheim“ auch ein deutscher Club dazu gesellte, der sich viel später „Hornets“ (Hornissen) nannte. 1993 zogen die Kanadier ab, und der ESV übernahm die Halle am Rande des Flugfelds, das zum zivilen „Baden-Airpark“ ausgebaut wurde. Einmal gelang ihm 2004/05der Start in der Oberliga, ohne wirtschaftlichen Erfolg. Doch 2009 stand gar in der Regionalliga ein Konkurs am Ende des Vereins, weil die notwendige Kühlanlagenreparatur der eigenen Eishalle nicht mehr gestemmt werden konnte; sie fiel an das Land Baden-Württemberg und blieb geschlossen. Dieser Umstand brachte gesundheitliche Probleme für den schwer lungenkranken langjährigen Hornets-Fan Peter Seywald (57 Jahre) zurück: „Man weiß zwar nicht, warum dies so ist, aber seit ich die kalte feuchte Eisluft einatme, geht es mir gesundheitlich entschieden besser, und ich kann ein normales Leben führen“, erklärt Seywald, warum für ihn die Eishallenschließung nicht von Dauer sein durfte. Zudem: „Wenn ich schimpfen will, muss ich auch bereit sein, anzupacken und etwas zu ändern“, hatte er sich bereits ein Konzept ausgemalt, wie Eishockey kostendeckend in Hügelsheim betrieben werden kann. Der Zufall wollte es, dass er dieses Konzept einer großen Gruppe der Entscheidungsträger präsentieren konnte: „Ich war grad beim Rasenmähen am Stadion, damit das am Ortseingang nicht so schlimm aussieht, als ich angesprochen wurde...“ Das Gremium war begeistert und legte sogleich die Zukunft von Eishalle und -hockey in seine Hände. Binnen sechs Wochen gründete er, zusammen mit zehn Mitstreitern, den Eissportclub (ESC) Hügelsheim 09, der das Stadion in Erbpacht übernahm. Ein Jahr später, am 10.10.10, waren die Vorarbeiten erledigt und Seywald konnte wieder Eisluft atmen. Die Herrenmannschaft startete in der Landesliga als „Baden Rhinos“ neu – wohl weithin die einzigen Nashörner, die über das glatte Geläuf jagen. Prompt errang sie den Meistertitel und spielt seither in der Regionalliga Südwest, wo sie gleich in ihrer ersten Saison 2011/12 auf Platz vier abschloss. Doch diese Erfolge stehen für Seywald, der auch von Statur und Bart an Häuptling Majestix aus dem besagten gallischen Dorf erinnert, nicht im Vordergrund: „Wir müssen vor allem die Hallenkosten refinanzieren und Schritt für Schritt die Infrastruktur verbessern!“ Das gelingt mit guten Ideen und viel Eigeninitiative: Auf dem Dach prangen Sonnenkollektoren, um auch im Sommer Einnahmen zu generieren. In Eigenregie wurde ein VIP-Raum ausgebaut und seither betrieben, der auch in vielen höherklassigen Clubs seinesgleichen sucht. Im letzten Sommer konnten Handwerkssponsoren gewonnen werden, die ihre Leistungen je zu einem Drittel in Geld, Arbeit und Material erbrachten, um eine Sitzplatztribüne für etwa 100 VIP-Gäste zu bauen. Ansonsten bietet die Halle auf nur einer Längsseite Stehplätze für 1.200 Zuschauer. „Wir sind hier wie eine große Familie“, erklärt Seywald das Gelingen: „Nur so können wir auch unseren Schlittschuhverleih, die Kioske, den Fan-Shop und andere Maßnahmen anbieten.“ Etwa 30 Mitarbeiter zählen zu diesem ehrenamtlichen Team; „sie eint das Bewusstsein, für ‚unsere Halle’ zu arbeiten", erklärt „Majestix“ die große Motivation seiner Helfer. Ganz wichtig für gegenwärtiges und künftiges Wachstum der Rhinos ist die Sponsorengewinnung. „Wir mussten das nach der Gründung völlig neu aufbauen“, gibt Rainer Weinbrecht (54) zu Protokoll. Er ist seit zweieinhalb Jahren für Marketing und Sponsoring zuständig und als „Kämpfer an der Front“ quasi der Asterix des Führungstrios. „Zurzeit zahlen etwa 30 Sponsoren ihren Beitrag zum Etat. Wollen wir in die Oberliga aufsteigen, müssen wir, je nach Größe, 100 bis 200 weitere Werbepartner gewinnen“, weiß Weinbrecht um die Anforderung seiner Aufgabe. Andererseits haben die Rhinos im weiteren Umkreis kaum Wettbewerber als Sporteventanbieter. So berichten Lokal-Fernsehen und -Radio regelmäßig über die Spiele in Hügelsheim. „Hier sind wir eine richtige Nummer“, weiß der jetzt im zweiten Jahr für Sport und Zuschauerbindung zuständige Jörg „Jogi“ Metzler (53) Bedeutung und Potential des Clubs einzuschätzen. Er bringt das sportliche Know-how als langjähriger Zweit- und Oberligaspieler in das Führungsgespann ein. Gleich in seiner ersten Saison konnte Hügelsheim an der Sensation schnuppern und wurde erst im Penaltyschießen des entscheidenden dritten Finalspiels auf den Vize-Meistertitel verwiesen. In diesem Jahr soll der Spieß umgedreht und die Oberliga-Aufstiegsspiele sollen erreicht werden. Zudem engagiert sich Metzler für die Pflege der Fan-Kultur in Hügelsheim, veranstaltet regelmäßig Treffen mit den Fans, um Fragen zu beantworten und Anregungen mitzunehmen. „Die Fans sind unser großes Kapital. Allein unser Trommler kommt zu jedem Spiel aus Heilbronn angereist, weil20140129T182016+0000

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.