Wieso das Debakel mit Kimmich nicht passiert wäre

Patrick Berger
·Lesedauer: 4 Min.

Effenberg sieht in ihm - und nicht Kroos - den wahren DFB-Leader, auch Matthäus vermisst ihn: Joshua Kimmich fehlt nicht nur dem Nationalteam, wie das Spanien-Debakel zeigte.

Wie Joshua Kimmich das 0:6-Debakel der deutschen Nationalmannschaft gegen Spanien erlebt hat, ist nicht überliefert. Gut möglich aber, dass der verletzte Führungsspieler zuhause auf der Couch zornig in ein Kissen gebissen hat. Oder vor Wut die Fernbedienung in den TV geschmissen.

Mit Kimmich auf dem Platz, so der Tenor vieler Experten, wäre das nicht passiert.

Gewiss, eine einzelne Person alleine hätte diese vernichtende Niederlage wohl nicht zu verhindern gewusst. Klar ist aber auch: Mit Kimmich wäre zumindest ein Mann mehr auf dem Platz gewesen, der sich erkennbar gegen die Vorführung gestemmt hätte.

"Ich glaube, wenn Kimmich auf dem Platz gewesen wäre, hätte er einen gewürgt wie Oliver Kahn früher den Andi Herzog mal an den Hals gepackt hat", sagte Rekordnationalspieler Lothar Matthäus in einer Analyse auf seinem eigenen YouTube-Kanal. "Nicht, dass er gleich handgreiflich wird, aber die Atmosphäre, die Kimmich mitbringt, die kann sich auf die Mannschaft übertragen!"

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Kimmich unverzichtbar bei Nationalmannschaft und FC Bayern

Am Dienstagabend wurde bei der Schmach von Sevilla einmal mehr klar, wie unverzichtbar der Bayern-Star auch für die deutsche Nationalmannschaft ist.

Es fehlte jemand, der den Ton angibt, der auf dem Platz kommuniziert, seine Kollegen ansteckt, aufweckt und mitreißt. "Körpersprache und Zweikampfverhalten - davon hatten wir nichts", monierte auch der arg in die Kritik geratene Bundestrainer Joachim Löw: "Keine Organisation, keine Nähe zum Mitspieler, keine Kommunikation."

Das fand auch Manuel Neuer: "Wir hätten mehr sprechen müssen. Das war in Sachen Führung und Kommunikation viel zu wenig." Neuer selbst war zwar immer wieder lautstark zu hören, er alleine konnte von hinten aus dem Tor heraus aber nicht viel anrichten.

Effenberg: Kimmich der wahre Leader - nicht Kroos

In die Kritik geraten waren vor diesem Hintergrund auch Routiniers wie Ilkay Gündogan und Toni Kroos.

SPORT1-Experte Stefan Effenberg zeigte sich insbesondere von Kroos enttäuscht. "Es war klar zu erkennen, dass Joshua Kimmich der wahre und richtige Leader dieser Mannschaft ist. Und damit ist es dann auch nicht Toni Kroos", führte der Ex-Profi aus.

Erfolg und Misserfolg des DFB-Teams scheinen in einem gewissen Maße auch an Kimmich zu hängen. In den letzten Jahren ist der Mittelfeldspieler, immerhin auch erst 25 Jahre jung, zum absoluten Führungsspieler gereift. "Es ist schon außergewöhnlich, welche Mentalität er auf den Platz bringt", sagte Löw einmal.

Seit 2016 bestritt Kimmich schon 50 Länderspiele. Er, der kürzlich von der UEFA zum Verteidiger des Jahres ernannt wurde, kommt für die Bayern auf 233 Pflichtspiele (27 Tore, 64 Vorlagen).

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Ehrgeiz und Siegeswille imponieren BVB-Boss Watzke

Mit seinem Ehrgeiz und seinem Siegeswillen imponierte der vom Erfolg besessene Triple-Sieger und fünfmalige Deutsche Meister auch die Konkurrenz.

"Wer mir über die letzten Jahre bei Bayern sehr gut gefällt, ist Joshua Kimmich", sagte BVB-Boss Hans-Joachim Watzke kürzlich erst der Sport Bild: "Der nervt mich zwar immer, weil er so gut ist und auch gegen uns trifft. Aber so wie er das macht, das ist schon krass, und eine wahnsinnige Entwicklung."

Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge bezeichnete Kimmich als "Kapitän der Zukunft". Neuer sagt dazu jetzt in der Sport Bild: "Jo erfüllt die Voraussetzungen. Er spielt schon jetzt auf einer sehr wichtigen, zentralen Position. Er ist ein Anker des FC Bayern und der Nationalmannschaft. Er spricht sehr viel, steht mit Ratschlägen immer zur Seite und ist auch für mich ein wichtiger, meinungsstarker Ansprechpartner."

Kimmich mit Schlüsselrolle nach WM-Debakel

Der flexibel einsetzbare, defensive Mittelfeldspieler ist gewiss einer, der den Finger in die Wunde legt. Nach dem WM-Aus in Russland 2018 war er es, der Missstände intern schonungslos ansprach. "Er hat seinen Mund aufgemacht, auch wenn er noch nicht so lange dabei ist", sagte DFB-Manager Oliver Bierhoff in einer ZDF-Doku über Kimmich.

Für Kimmich - seit wenigen Wochen zweifacher Familienvater - selbstverständlich. Der Ex-Leipziger will auch künftig noch mehr Verantwortung übernehmen: "Ich bin einer der jungen Spieler, die diese neue Generation mit anführen will."

Aktuell arbeitet der Top-Spieler an seinem Comeback. Nach SPORT1-Informationen verläuft seine Reha gut. Im Januar plant er sein Comeback nach einer Knieverletzung, die er sich im Bundesliga-Gipfel gegen den BVB zugezogen hatte.

Gut für die Nationalmannschaft: Bei der nächsten Länderspielpause im März, drei Monate vor der EM, wird Mr. Unverzichtbar dann wieder zurück sein.

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