Zeichen an die Unterdrücker! NFL muss jetzt Kaepernick holen

Eric Böhm
Sport1

Wie Recht Colin Kaepernick doch hatte. 

Vor fast vier Jahren begann der damalige Quarterback der San Francisco 49ers in der Preseason mit seinem stillen Protest auf einem Knie beim Spielen der US-Nationalhymne. 

"Ich werde nicht aufstehen und Stolz auf eine Flagge demonstrieren, die schwarze und farbige Menschen unterdrückt. Es liegen Körper auf den Straßen und Menschen kommen mit Mord davon." Klingt das vertraut? 

Scrollen, um mit dem Inhalt fortzufahren
Anzeige

Wenn es nicht so schlimme Zustände wären, könnte man über die Ironie fast lachen, dass im gleichen Jahr als Kaepernick seinen Protest begann, mit Donald Trump Rassismus und Ignoranz ins Weiße Haus und (wieder) in die Mitte der US-Gesellschaft einzogen. 

Im Zuge des von einem Polizisten verursachten gewaltsamen Todes von George Floyd wird eindrucksvoll veranschaulicht, wie groß die gesellschaftlichen Probleme in den USA sind. 


Trotz seiner offensichtlichen intellektuellen Schwächen versteht es Trump meisterhaft, mit den Ängsten der weißen Bevölkerung zu spielen und verstärkte somit seit seinem Amtsantritt die Spaltung im "Land of the free". 

Dazu gehörte in der Frühphase auch die Verdammung Kaepernicks unter anderem als "Hurensohn", weil er es wagte, sein Recht auf Protest und Demonstrationsfreiheit friedlich wahrzunehmen. 

Genau jene Art des Protests, die nun plötzlich Konservative angesichts der Ausschreitungen in fast allen US-Großstädten fordern - und die Trump bei mit automatischen Waffen bestückten (weißen) Gegnern der Corona-Beschränkungen in Michigan unlängst lautstark feierte. 

Hier kommt nun die NFL ins Spiel. Es ist kein Geheimnis, dass Kaepernick nach Ablauf seines Vertrags auf der schwarzen Liste der erzkonservativen Teameigentümer landete und seither ohne Job ist. Mit seinem Protest brachte er auch die Borniertheit der erfolgreichsten Sportliga der Welt mit ca. 70 Prozent schwarzen Spielern in den Fokus. Das mögen die so auf ihr Image bedachten Herren überhaupt nicht. 

Seitdem hat sich etwas getan, so spendete der Boss der 49ers zuletzt eine Million Dollar an Organisationen, die für sozialen Wandel arbeiten, aber es ist längst nicht alles gut im Football-Land. 

Die "Rooney Rule", die Minderheiten in Coaching- und Managerpositionen bringen sollte, ist in ihrer jetzigen Form gescheitert, die Spieler haben weiter kaum Mitspracherecht und und und. 

Es ist an der Zeit für ein überdeutliches Zeichen: ein NFL-Team muss Kaepernick verpflichten. 


Um es ganz klar zu sagen: sportlich macht das zum jetzigen Zeitpunkt längst keinen Sinn mehr - überhaupt keinen. Kaepernick hat seit dreieinhalb Jahren kein NFL-Spiel mehr bestritten, von seinen letzten 19 Starts gewann der mittlerweile 32-Jährige drei, sein medienwirksames Workout in Atlanta im vergangenen Jahr war bestenfalls durchschnittlich. 

Aber: Es geht nicht mehr um den Sport! Die NFL hat in den sportbegeisterten USA eine wahnsinnige Strahlkraft, nicht zuletzt im Vergleich zur Politik. 

Die Liga muss sich angesichts von brennenden Städten, Ausgangssperren und Schüssen auf Journalisten endlich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen. 

Ein Deal für Kaepernick würde den Unterdrückten das Gefühl geben, eine Stimme zu haben - wenn auch zunächst nur symbolisch. 

Zudem wäre es ein deutliches Zeichen an die Unterdrücker und die stille weiße Masse, sich zu erinnern, dass Patriotismus eben nicht blinder Gehorsam, sondern Kampf um Gerechtigkeit für alle und gegen Diskriminierung jeder Art ist. 

Das gilt übrigens nicht nur für die USA. Die Signalwirkung weltweit wäre gewaltig, nicht zuletzt in Deutschland sehen wir ja ein Jahr nach dem Mord an Walter Lübcke fast tagtäglich, wie gefährlich sich in die Mitte der Gesellschaft ausbreitender Rassismus ist. 

Der Sport ist für viele von uns die leuchtende Flamme in einer oftmals allzu dunklen Welt. Die NFL muss diese Chance nutzen. Es bleibt nur zu hoffen, dass ein Team den Mut hat. 

Lesen Sie auch