Die Kinoenttäuschung des Jahres: Der "geerdete Comicfilm" "Glass"

Willy FlemmerFreier Autor für Yahoo

M. Night Shyamalan galt nach "The Sixth Sense" als Wunderkind des Kinos. Doch seine Karriere erlebte Höhen und Tiefen. Er drehte so manchen Flop, bis er mit dem Horrorfilm "The Visit" ein Comeback feierte. Mit "Glass" hat er seine Fans wieder enttäuscht. Der Comicfilm gehört zu den größten künstlerischen Fehlschlägen 2019.

Bruce Willis in "Glass" (Bild:ddp/INTERTOPICS/LMKMEDIA Ltd.)
Bruce Willis in "Glass" (Bild:ddp/INTERTOPICS/LMKMEDIA Ltd.)

Auch dieses Jahr hat sich im Kino so manche Spreu vom Weizen getrennt. Zu den schlechtesten Filmen des Jahres gehört auch M. Night Shyamalans "Glass". Der Regisseur und Drehbuchautor wollte offenbar einen etwas anderen als actionbetonten und CGI-überledenen Comicfilm drehen, doch statt Konventionen zu zertrümmern, tritt er erzählerisch auf der Stelle. Damit langweilt er seine Zuschauer nicht nur maßlos, sondern enttäuscht auch ihre Erwartungen. Und die waren riesengroß, denn "Glass" ist der mit Spannung erwartete letzte Teil einer Trilogie nach dem wunderbaren "Unbreakable – Unzerbrechlich" und dem ebenfalls gelungenen Psychothriller "Split".

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Einen Dreiteiler hatte der Filmemacher nicht von Anfang im Sinn. Die Idee dazu entstand erst lange nach dem Auftaktfilm "Unbreakable", aus dem Shyamalan die Szenen um den psychisch gestörten Kevin Wendell Crumb herausgeschnitten hatte und ihn später zur Hauptfigur von "Split" machte. Spätestens seit diesem Mittelteil sind die Fans um den Superhelden David Dunn (Bruce Willis), den Schurken Crumb (James McAvoy) und den zwielichtigen Mastermind Elija Price (Samuel L. Jackson) gespannt, wie es mit der Geschichte der Helden und Antihelden weitergeht. Denn Shyamalan hatte am Ende des Films nicht nur eine Brücke zum Vorgänger gebaut, sondern auch den Weg für den Nachfolger bereitet.

Superhelden und Superschurken beim Therapeuten

Was passiert dann aber im Finale der Reihe? Nicht viel. Jedenfalls findet nicht der große Showdown statt, auf den sich die Zuschauer eingestellt hatten. Zumindest lange nicht vor Ende des Films. Und was dort passiert, ist nicht weniger als eine herbe Enttäuschung. Vorher ist es nicht besser. Die Charaktere, der Gute, der Böse und der Zwielichtige, können nur selten ihrem Wesen nach handeln, sie werden vielmehr, jetzt kommt's: therapiert. Shyamalan führt in die hanebüchene Handlung nämlich eine vierte Hauptfigur ein. Die Psychologin Ellie Staple (Sarah Paulson) hat sich in den Kopf gesetzt, ihre drei Patienten davon zu überzeugen, dass sie weder Superhelden noch Superschurken sind, sondern nicht mehr als geistesgestört.

Statt Gutes und Böses zu tun werden die Schurken und Helden in "Glass" therapiert. Bei der Prämisse steht auch die Handlung still. (Bild: ddp/INTERTOPICS/LMKMEDIA Ltd.)
Statt Gutes und Böses zu tun werden die Schurken und Helden in "Glass" therapiert. Bei der Prämisse steht auch die Handlung still. (Bild: ddp/INTERTOPICS/LMKMEDIA Ltd.)

