Die Gewinner und Verlierer der DFB-Saison 2018/19

Yahoo Sport Deutschland

Die deutsche Nationalmannschaft hat Länderspieljahr eins nach der Russland-Blamage mit einem Kantersieg gegen Estland abgeschlossen. Der Umbruch im Team hat den Status mancher alter Stammkräfte gefestigt und junge Spieler zu solchen gemacht. Es gibt aber auch Verlierer.

Serge Gnabry und Leroy Sané gehören zu den Gewinnern des Länderspieljahres. (Bild: Getty Images)
Serge Gnabry und Leroy Sané gehören zu den Gewinnern des Länderspieljahres. (Bild: Getty Images)

Für Yahoo Sport berichtet Patrick Strasser

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“Oh wie ist das schön!”, den musikalischen Siegesklassiker, ließ die Stadionregie in Mainz nach Spielende, nach dem 8:0 der deutschen Nationalelf über Estland in der EM-Qualifikation, erklingen. Die DFB-Spieler gingen auf die Ehrenrunde, von den Fans gefeiert mit “So was hat man lange nicht gesehen...”

Dabei ist der letzte Kantersieg in exakt dieser Höhe gar nicht mal so lange her: Vor gut zweieinhalb Jahren hatte die Nationalelf im Rahmen der WM-Qualifikation mit 8:0 in San Marino gewonnen. Die nette Trainingseinheit im ausverkauften Stadion der Freunde der Fassnacht brachte drei weitere Pflicht-Punkte in der EM-Qualifikation und für Interims-Bundestrainer Marcus Sorg eine weiße Weste. “Das hätte nicht viel besser laufen können. Die Begeisterung der Mannschaft war ausschlaggebend”, sagte Sorg. “Wir wollten die Zuschauer begeistern, das ist uns gelungen. Solch eine Leistung ist nur mit Zusammenhalt und Motivation möglich. Ich bin sicher, der Jogi wird zufrieden sein.”

Zwei Spiele absolvierte der 53-Jährige in Vertretung des absenten Bundestrainers Joachim Löw, der wegen eines Sportunfalls die Partie zu Hause in Freiburg verfolgte: sechs Punkte, 10:0 Tore. Ende (der Saison) gut, alles gut?

Rückblende: Vor ziemlich genau einem Jahr, am 8. Juni 2018, wollte sich die Nationalelf mit einem überzeugenden Erfolg im Test gegen Saudi-Arabien auf die WM in Russland einstimmen. In Leverkusen sollte der Funke auf die Fans überspringen – es wurde ein Desaster. Ein knappes, ganz und gar nicht überzeugendes 2:1.

Ilkay Gündogan wurde bei seiner Einwechslung von den Zuschauern ausgepfiffen, weil er sich kurz zuvor mit dem umstrittenen türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan hat ablichten lassen. Wie auch Mesut Özil, der in Leverkusen verletzt fehlte, die ganze Fanwut dann nach dem blamablen Vorrunden-Aus bei der WM abbekommen sollte. Am Dienstag in Mainz wurde Gündogan, der per Foulelfmeter zum zwischenzeitlichen 4:0 traf, von den Anhängern gefeiert als wäre nie etwas gewesen. Tagesgeschäft Fußball.

Doch was ist alles passiert im Jahr nach dem Super-Gau bei der WM? Wer sind die Gewinner und die Verlierer eines Umbruchs, der immer noch im Gange ist?

Die Gewinner

Manuel Neuer: Der Nationaltorhüter blieb in seinem 88. Länderspiel zum 37. Mal ohne Gegentor und ist damit nun alleiniger Rekordhalter in Sachen “zu Null” vor Bayern-Legende und 197er-Weltmeister Sepp Maier (36 Mal). Seinen Status als Nummer eins hat er der 33-Jährige wieder zementiert. “Man hat gesehen: Er ist bereit”, befand DFB-Direktor Oliver Bierhoff. Anfang März hatte Bundestrainer Löw einen offeneren Konkurrenzkampf zwischen Neuer und Weltklasse-Torhüter Marc-André ter Stegen (27) vom FC Barcelona ausgerufen. Den hat Neuer (vorerst) gewonnen.

Niklas Süle: Mit nur 20 Länderspielen schon Fixpunkt der Abwehr und – wenn eine Dreierkette aufgeboten wird – der zentrale Mann. Stieg bei Bayern und in der Nationalelf zum Abwehr-Boss auf. Seine Ruhe am Ball und im Passspiel, seine Zweikampfstärke, seine Schnelligkeit sowie seine generelle körperliche Präsenz auf dem Platz machen ihn unverzichtbar.

