Die Olympia-Skandalspiele, bei denen beide Mannschaften verlieren wollten

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Schiedsrichter Torsten Berg wollte die Spielerinnen aus Südkorea und Indonesien noch auf dem Platz disqualifizieren, ließ das Spiel aber nach Protesten weiterlaufen (Bild: REUTERS/Bazuki Muhammad)
Schiedsrichter Torsten Berg wollte die Spielerinnen aus Südkorea und Indonesien noch auf dem Platz disqualifizieren, ließ das Spiel aber nach Protesten weiterlaufen (Bild: REUTERS/Bazuki Muhammad)

Die Olympischen Spiele von 2012 in London boten ein denkwürdiges Spektakel: Acht Badminton-Spielerinnen konkurrierten anscheinend um die Niederlage.

Extrem schnelles Hin und Her, rettende Hechtsprünge und entscheidende Schmetterbälle sind Teil des rasanten, modernen Badminton. Aber die Unterhaltung wurde bei den Sommerspielen in London 2012 zur Nebensache, angesichts der Farce zahlloser fehlerbehafteter Punktevergaben am dunkelsten Tag der Geschichte dieses Sports. Vier Damen-Doppelpaare waren in die Manipulation von Spielen verwickelt und wurden aus dem Turnier geworfen.

Der "Play-to-lose"-Skandal erschütterte den Sport, war zweifelsohne eine der größten Kontroversen der Londoner Spiele und rückte Badminton ins Zwielicht. 

Wie Zeitungen weltweit berichteten, hat die bizarre Saga, in die acht Damen-Doppel-Spielerinnen verwickelt waren, den Badminton-Sport in Verruf gebracht. Bei dem Spektakel konnte man laut der New York Times "einige der besten Badminton-Spielerinnen einige der schlechtesten Schläge machen sehen."

Was war passiert?

Für viele Länder ohne Badminton-Geschichte war das Doppel-Fiasko in diesem gewöhnlich vornehmen Sport Anlass für Spott und Häme. Dies galt weniger für die an diesem unrühmlichen Abend beteiligten Länder: China, Indonesien und Südkorea, die alle eine lange Geschichte mit dem Sport verbindet.

Zum ersten Mal in der Geschichte des olympischen Badminton gab es im Turnier 2012 vier Vierergruppen im Doppel, bei denen die besten zwei ins Viertelfinale kamen. Aber nachdem der Wettbewerb bei früheren olympischen Spielen mit K.-o.-Runden begann, war klar, dass es bei den Spielen zu Problemen kommen könnte.

In der vollbesetzten Wembley-Arena hatten sich schon früh seltsame Dinge abgezeichnet, als eine chinesische Paarung gegen ein dänisches Team verlor, was bedeutete, dass die beiden besten chinesischen Paare nicht wie geplant im Finale aufeinandertreffen würden, es sei denn, sie würden ihr letztes Gruppenspiel verlieren.

Schiedsrichter Torsten Berg fordert die Spielerinnen aus China und Südkorea zu einem faireren Spiel auf (Bild: REUTERS/Bazuki Muhammad)
Schiedsrichter Torsten Berg fordert die Spielerinnen aus China und Südkorea zu einem faireren Spiel auf (Bild: REUTERS/Bazuki Muhammad)

Aber niemand konnte vorhersehen, wie die vier Damen-Doppel – die Favoriten auf die Goldmedaille aus China, plus die beiden Paarungen aus Südkorea und eine aus Indonesien – das neue Format ausnutzen würden. Es war der dreiste Versuch, ihre Spiele zu verlieren, um die Auslosung der letzten Acht zu ihren Gunsten zu beeinflussen.

Obwohl gleichzeitig andere Spiele stattfanden, richtete sich die volle Aufmerksamkeit bald auf die chinesischen Weltmeisterinnen Yu Yang und Wang Xiaoli und das südkoreanische Duo Jung Kyung-eun und Kim Ha-na. Das Quartett setzte Aufschläge ins Netz, verfehlte Routineschläge, um Punkte abzugeben und verpatzte eine Vielzahl einfacher Returns.

Die Zuschauer verstanden schnell, was los war, und es gab Buhrufe und Spott. Der Hauptschiedsrichter, Torsten Berg aus Norwegen, hatte alle Hände voll zu tun. Er musste auf den Platz, um die Spielerinnen gestenreich dazu aufzurufen, echten Wettkampf zu zeigen.

Sein Protest blieb ohne Erfolg. Spannende Ballwechsel wurden nicht geboten, da das südkoreanische Doppel in 23 Minuten mit 21:14, 21:11 in einem Match gewann, in dem der längste Ballwechsel gerade mal vier Schläge verzeichnete.

Schiedsrichter Torsten Berg zückte im Spiel Südkorea gegen Indonesien die schwarze Karte (Bild: AP Photo/Andres Leighton)
Schiedsrichter Torsten Berg zückte im Spiel Südkorea gegen Indonesien die schwarze Karte (Bild: AP Photo/Andres Leighton)

Kurz nachdem die Organisatoren bekannt gaben, dass sie den Vorfall untersuchen würden, gab es erneut Kontroversen um eine Partie zwischen dem südkoreanischen Duo Ha Jung-eun und Kim-Min-jing und dem indonesischen Doppel Greysia Polii und Meiliana Jauhari, bei dem beide Seite es offenbar ebenso darauf anlegten, zu verlieren. 