Nicht nur als comicaffiner Zuschauer ahnt man bald, was Shyamalan mit seiner kruden Erzählung bezweckt. Er wollte nicht nur so etwas wie einen selbstreflexiven, sondern vor allem auch einen Film drehen, der gegen den Strich eines handelsüblichen Comicfilms gebürstet ist. In seinem "ersten wirklich geerdeten Comicfilm", wie er "Glass" nannte, sollte nicht geballert und nicht gekämpft werden um das Schicksal der Menschheit. Hier sollte es auch keine unzähligen Schauplatzwechsel geben, wo doch die Helden eines heutigen Actionfilms bei ihren Weltrettungsmissionen von Städten zu Kontinenten und in einem Fantasy-Spektakel nicht selten über Galaxien gehetzt werden.

In "Glass" wird über den Großteil des Films hinweg nichts anderes getan als geredet – und das im begrenzten Raum einer geschlossenen Anstalt. In diesem quasi Comicfilm-Kammerspiel sollte alles unspektakulär sein, während die Erzählung langsam voranschreitet. Es ist alles zu unspektakulär und zu langsam geworden. Die Erzählung steht oft still, der ganze Film ist starr. Und so etwas wie Spannung stellt sich erst Recht nicht ein. Den Zuschauer kann die Psychologin mit ihrer These sowieso nicht überzeugen. Der wartet eh von Anfang an und mit jeder Minute ungeduldiger auf den großen Showdown. Wann endlich lässt Shyamalan seinen Helden und seinen Schurken aufeinander los? Wann kracht es endlich?

Warten auf den Showdown

Dass das große Finale kommen wird, darauf ist Verlass. Es handelt sich schließlich um das Werk eines Regisseurs, für den die große Geste, der überraschende Wendepunkt, die Zuschauerwirkung und -überwältigung essentiell sind. Tatsächlich scheint auch in "Glass" die Erzählung auf etwas Großes zuzusteuern. Während Psychologin Staple ihre Patienten therapiert, arbeitet Mastermind Elijah Price im Hintergrund an der Umsetzung von etwas, was Shyamalan als genialer Plan verkaufen will. Am Ende passiert, was sich oft in Filmen und Serien einstellt, die ihr Pulver für den großen Showdown aufsparen: Sie scheitern an den Erwartungen der Zuschauer. In "Glass" kommt noch hinzu, dass sie der Erzählung oft vorauseilen.

M. Night Shyamalan am Set von "Glass" mit seinen drei Hauptdarstellern Samuel L. Jackson, James McAvoy und Bruce Willis (Bild: ddp images/Capital Pictures)
M. Night Shyamalan am Set von "Glass" mit seinen drei Hauptdarstellern Samuel L. Jackson, James McAvoy und Bruce Willis (Bild: ddp images/Capital Pictures)

Bleibt das Action-Moment innerhalb des "großen" Finales. Das ist Shyamalan seinen Zuschauern schuldig – Meta-Erzählung hin, Konventionen-Verweigerung her. Nur sind die Actionszenen so stümperhaft umgesetzt, dass tatsächlich eine Wirkung auf sie nicht ausbleibt. Allerdings werden sie weder jemals von der Handlungsentwicklung und selbst im großen Finale nicht wirklich überrascht, noch erliegen sie zu irgendeinem Zeitpunkt einem Überwältigungseffekt, wie das so manches Mal in "Unbreakable" oder beim berühmten plot twist von "The Sixth Sense" vorkam. Sie können sich vielmehr des unfreiwilligen, will heißen: peinlich berührten Lachens nicht erwehren.

Shyamalan war nach dem Psychothriller "The Sixthe Sense" als Wunderkind des Kinos gehandelt worden. Einige Flops stürzten ihn in eine künstlerische Krise, bis er sich mit der Billigproduktion "The Visit" eindrucksvoll zurückmeldete. Man kann nur hoffen, dass er sich bald auch vom künstlerischen Scheitern seines Anti-Comicfilms erholen wird. Ob der finanzielle Erfolg von "Glass" für ihn ein Trost gewesen ist, sei dahin gestellt. Wenn nicht, dann heilen seine Wunden vielleicht mit seinem aktuellen Projekt. Bei der für Apple TV+ produzierten Horror-Serie "Servant" fungiert er als ausführender Produzent, und als Regisseur hat er mit der Pilotfolge die ästhetische Marschrichtung vorgegeben.

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