Matthias Ginter: Steht in sämtlichen Daten-Centern als Sonderfall, weil er sowohl bei der Triumph-WM 2014 als auch bei der Desaster-WM 2018 im Kader war, aber ohne Einsatz-Minute blieb. Der Gladbacher hat sich seit Herbst in die Stammelf gespielt (acht Startelf-Nominierungen). Solide, zuverlässig – ob als Rechtsverteidiger oder in der Mitte.

Ilkay Gündogan: Er weiß, dass er der Platzhalter von Spielmacher Toni Kroos (Real Madrid) ist, der mit Löw vereinbart hat, nur noch in den großen und wichtigen Spielen wie gegen Holland aufzulaufen. Gündogan vertritt Kroos konstant gut, die Routine des Profis von Manchester City hilft seinen meist jungen Nebenleuten.

Marco Reus: Der BVB-Kapitän, endlich verletzungsfrei und mit 30 der älteste Feldspieler im Kader dieser beiden Juni-Termine, erzielte gegen Estland seinen dritten Doppelpack im Nationaltrikot. Über seinen Freistoßtreffer sagte er: “Wahrscheinlich war es mein schönstes Länderspieltor.” Hat seine Rolle im Offensivtrio gefunden, Timo Werner verdrängt.

Serge Gnabry: Die Quote des Bayern-Profis im DFB-Dress ist bemerkenswert: Dank seines Doppelschlags gegen die Esten kommt Gnabry nun auf sieben Treffer in acht Länderspielen. Fortsetzung folgt. Hat nach einer auch bei Bayern überraschend starken Saison mittlerweile einen Stammplatz im Dreier-Sturm der Nationalelf sicher.

Leroy Sané: Vor einem Jahr von Löw noch überraschend in letzter Minute aus dem finalen 23-Mann-Kader für die WM gestrichen worden, reiste als “Bester Jungprofi der Premier League” vom Trainingslager in Südtirol frustriert ab. Nahm eine sehr positive Entwicklung, neben seinen Fähigkeiten als Dribbler und Vorbereiter vor allem auch außerhalb des Platzes innerhalb der Mannschaft und in Sachen Professionalität und Motivation.

Die Verlierer

Mats Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller: Das Weltmeister-Trio von 2014 wurde von Löw im März geopfert, als Zeichen des endgültigen Umbruchs beendete der Bundestrainer deren Länderspiel-Karrieren. Das erschreckend schwache 0:3 im Oktober in Amsterdam gegen Holland war ihr letzter gemeinsamer Auftritt. Werden sie arg vermisst im DFB-Team? Nicht wirklich.

Marc-André ter Stegen: Musste wegen Knieproblemen die beiden Juni-Länderspiele absagen. Als Kronprinz von Neuer gehandelt, konnte er sich nicht auszeichnen und für die Nummer eins empfehlen. Von den insgesamt zehn Länderspielen der nun beendeten Saison bestritt ter Stegen lediglich eins über 90 Minuten (den Test im September gegen Peru/2:1). Zu wenig.

Timo Werner: Galt als einer der möglichen Superstars der WM, fuhr ohne eigenen Treffer nach der Vorrunde gescheitert nach Hause. In der abgelaufenen Saison mit lediglich einem Treffer (beim 2:2 gegen Holland). Der Schwabe von RB Leipzig, mit ungewisser Zukunft im Visier der Bayern, zuletzt aber außer Form und nicht mehr für die Startelf nominiert, erzielte gegen Estland immerhin das 7:0 – versöhnlich. Steht nun dennoch im Schatten von Sané und Gnabry.

Jonas Hector: Der Kölner Linksverteidiger, Stamm bei der EM 2016 und in Russland 2018, kam in der Nach-WM-Saison nur noch zwei Mal zum Einsatz – als Zweitligaspieler des 1. FC Köln. Mittlerweile sind Nico Schulz, der zum BVB wechselt, und Marcel Halstenberg (RB Leipzig) vor ihm.

Julian Draxler: Gilt als Kapitän der Ersatzspieler, hat bereits 51 Länderspiele. Doch dem Profi von Paris St.Germain, mit einem Einsatz 2014 Weltmeister, gelang wieder nicht der große Durchbruch im Mittelfeld oder auf Linksaußen, kam lediglich auf fünf Einwechslungen (kein Tor). Wurde von Gnabry & Sané überholt.

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