Als Deutschland sich zuletzt mit 0:6 blamierte

Udo Muras
·Lesedauer: 4 Min.

In Sevilla erlebte Deutschland die höchste Länderspielniederlage seit 89 Jahren.

Auch damals, im Mai 1931, gab es ein 0:6. Die Pleite im Berliner Grunewaldstadion, in dem man vor dem Bau des Olympiastadions die großen Spiele austrug, ging als höchste Heimniederlage in die DFB-Historie ein, aber so schlimm wie am Mittwoch fühlte sie sich nicht an. Schließlich verloren die im Fußball da noch zweitklassigen Deutschen gegen ein "Wunderteam". Was geschah am 26. Mai 1931?

Fußball war in den letzten Tagen der Weimarer Republik der populärste Sport geworden und die Frage, ob er deshalb auch ein Beruf sein dürfe, spaltete die Gemüter.

In Deutschland sagte der DFB rigoros nein, während ringsum der Professionalismus Einzug hielt. In Österreich gab es seit 1924 Profifußball, weshalb Deutschland sich weigerte gegen den Nachbarn zu spielen. Bis 1931, als sich die Ansichten etwas lockerten. Mit fatalen Folgen. Nun wurde auf einen Schlag deutlich, wie weit sich die Länder im Fußball auseinander entwickelt hatten.

Fußball in Deutschland in regionalen "Bezirksligen" organisiert

In Deutschland gab es seit 1908 eine Nationalmannschaft, aber erst seit 1926 einen Bundestrainer, damals Reichstrainer genannt (Otto Nerz) - 18 Jahre spielte man quasi unbetreut. Es gab auch keine zentrale oberste Liga, sondern Dutzende regionale "Bezirksligen", ganz im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, darunter Österreich. Wobei Fußball in Österreich, wie es schien, quasi nur in Wien gespielt wurde.

Die Nationalmannschaft bestand ausschließlich aus Wiener Spielern, ihr Trainer hieß Hugo Meisl. Sein größter Gegner waren die Journalisten, die einen gewissen Anteil am 0:6-Debakel der Deutschen hatten. Sie schrieben ihm nämlich die Aufstellung vor. Wenige Tage vor dem Spiel ereignete sich dies: In einem Wiener Kaffeehaus - dem im Stadtteil Favoriten gelegenen Ringcafé, pflegte Meisl regen Austausch mit Experten und Journalisten, mit letzteren verband ihn eine Hassliebe.

Im Mai 1931 hasste er sie wieder mal, die "Schmieranskis", die nach zuvor drei enttäuschenden Spielen eine andere Aufstellung wünschten. Vor allem wollten sie ihn: Matthias Sindelar, den grazilen Mittelstürmer von Austria Wien, auf den Meisl seit zwei Jahren verzichtete. Nun gab er der Presse nach. Im Taxi ließ er sich zum Café fahren, stürmte herein, fand die schon wartenden Kritiker, warf ihnen die Aufstellung auf den Tisch mit den Worten "Da habt's euer Schmieranski-Team" und brauste wieder von dannen.

Österreichs "Wunderteam" erlangt Weltruhm

Aus dem Team der Presse, das natürlich vor allem trotzdem das von Meisl war, wurde das Wunderteam, das eineinhalb Jahre ungeschlagen blieb, von 14 Spielen zwölf gewann und durch die einzige Niederlage Weltruhm errang.

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Bis zu jenem 3:4 am 7. Dezember 1932 an der Londoner Stamford Bridge gegen England, dem "Spiel des Jahrhunderts", wie es vorher und erst recht nachher genannt wurde, hatte sie Europa längst verzaubert. Es begann mit einem 5:0 gegen Schottland in Wien, acht Tage später folgte das besagte 6:0 in Berlin.

In der Hauptstadt residierte damals übrigens der Deutsche Meister, Hertha BSC hatte 1930 erstmals den Titel gewonnen und würde ihn drei Wochen nach dem Debakel auch verteidigen.

Nationalmannschaft schon vor der Pause chancenlos

Nerz hatte, wie es damals durchaus üblich war, dem Publikum zuliebe das Lokalkolorit überbetont. Gleich drei Spieler von Hertha BSC kamen zum Einsatz, eine Reverenz ans Publikum zwar, aber kein Glücksgriff für die Nationalelf. Die stand vor 40.000 Zuschauern mit Anpfiff auf verlorenen Posten. Auch mangelnde Erfahrung (im Schnitt 6,9 Länderspiele) mag eine Rolle gespielt haben. Durch zwei Treffer von Schall (6., 32.) und einen von Vogl (27.) stand es, wie in Sevilla, zur Pause bereits 0:3 für die spielerisch haushoch überlegenen Gäste.

Nerz' Pausenansprache muss etwas deutlicher ausgefallen sein, die Viertelstunde nach Wiederbeginn gehörte den Deutschen, Lokalmatador Hanne Sobeck und der Dresdner Torjäger Richard Hofmann vergaben gute Chancen. Es trafen aber weiterhin nur die Wiener: 0:4 durch Zischek (65.), 0:5 durch Schall (70.).

Zuschauer verspotten deutschen Trainer Nerz

Nach diesem Tor verspotteten die Zuschauer den Reichstrainer: "Nerz Mittelstürmer!" In der 88. Minute sorgte Gschweid für den Endstand von 0:6. Nach Abpfiff stürmte die Berliner Jugend aufs Feld, trug die Österreicher auf Schultern und beschimpfte die Prominenz in der DFB-Loge. Die Nürnberger Zeitung schrieb: "Deutsche Fußballschüler mussten sich von österreichischen Technikern und Taktikern eine Nachhilfestunde erteilen lassen, dass zuletzt das ganze Stadion in Hohn erstarb."

In der Fußball Woche erschien ein Spotgedicht:

"Fußball-Deutschland liegt in Trauer, Österreich spielte gar zu gut, und wir reagierten sauer, Hugo Meisl zog devot den Hut.

An nem schönen blauen Sonntag spielte man uns etwas vor, und man zählte an den Knöpfen, noch ein Tor und noch ein Tor!

Denn fürs Fußball-Leben ist Deutschland noch nicht schlau genug. Doch sein höhres Streben ist ein schöner Zug."

Nerz trotzt Rücktrittsforderungen

Nerz musste mit Rücktrittsforderungen leben, blieb aber im Amt.

Er überstand auch das 0:5-Debakel im September beim Gegenbesuch in Wien und führte Deutschland bei der WM 1934 auf den dritten Platz.

Den holte es durch ein 3:2 gegen Österreich und man sprach allgemein vom "Wunder von Neapel".