Schiedsrichter Berg leitete auch dieses Spiel und zückte zunächst die schwarze Karte (Disqualifikation). Nach Protesten wurde das (Schau-)Spiel jedoch fortgesetzt. Die Südkoreanerinnen gewannen in drei Sätzen, die man am liebsten vergessen würde.

Was geschah als Nächstes?

"Die Chinesinnen haben angefangen. Sie haben es zuerst getan", sagte Südkoreas Trainer Sung Han-kook. Eine chinesische Spielerin rechtfertigte sich damit, dass sie vor den K.-o.-Runden schlicht Kraft sparen wollten.  

Nachdem eine Untersuchung durchgeführt wurde, gestand Thomas Lund, Generalsekretär der Badminton World Federation: "Ehrlich gesagt, wir haben nicht lange gebraucht."

Die südkoreanische Trainerin Kim Ji-hyun reagiert auf die Bekanntgabe der Disqualifizierung (Bild: AP Photo/Markus Schreiber)
Die südkoreanische Trainerin Kim Ji-hyun reagiert auf die Bekanntgabe der Disqualifizierung (Bild: AP Photo/Markus Schreiber)

Die vier Paare wurden beschuldigt, "nicht ihre beste Leistung erbracht zu haben, um das Spiel zu gewinnen" und "sich auf eine Art und Weise verhalten zu haben, die klar missbräuchlich sei oder dem Sport schade" und wurden disqualifiziert. Ihre Plätze wurden an die Dritt- und Viertplatzierten ihrer Qualifikationsgruppen vergeben.

Die letzten, prägnanten Worte dazu fand David Mercer, Kommentator der BBC. "Der heutige Abend hat einen üblen Nachgeschmack hinterlassen", sage er. "Was ich heute Abend gesehen habe, war kein Sport. Das war eine Schande. Gute Nacht."

Das moralische Problem des "Verlierens"

Vor den Spielen hatte die Online-Publikation Badzine aufgedeckt, dass rund 20 % aller Spiele unter Chinesen, die in größeren Turnieren im Jahr vor der Olympiade in London stattgefunden hatten, Kantersiege waren oder nicht beendet wurden.

Diese Spiele wurden zwar nicht untersucht, aber die Kontroverse von London wurde aufgrund der Art und Weise und der schieren Anzahl von Fehlern bekannt. Wären die Ergebnisse dieselben gewesen, hätte es schweißtreibende Ballwechsel und ein echtes Duell der Mannschaften gegeben?

Die beiden Partien gingen als schwarzer Tag in die Geschichte des Badmintons ein (Bild: REUTERS/Bazuki Muhummad)
Die beiden Partien gingen als schwarzer Tag in die Geschichte des Badmintons ein (Bild: REUTERS/Bazuki Muhummad)

Nichtsdestotrotz waren einige Beobachter der Meinung, dass das, was an diesem Abend geschah, Teil des Sports ist. Es gab Vergleiche zu Schwimmern, die kurz vor dem Ziel in dem Wissen nachlassen, dass sie sich qualifizieren. Oder Mannschaften in anderen Sportarten, welche die gesamte Mannschaft auswechseln, um Energie zu sparen. 

Oder auch der Fall im Fußballturnier von London 2012 ein paar Tage später, als der japanische Trainer seinen Spielerinnen die Anweisung gab, in ihrem letzten Gruppenspiel keine Tore zu schießen, um in der K.-o.-Runde günstiger platziert zu sein. Die Fifa sah nicht genügend Beweise gegeben, um die Japaner zu bestrafen. 

Das Nachspiel

China gewann Gold im Damen-Doppel und allen fünf Badminton-Disziplinen in London 2012. Das olympische Format 2016 wurde daraufhin geändert, so dass nach den Vorrunden eine zweite Auslosung für alle unterlegenen Paare stattfand, um zu bestimmen, wer in den K.-o.-Runden gegen wen antreten würde.  

Die vier südkoreanischen Spielerinnen, die von den Spielen ausgeschlossen wurden, gewannen später in Berufung gegen ihre zweijährige Sperre wegen angeblicher Spielmanipulation. Die Sperren wurden auf sechs Monate reduziert. Bei den koreanischen Trainern, die ursprünglich auf Lebenszeit gesperrt waren, wurde die Sperre auf zwei Jahre reduziert. 

Die Goldmedaille im Damen-Doppel ging an Tian Qing und Zhao Yunlei aus China (Bild: REUTERS/Bazuki Muhammad)
Die Goldmedaille im Damen-Doppel ging an Tian Qing und Zhao Yunlei aus China (Bild: REUTERS/Bazuki Muhammad)

Zwei der in Ungnade gefallenen Südkoreanerinnen, Kim Ha-na und Jeong Kyung-eun, schafften es in das Team für die Olympiade in Rio. "Ich habe das hinter mir gelassen und mich weiterentwickelt", sagte Kim. "Auch wenn ich immer noch schlechte Erinnerungen habe, werde ich diesen Fehler nie wieder machen."

Yu Yang aus China hängte zunächst den Schläger an den Nagel und schrieb in ihrem Blog, dass die Organisatoren Zerstörer von Träumen seien, denen sie nicht verzeihen könne. "Auf Wiedersehen, geliebtes Badminton", fügte sie hinzu. Später änderte sie ihre Meinung, tat sich wieder mit Wang zusammen, die in London ebenfalls gesperrt worden war, und gemeinsam gewannen sie 2013 die Weltmeisterschaft.

Rod Gilmour

Video: Die größten Betrugsfälle der Olympia-Geschichte

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