Deutsche Damen: Weit weg vom Tennis-Wunder

Enttäuscht: Angelique Kerber und Sabine Lisicki. (Bild: SID)
Enttäuscht: Angelique Kerber und Sabine Lisicki. (Bild: SID)

Hochtalentiert - aber die großen Erfolge fehlen. Die deutschen Tennis-Damen blieben hinter den großen Erwartungen bisher weitgehend zurück. Bringen die US Open die Wende?

Von Jens Fischer  

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Es ist das große Dèjá-Vu: „Angelique Kerber kann gegen jede gewinnen“, kündigte die deutsche Tennis-Bundestrainer Barbara Rittner vor den am Montag beginnenden US Open großmündig an. Solche Sätze mit solchem Inhalt hört man allerdings nicht zum ersten Mal von Rittner. Fakt aber ist: Die angeblich so überragende deutsche Damen-Tennis-Generation hinkt schon seit langem den eigenen Ansprüchen hinterher. Natürlich sind die derzeitigen Weltranglisten-Platzierungen elf (Kerber), 18 (Andrea Petkovic) und 24 (Sabine Lisicki) schön zu lesen, und auch insgesamt neun deutsche Damen in den „Top 100“ sind eine nette Zahl, mehr aber auch nicht. Denn: Es fehlt einfach an der ganz großen Nummer, am ganz großen Erfolg, der die deutsche Tennis-Euphorie endlich wieder entfachen könnte.

30 Jahre ist es mittlerweile her, als Boris Becker mit seinem ersten Wimbledon-Sieg Tennis-Deutschland in einen Ausnahmezustand versetzte, und auch an Steffi Grafs Triumphzüge können sich nur die Älteren unter uns erinnern. Längst ist der „weiße Sport“ in der öffentlichen Wahrnehmung in der Versenkung verschwunden, die Öffentlich-Rechtlichen zeigen kein Interesse mehr, Tennis ist mittlerweile Sache des Bezahlfernsehens oder von Spartensendern. Selbst Lisickis Finaleinzug in Wimbledon vor zwei Jahren änderte daran nichts, es war ein kurzes Aufflackern, das längst wieder verglimmt ist.

Angelique Kerber ist heiß auf die US Open. Kann sie ihr Potential auf den Platz bringen? (Bild: SID)
Angelique Kerber ist heiß auf die US Open. Kann sie ihr Potential auf den Platz bringen? (Bild: SID)

Das deutsche „Damen-Tennis-Wunder“: Darauf haben alle gehofft, die mit dem gelben Filzball nur im Entferntesten zu tun haben. Mittlerweile muss man wohl davon ausgehen, dass dieses Wunder ausbleiben wird. Da kann eine Rittner noch so gebetsmühlenartig vom riesigen Potenzial ihrer Mädchen schwärmen, für die ganz großen Ergebnisse, sprich auch einmal einen Grand-Slam-Sieg, hat es bislang nicht gereicht.

Natürlich kann eine Kerber von sich behaupten, in dieser Saison bereits einige Turniere gewonnen zu haben und ein ansprechendes Jahr zu spielen. Allerdings auch hier der Haken: All diese Turniere waren kleinerer Natur, ihre Bilanz bei den bisherigen Grand Slams sieht 2015 alles andere als rosig aus, ein frühes Ausscheiden war die Regel. Kerber selbst wirkt weiter zuversichtlich: „Natürlich traue ich mir einen Finaleinzug bei einem Grand-Slam-Turnier zu“. Das allerdings scheint derzeit illusorisch. Verkrampft wirkte Kerber in den entscheidende Momenten in diesem Jahr und leider auch des Öfteren spielerisch unterlegen. Zweifelsohne ist die 27-Jährige eine große Kämpferin, gegen die Williams, Scharapowas oder Haleps stößt sie aber regelmäßig an ihre Grenzen.

Sabine Lisicki: Hochtalentiert, aber zu unkonstant. (Bild: SID)
Sabine Lisicki: Hochtalentiert, aber zu unkonstant. (Bild: SID)

Und auch Kerbers Kolleginnen Lisicki und Petkovic scheinen jetzt schon ihr Leistungslimit erreicht zu haben. Zwar ist Lisicki vielleicht die talentierteste der deutschen Damen, gleichzeitig scheint sie das Wissen darum aber auch immer wieder auf die falsche Bahn zu führen. Konstanz ist Fehlanzeige, bravouröse Vorstellungen wechseln sich ab mit peinlichen Aussetzern wie zuletzt vor einigen Wochen, als Lisicki gegen die japanische „Tennis-Oma“ Kimiko Date-Krumm verlor. So ist nicht zu erwarten, dass die Pocher-Freundin den Karriere-Sprung nach ganz oben noch packt. Ähnlich verhält es sich mit Petkovic. Die Darmstädterin gehört zweifelsohne zu den Sympathieträgern der Branche, sportlich aber tut auch sie sich schwer. Oft scheint es so, als kämpfe sie mehr mit ihrer Gefühlswelt als mit der Kontrahentin auf der anderen Seite des Netzes. So reicht es für „Petko“, deren Verletzungsanfälligkeit ein weiteres großes Problem darstellt, derzeit konstant zu einem Platz im Ranking zwischen zehn und 20. Mehr aber scheint kaum möglich.

Nun also die US Open in New York – das wohl verrückteste Turnier des Jahres. Die Auslosung in den ersten Runden ist durchaus machbar für die deutschen Damen. Dann aber warten wieder die großen Kaliber. Dann ist ein Ausscheiden wahrscheinlich – und die Renaissance des deutschen Tennis-Wunders obsolet. Wieder einmal, muss man sagen.

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