DFB-Team vor dem Duell mit den Niederlanden: Die Reifeprüfung

Nach dem holprigen 1:1 im Freundschaftsspiel gegen Serbien hat die deutsche Nationalmannschaft schon im zweiten Spiel der neuen Ära eine echte Reifeprüfung zu bestehen. In Amsterdam geht es im ersten EM-Quali-Spiel gegen die favorisierten Niederländer. Welches Personal darf sich der Aufgabe stellen?

Das DFB-Team bekommt es am Sonntag mit Oranje zu tun. Bild: Getty Images
Das DFB-Team bekommt es am Sonntag mit Oranje zu tun. Bild: Getty Images

Von Patrick Strasser

Das erste Länderspiel eines neuen Kalenderjahres nennt man gerne Auftaktspiel, auch wenn es rund um den Frühlingsanfang datiert ist. Der Auftakt 2019 war nicht nur ein simpler Neustart nach der Pause seit dem letzten DFB-Spiel im November – nein, es ging ratzfatz in eine ganz neue Ära, ab in eine neue Zeitrechnung. Bundestrainer Joachim Löw hatte mit der Verbannung des Weltmeister-Trios Mats Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller die Reset-Taste gedrückt, alles auf Anfang gesetzt.

Nach dem 1:1 gegen Serbien, einem Freundschaftsspiel, das wie das Ergebnis unentschiedene Wertungen der Beteiligten wie der Experten brachte, fasste Marco Reus das DFB-Dilemma in einen äußerst zutreffenden Gedanken zusammen: “Wir wissen, dass wir Zeit brauchen. Aber wir wissen auch, dass wir die nicht haben.” Zwei Sätze, ein dicker Scorerpunkt. Denn schon am Sonntag droht zu Beginn des Umbruchs gewaltiges Ungemach. Beim ersten Qualifikationsspiel für die Zum-Teil-Heim-EM 2020 muss die verjüngte Nationalelf in Holland antreten, in Amsterdam. Ausgerechnet dort hatte es im Oktober letzten Jahres ein 0:3 gesetzt, eine lehrreiche wie heilsame Klatsche. Es war das letzte Länderspiel von Jérôme Boateng (insgesamt 76), das letzte von Beginn an von Thomas Müller (100) und das drittletzte von Mats Hummels (70).

Nach der total verpatzten WM 2018 mit dem Aus als Titelverteidiger in der Vorrunde und dem Abstieg in der Nations League (lediglich zwei Remis in vier Partien gegen Frankreich und die Niederlande) zieht Löw nun seinen Umbruch-Prozess durch. Das 1:1 gegen Serbien zeigte, wie steinig und weit dieser Weg zurück in die Weltspitze sein wird.

“Das Selbstverständnis ist nicht mehr ganz da”

“Das Selbstverständnis, das diese Mannschaft ausgemacht hat, ist nach den Negativerlebnissen der letzten Monate nicht mehr ganz da”, erkannte Ilkay Gündogan treffend. Es fehlt der verjüngten Mannschaft (die Startelf war im Durchschnitt 24,66 Jahre alt) Stabilität und Überzeugung, erst in der zweiten Halbzeit sorgten Reus und Torschütze Leon Goretzka sowie Wirbelwind Leroy Sané für Lichtblicke. Die zweite Hälfte, die mit mehr Tempo und Zug zum Tor, “kommt dem schon recht nah, was ich will” so Löw. Für Manager Oliver Bierhoff war es “wichtig, dass die junge Mannschaft in der zweiten Halbzeit eine Reaktion gezeigt hat”.

Als Mutmacher für Sonntag (Anpfiff 20.45 Uhr). Gegner Niederlande, eine der frechsten und forschesten Mannschaften Europas, die zum Auftakt der Qualifikation Weißrussland souverän mit 3:0 abgefertigt hat, wird zum ersten Prüfstein für die Wettbewerbshärte der neuformierten Löw-Truppe, zur rasch daherkommenden Reifeprüfung. Angesichts der anderen Gruppengegner in der Qualifikation, nämlich Nordirland, Weißrussland und Estland, ist die Partie in Amsterdam eine der beiden heißen Eisen dieses Kalenderjahres.

Die DFB-Elf geht als Außenseiter ins Spiel – das tut auch mal gut. Es wird eine Reifeprüfung für alle Mannschaftsteile – und eine Überprüfung der Maßnahmen des Bundestrainers, der unter verschärfter Beobachtung steht.


