Nach schwerer Krankheit - Sherrocks Aufstieg zur Darts-Heldin

Sven Sartison
Sport1

Beinahe entschuldigend ging Fallon Sherrock auf Ted Evetts zu und gab ihm die Hand.

Keine Jubelsprünge, keine geballte Siegerfaust, lediglich ein leichtes Lächeln huschte ihr über die Lippen. Angesichts dessen, dass sie wenige Augenblicke zuvor ein Stück Darts-Geschichte geschrieben hatte, wirkte ihre Reaktion fast schon untertrieben.


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Gerade eben hatte die Engländerin ihren Landsmann in der ersten Runde der Darts-WM 2020 mit 3:2 bezwungen und damit als erste Frau in der Geschichte eine Partie bei einer gemischten Weltmeisterschaft gewonnen.

"Das war definitiv der perfekte Abend. Mir fällt nichts ein, was hätte besser laufen können. Ehrlich, ich bin so glücklich. Ich bin so überglücklich, ich kann es gar nicht in Worte fassen", fasste sie ihre Gefühle nach dem Triumph anschließend im SPORT1-Interview zusammen.

Sherrock glänzt mit hohen Scores und Check-Out-Quote

Nach nervösem Beginn und verlorenem ersten Satz fand die 25-Jährige, angetrieben von den über 3.000 frenetischen Fans im Londoner Alexandra Palace, mit zunehmender Spieldauer immer besser ins Match.

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Sechs perfekte Darts feuerte sie im zweiten Satz zwischenzeitlich in Folge ins Board und nahm damit kurzzeitig sogar Kurs auf einen Neun-Darter. Diesen verpasste sie anschließend zwar, doch spätestens ab diesem Moment war jedem im Ally Pally klar, wozu sie im Stande sein würde.

Mit sechs 180ern warf sie am Ende zwei Maxima mehr als ihr männlicher Kontrahent, trumpfte zudem mit einem Drei-Dart-Average von über 91 Punkten, einer Doppelquote von starken 41 Prozent auf und checkte obendrein im ersten Satz ein High-Finish von 106 Punkten, ehe sie mit ihrem zweiten Matchdart auf die Doppel-18 alles klar machte.

Finale bei Frauen-WM als bislang größter Erfolg

Erstmals international in Erscheinung trat die hauptberufliche Friseurin aus Milton Keynes im Jahr 2014, als sie sich bei der BDO-WM der Frauen erst im Viertelfinale der dreimaligen Weltmeisterin Anastasia Dobromyslova geschlagen geben musste.

Ein Jahr später besiegte sie die Russin dann im Halbfinale, verlor anschließend im Endspiel allerdings gegen Lisa Ashton mit 1:3. Nachdem sie anschließend nie mehr über das Viertelfinale hinauskam, gelang ihr Ende November erstmals die Qualifikation für die WM der PDC.


Seit dem vergangenen Jahr sind zwei der insgesamt 96 Startplätze im Ally Pally für Frauen reserviert, ein Match gewinnen konnten bislang aber weder Ashton noch Dobromyslova und Mikuru Suzuki, die sich erst vor wenigen Tagen knapp mit 2:3 gegen James Richardson geschlagen geben musste.

Dementsprechend stolz zeigte sich Sherrock nach ihrem historischen Sieg gegen Evetts. "Ich habe bewiesen, dass wir gegen Männer spielen und sie schlagen können. Ich bin wirklich glücklich, weil ich etwas für Frauen-Darts gemacht habe", sagte sie überglücklich.

Zuschauer feiern Sherrock im Ally Pally

Dabei konnte sie von Beginn an auf die Unterstützung der Fans zählen, die sie bereits bei ihrem Walk-On zu Katy Perrys "Last Friday Night" abfeierten und auch während des Matches mit lautstarken "Wir-lieben-dich-Sherrock"-Rufen anfeuerten, ehe der Jubel nach ihrem Sieg – zumindest im Publikum – keine Grenzen mehr kannte.


"Das Gefühl war unglaublich. So eine Reaktion habe ich noch nie erlebt. Sogar beim Walk-on war die Reaktion, die ich erhielt, genial. Ich danke allen, es war einfach großartig", fasste sie die Atmosphäre im Ally Pally nach dem Match im Interview mit SPORT1 zusammen.

Großen Anteil an ihrem historischen Sieg dürften neben den Zuschauern zudem auch ihre Zwillingsschwester Felicia Blay, mit der sie 2011 als Teil der englischen Juniorenmannschaft gemeinsam am WDF Europe Youth Cup 2011 teilnahm, und ihr kleiner Sohn Rory haben.

Schwere Nierenerkrankung führt zu Kritik der Fans

Kurz nach dessen Geburt im April 2014 erkrankte sie schwer an der Niere. "Ich fing an, mich unwohl zu fühlen. Ich wusste nicht, was los war, bis die Diagnose gestellt wurde. Es war eine beunruhigende Zeit", blickte sie auf die schwerste Phase ihres Lebens zurück.

Als wäre die Erkrankung nicht schon Strafe genug, ließen die unzähligen Medikamente, die sie zu deren Bekämpfung einnehmen musste, ihr Gesicht anschwellen. Unwissend über die Ursache erntete sie daraufhin von den Fans viel Kritik.


"Die Nebenwirkungen verursachten ein 'Mondgesicht', bei dem mein Gesicht anschwoll. Als ich bei der BDO-WM im TV spielte, erhielt ich viel Kritik daran, wie ich aussah", erzählte sie, machte zugleich aber auch deutlich, dass sie sich von so etwas nicht von ihrem Weg nach oben abbringen lasse: "Ich werde nicht darüber nachdenken, was jemand gesagt hat, wenn es mein Leben nicht beeinflusst."

Inzwischen hat sie die Krankheit im Griff, auch ihr Gesicht ist wieder abgeschwollen. Dennoch muss sie auch heute noch darauf achten, viel zu trinken, um ihre Nieren ständig auszuspülen. So wird sie auch in ihrem nächsten Match wieder das eine oder andere Glas Wasser mehr trinken als ihr Gegner.

Sherrock schickt Kampfansage an Suljovic

Am Samstag trifft sie in der zweiten Runde auf Mensur Suljovic. Angst vor dem erfahrenen Österreicher hat sie aber keine. "Es spricht nichts dagegen, dass ich meinen Average nicht verbessern und Suljovic schlagen kann", kündigte sie bereits selbstbewusst an.

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Zu verlieren hat Sherrock sowieso nichts. Als Nummer elf der PDC Order of Merit liegt der Druck ganz klar bei ihrem Gegner, der Platz in den Geschichtsbüchern der PDC ist ihr ohnehin durch den Sieg gegen Ted Evetts bereits sicher.

Sollte sie aber tatsächlich auch gegen "The Gentle" gewinnen, wird ihr Jubel diesmal wohl nicht mehr so verhalten ausfallen.

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