Ex-Allesfahrer: Darum geht es den Ultras

Reinhard Franke
Sport1

Seit dem vergangenen Samstag diskutiert Fußball-Deutschland über Ultra-Fankultur, die Anfeindungen gegen Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp, den Protest gegen den Deutschen Fußball-Bund (DFB) und wie das alles zusammenhängt. 

Walter Möller kennt sich aus in der Fan-Szene. Seit seinem siebten Lebensjahr schlägt sein Herz für den Hamburger SV. Seit 35 Jahren ist er in den Fankurven dabei. Auswärts steht Möller immer noch regelmäßig im Gästeblock. 

Zudem ist er Mitautor der Vereinschronik "Kinder der Westkurve" und Mitorganisator der Talkrunde "Tankstellentalk", bei der auch Ultras auf dem Podium sitzen und über Themen rund um den HSV reden. Als Autor der Mitgliederzeitung des HSV schreibt der 47-Jährige auch regelmäßig über Ultra-Themen.

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Im SPORT1-Interview spricht Möller über die Motive der Ultras und einen sinnvollen Umgang, um die angespannte Lage in deutschen Stadien für beide Seiten erträglich zu gestalten. 

SPORT1: Herr Möller, wie aktiv waren Sie selbst in der Fanszene?

Walter Möller: Ich war bis Ende der 90er Jahre in der sogenannten Allesfahrer-Szene unterwegs, habe alle Spiele zuhause und auswärts mitgenommen, war aktiv in der Fan-Arbeit dabei und habe auch alles für Verein geopfert. Ich habe daher sehr viel Verständnis für die Ultras und Ihren "Way of Life". Auf der anderen Seite sind aber natürlich auch die Interessen der Vereine zu sehen. Sollte es seitens dieser und des DFB ein ernsthaftes Interesse an einer Partnerschaft auf Augenhöhe geben, sollte sich die Situation mittelfristig wieder entspannen.


SPORT1: Glauben Sie, dass das möglich ist?

Möller: Im Moment fehlt mir selber noch die Fantasie, ob dies auch bei allen Offiziellen so gesehen und gewünscht wird. Der DFB hat nach dem Wechsel vom damaligen Sicherheitschef Helmut Spahn im Jahr 2011 nach Katar jede zugesagte Kommunikation abgebrochen. Im Jahr 2020 begeht man den Fehler und bricht sein Versprechen, keine Kollektivstrafen mehr auszusprechen. Wenn die Offiziellen den Willen haben zu lernen, dass es abseits von Bilanzen, Transfer-Erlösen und Vermarktungsrechten auch ungeschriebene Gesetze gibt, welche auch ihre Berechtigung haben, wäre schon viel erreicht. Andersrum gibt es auch für Fans Themen, die für die Vereinsvertreter nicht zu verhandeln sind. Wenn diese Botschaft bei beiden ankommt, wären wir einen enormen Schritt weiter.

SPORT1: Woher kommt der anhaltende Hass auf Dietmar Hopp?


Möller: Nach dem Aufstieg der TSG Hoffenheim 2008 in die Bundesliga bemerkten Großteile der Fans in Deutschland, dass der sportliche Erfolg durch den massiven Einsatz von Kapital eben doch planbar und umsetzbar ist. Das entscheidend Neue war aber, dass hier eine Einzelperson in Form von Dietmar Hopp dies ermöglichte. Kaum ein anderer Verein hat die Option, auf derartige Geldquellen zugreifen zu können - außer dem HSV mit bekanntem Erfolg. Insbesondere die Fans der Traditionsvereine - egal, ob abgeschlagen in den unteren Ligen oder in der ersten Liga - sehen hier einen massiven Wettbewerbsnachteil.

SPORT1: Wodurch kam das zustande?

Möller: Durch eine Sonderregelung des DFB, der in den Augen vieler Schlachtenbummler der wahre Feind ist. Dietmar Hopp - und anonymisiert RB Leipzig - ist hierfür die Projektionsfläche, die er aber auch mehrfach eigenständig vergrößert hat. Neben dem beschriebenen Sachverhalt kommen dann natürlich auch Themen wie fanfreundliche Anstoß-Zeiten, Zerstückelung der Spieltage, Pyro-Diskussion, Kriminalisierung von Fan-Kurven und das permanente Gefühl, nicht ernst genommen und bevormundet zu werden.

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SPORT1: Bei den Pokalspielen blieben die Fanproteste im Rahmen. Muss am Bundesliga-Spieltag dennoch mit neuerlichen, stärkeren Aktionen gerechnet werden?

Möller: Im Sinne des Fußballs und der Fans muss es eine Lösung geben, die aber definitiv nicht mehr bis zum Ende dieser Saison erreicht werden kann. Karl-Heinz Rummenigge hat dem DFB einen Bärendienst erwiesen und in seiner Wutrede ungewollt die Ultra-Szenen der verschiedensten und verfeindeten Klubs sich in diesem Fall noch weiter solidarisieren lassen. Jetzt werden der DFB und die DFL nach Belieben von den Ultras vor sich her getrieben. Ausgerechnet Rummenigge, der in Bezug auf sein Engagement in Katar als Erster still sein müsste.