Tor

Kapitän Manuel Neuer (32) wird in Amsterdam sein 86. Länderspiel machen, das kündigte Löw an. Auf der Torwartposition gibt es – noch – keinen Umbruch. Die alte Nummer eins bleibt die neue Nummer eins – mit Einschränkung. “Marc wird im Laufe des Jahres – wir haben ja noch einige Spiele – auf seine Einsätze kommen”, versprach Löw auch Marc-André ter Stegen (26) Bewährungschancen. Doch wann und gegen wen? Das Spiel in Holland wäre ein echter Härtetest für den Keeper des FC Barcelona gewesen. “Ich hoffe, dass ich in wichtigen Spielen das Vertrauen von ihm bekomme und es ihm dann auch zurückzahlen kann. Das wäre optimal”, sagte ter Stegen in Wolfsburg. Gegen Serbien hatten beide Rivalen je eine Halbzeit gespielt, wurden jedoch kaum ernsthaft geprüft.

Innenverteidigung

Antonio Rüdiger vom FC Chelsea wurde am Mittwoch geschont, kehrt in Holland zurück, rutscht für Startelf-Debütant Jonathan Tah rein. An seiner Seite der neue Abwehrchef Niklas Süle vom FC Bayern. Für das Duo wird Amsterdam zur ganz besonderen Reifeprüfung, auf die beiden wird die Lupe gelegt, sind sie doch die Nachfolger der Weltmeister Hummels und Boateng, die beim 0:3 im Oktober vorgeführt worden waren. Oranje-Stürmer Memphis Depay und seine Kollegen freuen sich schon.

Außenverteidiger

Auf der rechten Seite ersetzt Matthias Ginter den verletzt abgereisten Debütanten Lukas Klostermann (Muskelfaserriss im Adduktorenbereich), links hat Löw die Wahl zwischen Nico Schulz und Marcel Halstenberg. Für Schulz spricht ein Tick mehr Erfahrung. Beide Seiten gelten jedoch als Schwachstellen dieser Mannschaft.

Zentrales Mittelfeld

Was vor allem daran liegt, dass sich Löw auf Joshua Kimmich als Sechser festgelegt hat. An seiner Seite am Sonntag der in Wolfsburg pausierende Toni Kroos, neben Neuer der einzige noch im Kader verbliebene Weltmeister von 2014 mit Einsatzzeit (Ginter hatte in Brasilien keine Minute gespielt). Der Real-Star soll der Fixpunkt im Umbruch-Team werden, keiner hat mehr Länderspiele als Kroos (91). Ins Team geschossen hat sich Leon Goretzka, der nach seiner Einwechslung gegen Serbien überzeugte und erneut seine Torgefährlichkeit unter Beweis stellte. Der Bayern-Profi erzielte im 20. Länderspiel bereits seinen siebten Treffer. Ilkay Gündogan und Kai Havertz müssen auf die Bank.

Stürmertrio

Timo Werner enttäuschte gegen die Serben, dennoch ist der Leipzig-Stürmer Löws Nummer eins im Angriff mit Blick auf die EM 2020. In der Johan Cruyff Arena wird Werner von Manchester Citys Leroy Sané und Marco Reus unterstützt. BVB-Kapitän Reus brachte gegen Serbien nach seiner Einwechslung mehr Tempo und Struktur ins deutsche Offensivspiel, so ergaben sich mehr Torchancen. “Da haben wir mit viel mehr Tempo gespielt, waren in den gefährlichen Räumen viel präsenter, sind mit mehr Spielern in die Tiefe gestoßen”, lobte Löw. Auch auf Reus’ Routine kann der Bundestrainer nicht verzichten. Serge Gnabry hatte zuletzt wegen einer Erkältung eine Woche Training verpasst, dürfte wie Julian Brandt Joker sein.

Bundestrainer Löw

“Ich bin bereit, das Risiko zu tragen”, sagte Löw über die Ausbootung des Weltmeister-Trios. Der Druck auf den Bundestrainer steigt. “Sie können mir glauben, dass ich verstehe, mit Druck umzugehen”, entgegnete er, “das weiß ich schon seit 14 Jahren.” Natürlich ist es Löw bewusst, dass seine Mannschaft nun “eine ganz andere Spielweise und natürlich auch Ergebnisse” in der Qualifikation braucht. Auch Löw. Sein Vorgänger Jürgen Klinsmann, nun als TV-Experte von RTL auf der anderen Seite, meinte überraschend scharf: “Wenn du CEO einer großen Company bist, dann musst du die Bilanzen zeigen, musst die Ergebnisse zeigen. Und wenn die nicht stimmen, musst du irgendwann gehen.”

Löws Neuaufbau mit acht Spielern in seinem aktuellen Kader, die noch für die U 21 spielberechtigt wären, wird dauern. Die Zeitenwende braucht Zeit.

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