Diese sieben Fragen wirft der Fall Kalou auf

Patrick Hauser
Sport1

Einen Tag vor der möglichen Entscheidung über einen Bundesliga-Restart hat Hertha-Stürmer Salomon Kalou das Hygienekonzept der DFL mit Füßen getreten.

Der Ivorer hatte in einem Livestream seiner öffentlichen Facebook-Seite im Mannschaftstrakt der Berliner mit Teamkollegen und Athletiktrainer Henrik Kuchno abgeklatscht, einen "Corona-Gesang" zum Besten gegeben, einen Corona-Test von Jordan Torunarigha gefilmt und sich mit Vedad Ibisevic über Gehaltskürzungen des Bundesligisten ausgelassen.


Scrollen, um mit dem Inhalt fortzufahren
Anzeige

Wenige Stunden später reagierte Hertha konsequent und suspendierte Kalou vom Trainings- und Spielbetrieb.

"Daran bin ich selbst schuld", erklärte Kalou am Dienstag im SPORT1-Interview. "Ich trage die Verantwortung für diesen dummen Fehler." 

In einer längeren Stellungnahme war die Hertha auf einige, aber nicht alle Aspekte des abgebildeten Geschehens in der Kabine eingegangen. Vor allem die Art und Weise des Corona-Tests Torunarighas führte in den sozialen Medien zu viel Kritik und hinterließ offene Fragen.


SPORT1 beantwortet die wichtigsten Fragen zum Fall Kalou:

Wie muss ein Test laut DFL-Statuten ablaufen?

Im vergangene Woche von der Task Force Sportmedizin veröffentlichten Hygienekonzept "Sonderspielbetrieb" wird auf der letzten der insgesamt 51 Seiten die Durchführung des Tests "PCR Covid-19" erklärt.

Hierbei werden Abstriche der oberen (Nase) und tiefen Atemwege (Mund, Rachen) genommen, dabei wird ein langes Röhrchen in die Körperöffnungen eingeführt. Der Abstrich wird als unangenehm, aber nicht schmerzhaft beschrieben.

Jetzt aktuelle Fanartikel der Bundesliga bestellen - hier geht's zum Shop! | ANZEIGE 

Die Abstriche müssen "in einem separaten Raum, der anderweitig nicht genutzt wird, nach Möglichkeit mit einem von anderen Funktionsräumen getrennten Zugang" durchgeführt werden - bei symptomatischen Personen soll dies via Drive-In per Auto passieren.

In Kalous Video fand Torunarighas Test in einem Behandlungszimmer der Physiotherapeuten statt.

Wer darf Tests durchführen?

Jeder Klub muss einen Hygienebeauftragten ernennen, der in der Regel der Mannschaftsarzt ist. Der Arzt organisiert auch die Durchführungen und dokumentiert die Ergebnisse. Laut DFL-Papier kann er die Aufgaben an Personen mit entsprechender Ausbildung delegieren.

Bei Hertha führte im Fall von Torunarigha jedoch nicht Teamarzt Dr. Ulrich Schleicher den Test durch, sondern der langjährige Physiotherapeut David de Mel.


Beunruhigend ist in dieser Hinsicht, dass de Mel lediglich einen einfachen Mund-Nasen-Schutz, eine normale Brille und Einmalhandschuhe trug. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt dafür einen Schutzkittel sowie eine Schutzbrille und eine FFP2-Maske.

Auch im Hygienepapier wird eine Schutzausrüstung (Mund-Nasen-Schutz und Visier oder Schutzbrille) verpflichtend genannt, hier hat de Mel fahrlässig gehandelt.

Wie oft wird getestet?

Die 36 Profiklubs begannen am vergangenen Donnerstag mit den verpflichtenden Tests, innerhalb von fünf Tagen sollten alle "an Training und Wettkampf direkt und indirekt beteiligten Personen" (Spieler, Trainer, Betreuer, Schiedsrichter) zweimal getestet werden.

Die letzten sieben Tage vor dem Liga-Restart sollen zudem in einem sogenannten Quarantäne-Trainingslager inklusive regelmäßiger Tests verbracht werden.


Während der Saison wird eine "zweimalige wöchentliche Durchführung als angemessen" erachtet. Der zweite Test soll kurz vor dem Spiel stattfinden, das Ergebnis soll allerdings vor der Anfahrt zum Stadion feststehen. Zwischen Test und Diagnose vergehen einige Stunden, der zweite Test dürfte deshalb schon am Vortag des Spiels stattfinden.

Wo ist das DFL-Konzept zu finden?

Im Internet auf der DFL-Homepage kann das gesamte, 51 Seiten umfassende Konzept der Task Force "Sportmedizin/Sonderspielbetrieb" hier heruntergeladen und gelesen werden.

Wie steht die DFL zum Fall Kalou?

Wenige Stunden nach Veröffentlichung des Live-Videos reagierte die DFL empört und mit harter Kritik an Kalou: "Die Bilder von Salomon Kalou aus der Kabine von Hertha BSC sind absolut inakzeptabel. Hierfür kann es keine Toleranz geben - auch mit Blick auf Spieler und Klubs, die sich an die Vorgaben halten, weil sie die Ernsthaftigkeit der Situation erfasst haben."