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SPORT1: Das müssen Sie erklären...

Möller: Katar besitzt eine Regierung, die ein sehr schäbiges Verhalten gegenüber Minderheiten an den Tag legt und Gastarbeiter in unvorstellbarem Ausmaß ausbeutet. Aber auch hier gilt: "Geld stinkt nicht". Zudem bleibt die Frage, wie man bei einem Spielstand von 0:0 reagiert hätte oder warum nicht bei anderen Fehlverhalten der Zuschauer wie zuletzt den Affenlauten bereits großflächig in der Liga reagiert worden ist. Dass Dietmar Hopp als Partner des FC Bayern die neue Basketballhalle in München baut, gilt hier nur als Randnotiz.

SPORT1: "Hurensohn" stamme nicht aus dem Sprachgebrauch der Schickeria, hieß es, sei aber Strategie zur Aufmerksamkeitserregung gewesen. Ist nun mit einer Fortführung solcher Beleidigungen zu rechnen oder gehen die Proteste eher in eine kreativere, sachlichere Richtung?

Möller: Der Ansatz der Münchener Ultras scheint aus der Sicht nachvollziehbar, dass man dadurch eine hohe mediale Aufmerksamkeit erreicht. Sollte ein oben beschriebener Diskussionskurs wieder erfolgen, werden sicherlich auch wieder gemäßigtere Töne angeschlagen werden. Hier liegt der Ball beim DFB. Und wenn es dem größten Sportverband wirklich ernst ist, sollte er ihn kurzfristig spielen. Aber nicht federführend durch seinen Präsidenten Fritz Keller, der im AktuellenSportstudio am vergangenen Samstag doch viele Zweifel an seiner Kenntnis über Fan-Belange zurückließ. Hier würde mit Sicherheit ein jüngerer und kompetenterer Vertreter des Verbandes helfen, der sich dennoch über einen längeren Zeitraum mit Wort und Tat das Vertrauen erarbeiten müsste. Wie es gehen kann, ist beim HSV zu beobachten. Dort gibt es einen engen und konstruktiven Austausch zwischen Fan-Vertretern, Fan-Betreuung/Fan-Projekt und Vereins-Offiziellen: zum Wohle des Vereins.

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SPORT1: Es erscheint, als würden Fan-Gruppierungen die Geschicke der Vereine (mit)lenken. Andersherum haben manche Klubs anscheinend eine Art "Beißhemmung", wenn es um ihre Fangruppierungen geht. Wie groß ist die Macht der Ultras?

Möller: Ultras opfern einen Großteil ihrer Freizeit und des Geldbeutels für den eigenen Verein. Sie sind Stimmungsmacher, machen auf gesellschaftsrechtliche Defizite aufmerksam und sind mit dafür verantwortlich, dass wir größtenteils bunte Kurven haben in Deutschland. Sie engagieren sich für sozial Schwache und nutzen dafür in charmanter Weise ihre Bekanntheit und Quantität. Natürlich spielt dann auch das Thema Macht mit rein. Ein ganz normaler Prozess, der aber auch unabhängig von Ultras in ganz Deutschland ein Thema ist. Außerhalb des Fußballs nennt man es Lobbyismus, mit dem großen Unterschied, dass Ultras nicht an monetären Dingen im Verein interessiert sind.

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SPORT1: Sondern?

Möller: Man sucht eben für seine eigenen Interessen den Austausch und versucht vertrauensvoll miteinander umzugehen, um seine Ziele zu erreichen. Was die Funktionäre lernen sollten ist, die Tatsache, dass man die Ultras nicht verbieten kann. Sie sind da, haben sich dem Verein verschrieben und funktionieren oft eben nicht so, wie sich der Vorstand dies vorstellt. Die absolute Mehrheit sind Jungs, die wissen, was richtig und falsch ist. Wenn dann von Experten, Medien oder Talkshows die Mär kommt von "zu wenig Liebe in der Kindheit" oder "sozial benachteiligt", weiß man, wie unwissend dann doch einige Experten sind.

SPORT1: Oft wird gefordert, dass die Polizei in den Block soll, um aufzuräumen und eventuell Banner zu entfernen.

Möller: Blocksturm durch die Polizei wäre das komplett falsche Signal und würde in einem Desaster enden, das sehr viele Verletzte auf beiden Seiten zur Folge hätte. Beispiele aus der Vergangenheit zeigen dies. Fanblöcke sind heiliger Boden für eine bestimmte Zeit und werden wie die Zaunfahnen bis zum letzten verteidigt. Man würde durch diesen Versuch natürlich den Hardlinern einen Gefallen tun. Aber der Großteil sollte sich mal hinterfragen, wie es war, als er jung und wild war.

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SPORT1: Was muss besser werden?

Möller: Was wieder hergestellt werden muss, ist Vertrauen und ein permanenter Kommunikationskanal auf Augenhöhe. Es handelt sich bei den Ultras um Deutschlands größte Jugendbewegung, die gehört werden will. Jugend hat das Recht auf Rebellion. 

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