Diese Schicksalsschläge machen Leclerc stark

Markus Bosch
Sport1

Das Schicksal ist manchmal gnadenlos.

Aber wie schwer muss es für einen 21-Jährigen sein, innerhalb von vier Jahren drei nahestehende Personen zu verlieren? Dieses Schicksal ist Charles Leclerc widerfahren.


Scrollen, um mit dem Inhalt fortzufahren
Anzeige

Am Sonntag feierte der Ferrari-Pilot in Spa seinen ersten Sieg in der Formel 1.

Und das nur einen Tag, nachdem sein Kart-Freund aus Kindertagen, der Formel-2-Pilot Anthoine Hubert, auf der selben Strecke tödlich verunglückte.

Leclerc widmet Hubert ersten Formel-1-Sieg

Kurz nach der Zieldurchfahrt widmete Leclerc den Sieg seinem verstorbenen Freund. Auch wenn er Huberts Tod noch nicht verarbeitet hatte: "Das gestern war ein großer Schock. Nicht nur für mich, sondern für alle. Vielleicht realisiere ich das alles in ein paar Wochen, wenn sich alles beruhigt hat. Im Moment ist alles noch so frisch, dass es schwierig ist." 

Jetzt aktuelle Fanartikel zur Formel 1 kaufen - hier geht's zum Shop | ANZEIGE

Umso höher ist Leclercs Leistung auf der anspruchsvollen Strecke in den Ardennen einzuschätzen. Aber von Anfang an musste er um seine Karriere kämpfen.

Leclerc stammt aus einer Rennfahrerfamilie. Vater Hervé fuhr in den 80er-Jahren in der Formel 3 und auch sein jüngerer Bruder Arthur hat sich dem Motorsport verschrieben. Regelmäßig fuhr der kleine Charles mit seinem Vater auf die Kartbahn der Familie Bianchi, 150 Kilometer von seiner Heimat entfernt.

Familie Bianchi unterstützt Leclerc

Dort lernte er den späteren Formel-1-Fahrer Jules Bianchi kennen, dessen Vater die Kartbahn betrieb. Bianchi wurde zu einem Mentor für den jungen Leclerc und später sogar dessen Patenonkel. Der junge Monegasse feierte erste Erfolge im Kartsport, musste aber 2010 um die Fortsetzung seiner Karriere bangen. Der Betrieb seiner Großeltern, ein Plastikproduzent, hatte finanzielle Probleme und konnte den Enkel nicht mehr finanziell unterstützen.

Daraufhin suchte Familie Bianchi für das Talent nach einem Förderer und wurde in Person von Nicolas Todt fündig. Der Sohn von Ex-Ferrari-Boss Jean Todt nahm Leclerc unter seine Fittiche und unterstützte ihn auf seinem Weg in Richtung Formel 1. Bis heute ist Todt junior der Manager des Ferrari-Piloten.


Schnell stellten sich die Erfolge ein und Leclerc stieg Jahr für Jahr weiter auf. Auch neben der Strecke unternahm er alles, um den Sprung in die Formel 1 zu schaffen. Seit seinem elften Lebensjahr trainiert er bei Formel-1-Arzt Riccardo Ceccarelli die kognitiven Fähigkeiten. "Das ist eine Art Telemetrie für das Gehirn. Ich habe so meine ideale Mischung aus Konzentration, Entspannung und Adrenalin gefunden", erklärte Leclerc.

Aber das Schicksal konnte er nicht beeinflussen. 2014 verunglückte sein Mentor Jules Bianchi, inzwischen in der Formel 1, beim Großen Preis von Japan schwer, als er mit seinem Boliden gegen ein tonnenschweres Bergungsfahrzeug prallte und unter dieses geriet. Neun Monate später erlag Bianchi im Koma seinen Verletzungen. Ein echter Schock für den damals 17-jährigen Leclerc. "Ich kannte Jules schon seit ich auf der Welt bin. Er hat mir viele Dinge beigebracht und war immer für mich da", blickte Leclerc zurück.

Trotz des tragischen Verlusts seines Mentors setzte Leclerc seinen Weg nach oben weiter fort – Bianchi war in seinem Herzen immer dabei. Dazu kündigte er an: "Ich will die Titel gewinnen, die Jules verdient hätte."

Vater stirbt - Leclerc siegt im nächsten Rennen

2016 ließ er seinen Worten bereits erste Taten folgen und holte in seinem ersten Jahr in der Formel 3 gleich den Titel. Im gleichen Jahr nahm ihn auch die Scuderia Ferrari in ihr Nachwuchsprogramm auf. Im Jahr darauf erhielt Leclerc ein Cockpit in der Formel 2 und fuhr auch dort Siege ein. Aber wieder schlug das Schicksal unbarmherzig zu.

Mitten in der Saison, kurz vor dem Rennen in Baku, starb Charles Vater Hervé Leclerc im Alter von 54 Jahren nach einer schweren Erkrankung. "Mich beim Rennfahren zu sehen, hat ihm alles bedeutet", verriet Leclerc der BBC im vergangenen Jahr über seinen Vater. Daher flunkterte er seinen Vater auf dem Sterbebett sogar ein wenig an, um ihm noch einen letzten Wunsch zu erfüllen.


Denn Hervé wollte seinen Sohn unbedingt in der Formel 1 sehen, also erzählte Charles seinem Vater, dass er dort für 2018 bereits ein Cockpit sicher habe. Allerdings bestätigte Sauber erst im Dezember 2017 seine Verpflichtung. "Es war ein bisschen früher, als ich eigentlich unterschrieben habe. Letztendlich habe ich nicht gelogen, denn jetzt bin ich hier."

Drei Tage nach dem Tod seines Vaters raste Leclerc in Baku zum Sieg und heimste am Saisonende auch den Titel in der Formel 2 ein.

Anschließend, mit Bianchi und Vater Hervé im Herzen, ging es für Leclerc zum Sauber-Team in die Formel 1. Dort holte er – erneut in Baku – als Sechster die ersten Formel-1-Punkte für einen Monegassen seit Louis Chiron 1950 und fuhr mit dem unterlegenen Auto im weiteren Saisonverlauf insgesamt zehn Mal in die Punkte.

Vater träumte von Weltmeister-Titel

Der Lohn: Ferrari holte ihn anstelle von Kimi Räikkönen ins Team. Dort macht3 er von Anfang an seinem Teamkollegen, dem viermaligen Weltmeister Sebastian Vettel, das Leben schwer und belohnte sich am Spa-Wochenende mit seinem ersten Sieg in der Königsklasse des Motorsports.

In Zukunft wird er auf dreifache Unterstützung aus dem Himmel setzen können, denn neben Bianchi und Vater Hervé wird auch Hubert genau auf die weiteren Taten des Ausnahmefahrers schauen. "Jedes Mal, wenn ich ein Rennen gewinne, denke ich an sie", verriet Leclerc.


Und einen Wunsch seines Vaters muss er posthum noch erfüllen – den Weltmeister-Titel in der Formel 1. "Das habe ich noch nicht geschafft, aber ich werde dafür arbeiten, seinen Traum wahr werden zu lassen", hofft Leclerc.

Auch wenn das Schicksal bis jetzt nur wenig Gnade mit ihm hatte.

Lesen Sie auch