Kommentar: Diese Bayern-Blamage ist keine Sensation

Florian Plettenberg
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Der FC Bayern verabschiedet sich gegen einen Zweitligisten aus dem DFB-Pokal. Bei SPORT1-Chefreporter Florian Plettenberg hält sich die Überraschung in Grenzen.

Hansi Flick wollte beim Elfmeterschießen in zweiter Reihe erst gar nicht hinschauen.

Vielleicht, weil er wusste, dass der Bayern-Dusel diesmal ausbleiben wird. Marc Roca verschoss, Pokalheld Fin Bartels traf. Kiel versank im Jubel, die Bayern verschwanden in die Kabine. Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge verließen wortlos und durchgefroren das Holstein-Stadion.

Hat Kiel die Sensation geschafft? Nein!

Denn Bayerns erste Pokal-Pleite gegen ein unterklassiges Team nach 17 Jahren ist nur auf den ersten Blick überraschend. Das früheste Bayern-Pokal-Aus seit der Saison 2000/01 hat sich abgezeichnet.

Den Nimbus der Unbesiegbarkeit hat die Triple-Mannschaft bereits vor Wochen abgelegt. Die Bayern straucheln und fangen sich Gegentore en masse ein. Etliche Spiele wurden aufgrund der individuellen Topform von Manuel Neuer, Kingsley Coman oder Robert Lewandowski gedreht.

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Die Gründe liegen auf der Hand: Ohne echte Vorbereitung und Erholungspause ging es von Lissabon in die neue Saison. Etliche Neuzugänge mussten ohne eine große Anzahl an taktischen Einheiten integriert werden und haben kein Bayern-Niveau. Etliche Triple-Helden sind weit von ihrer Topform entfernt.

Die Folge: Die Bayern-Stars schleppen sich im Drei-Tages-Rhythmus durch. Es fehlt an Leichtigkeit. Vor den Bayern zittert derzeit keiner mehr. Dazu passt, was mir ein Spieler unlängst verraten hat: "Nicht die Fitness ist das Problem. Mental ist es derzeit schwer, sich für Spiele gegen kleinere Gegner zu motivieren."

Die Bayern-Stars sind keine Roboter, sie sind menschlich. Sie sind derzeit ausgelaugt, ihnen fehlt Spielfreude und die notwendige Frische, um das System zu spielen, was Flick von ihnen verlangt: Dominanz und schnelles Spiel bei Ballbesitz, Aggressivität im Gegenpressing bei Ballverlust.

Da die Spritzigkeit fehlt, kommen die defensiven Mittelfeldspieler nur noch bedingt in die Zweikämpfe oder nehmen sie kaum noch an. Umso schneller werden die Reihen vor der Viererkette überspielt.

Die Innenverteidiger sehen zumeist alt aus, weil hinten jene Abstimmung verloren gegangen ist, welche die Bayern-Defensive noch im Sommer ausgezeichnet hatte. Die Außenverteidiger zeigen Stellungsfehler, die Flick und Hasan Salihamidzic auf der Bank den Kopf schütteln lassen. Bayern verteidigt hoch, weil es das Trainerteam so will.

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Flick spricht die Bayern-Fehler seit Wochen an. Verbesserungen sieht man derzeit nicht. Manuel Neuer ist seit sechs Spielen ohne Gegentor. Der Bayern-Frust steigt. Der Respekt der Gegner schwindet zunehmend. Selbst Kiel-Trainer Ole Werner tat sich nicht schwer, die Bayern-Schwachstellen zu analysieren und gab zu, dass das Muster vor dem 1:1 durch Bartels "planbar" gewesen sei.

Soll heißen: Zerbrachen sich Europas Größen wie Barcelona und Paris im August die Köpfe, die Münchner Erfolgs-DNA zu entschlüsseln, ist dies aktuell sogar einem Zweitligisten ohne Mühe möglich. Die Bayern sind berechenbar!

An den eigenen Stärken festzuhalten, ehrt Flick. Im aktuellen Zustand lassen sich diese aber nicht mehr ausspielen. Es braucht Veränderungen beim FC Bayern. Taktisch und personell. Ansonsten drohen frostige Wochen.

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