Kalous Fehltritt schlug auch international hohe Wellen, die Daily Mail schrieb vom "Video, das Deutschland schockt".

Nach SPORT1-Informationen hagelte es beim Verband Beschwerden über das verantwortungslose Verhalten eines Bundesligaprofis. 

Die Vereine, die Spieler und Betreuer auf höchste Sensibilität hinsichtlich der nötigen Hygiene- und Abstandsregeln gepolt zu haben glaubten, stünden nach Kalous Video plötzlich unter Generalverdacht.

Hertha räumte in seiner Stellungnahme ein, dass die Hinweise "noch intensiver" hätten ausfallen müssen. 

Ist den Spielern der Ernst der Lage nicht bewusst? 

Die Berliner Stellungnahme und die Durchführung des Corona-Tests bei Torunarigha zeigen, dass der Klub im Umgang mit Corona Fehler begangen hat.

Dennoch machten sich auch Kalous Teamkollegen schuldig, weil sie dessen naiven Alleingang nicht einnordeten, ihm den angebotenen Handschlag nicht verweigerten und das Filmen Kalous nicht unterbrachen.

Der 34-Jährige selbst entschuldigte sich für sein Fehlverhalten und begründete es mit der Freude, dass beim ersten Test ausschließlich negative Ergebnisse diagnostiziert wurden. Dass er dadurch dachte, die Verhaltensregeln lockern und ins Lächerliche ziehen zu können, ist jedoch eine grobe Fehleinschätzung.

So ist beispielsweise bei Zweitligist Erzgebirge Aue im zweiten Testgang eine Person positiv auf das Virus getestet worden - ein erster negativer Test bedeutet selbstverständlich nicht, dass Spieler plötzlich weniger gefährdet sind, sich zu infizieren.

 "Das Wichtigste ist, dass wir alle gesund sind", meinte Kalou am Dienstag bei SPORT1. "Ich nehme das Virus jedenfalls sehr ernst, auch wenn mein Video vielleicht nicht den Eindruck gemacht hat." 

Der Skandal um Kalou führte auch deshalb zu derart großer Aufregung, weil zuvor der Eindruck entstanden war, die Spieler würden sich eher nicht gut genug geschützt fühlen.

Der Kölner Birger Verstraete hatte nach dem positiven Corona-Test zweier Teamkollegen große Sorge vor dem Restart der Bundesliga geäußert. "Das Virus zeigt einmal mehr, dass man es ernst nehmen muss. Es liegt nicht an mir, zu entscheiden, was mit der Bundesliga geschehen soll. Aber ich kann sagen, dass mir der Sinn nicht nach Fußball steht", sagte der Belgier.


Dessen Freundin gehört wegen einer Vorerkankung zur Risikogruppe, Verstraete kritisierte den Restart-Plan der Liga auch deshalb scharf. Stunden später relativierte er seine Aussagen und sprach von einem Übersetzungsfehler.

Dem Großteil der Spieler ist der Ernst der Lage mit Sicherheit bewusst, dennoch können schon einzelne Störer für große Diskussionen sorgen.

Inwiefern beeinflusst der Fall die morgige Entscheidung?

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (SPD) gab am Dienstag bekannt, dass er auch nach dem Fall Kalou keine Zweifel am Hygienepapier der DFL habe.

"Das grundsätzliche Konzept macht Sinn und kann auch Vorbild sein im übrigen für andere Profisport-Bereiche. Aber dann muss es auch gelebt werden“, sagte er im Deutschlandfunk.

Deswegen sei es wichtig gewesen, dass Hertha auch Konsequenzen gezogen hat. "Und ich hoffe, dass jetzt alle verstanden haben, dass es hier um etwas geht", meinte Spahn weiter. Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder nahm indirekt Stellung zum Vorfall. "Da erarbeitet die Liga hervorragende Konzepte. Und da gibt es einzelne Spieler, wie zu lesen war, die sich sehr, sehr unglücklich verhalten", sagte der CSU-Politiker.

Die Ampeln der Politik stehen wohl schon auf Orange, am Mittwoch wird mit dem Go gerechnet. Die Nachrichtenagentur Reuters meldete in der Nacht auf Dienstag, dass sich Vertreter von Bund und Ländern auf einen Restart geeinigt hätten. Höchstwahrscheinlich werde ein Start am 15. Mai möglich werden - das wäre bereits in zehn Tagen.

Am Mittwoch soll bei einer Konferenz von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Ministerpräsidenten entschieden werden, ob und wann die 1. und 2. Bundesliga ihren Betrieb wieder aufnehmen darf.

Sollte die Politik den Daumen heben, kann endlich konkret geplant werden. Zahlreiche Fans sehnen die Rückkehr der Bundesliga herbei, es gibt jedoch auch Widerstand gegen die Pläne.


"Wer mit Covid-19 trainiert, riskiert Schäden an Lunge, Herz und Nieren. Ich wundere mich, dass Spieler das mit sich machen lassen. Fußball soll Vorbild sein, nicht 'Brot und Spiele'", twitterte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach.

Dass Kalou in diesen Zeiten nicht zum Vorbild taugt, hat er mit seinem 25-minütigen Skandalvideo bewiesen. Folgen andere Spieler seinem Beispiel, stehen der Ruf und damit auch die Zukunft der Liga erneut auf dem Prüfstand.

Lesen Sie auch