Die bitterste Niederlage einer Sportikone

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Die bitterste Niederlage einer Sportikone
Die bitterste Niederlage einer Sportikone

8,68, ungültig, 8,83, 8,91, 8,87, 8,84.

7,85, 8,54, 8,29, ungültig, 8,95, ungültig.

Das Protokoll der nackten Zahlen sagt nichts aus für die, die es nicht erlebt haben. Aber für alle, die an diesem 30. August 1991 mitgefiebert haben, öffnet es Welten (NEWS: Alles zur Leichtathletik).

Der “Taifun von Tokio”, das legendäre WM-Duell zwischen Legende Carl Lewis und Mike Powell, der Tag, an dem der Jahrhundertsprung von Bob Beamon aus dem Jahr 1968 überboten wurde - und ein neuer Weltrekord erreicht wurde, der heute, nach nun drei Jahrzehnten, immer noch Bestand hat.

Auf höherem Niveau wurde selten ein großes Sportduell ausgetragen - und seine Faszination ist ungebrochen.

Carl Lewis hatte Mike Powell von 1991 immer besiegt

Dass Powell, damals 27 Jahre alt, sich zum Sieger dieses Duells aufschwingen würde: Niemand hatte es geahnt an diesem über 30 Grad heißen Abend in Tokio.

Der US-Amerikaner war immer im Schatten von “Carl dem Großen” gestanden, dem Superstar, der damals auch die Königsdisziplin 100 Meter dominiert und dort erst Tage zuvor mit 9,86 Sekunden einen neuen Weltrekord aufgestellt hatte.

Im Weitsprung war Powell 15 Mal in derselben Konkurrenz wie Lewis angetreten, 15 Mal war Lewis weiter gesprungen. Unter anderem bei Olympia 1988 in Seoul, als Powell Zweiter hinter Lewis wurde - ein Wettbewerb, der damals im Schatten des berühmt-berüchtigten 100-Meter-Duells zwischen Lewis und dem kurz danach als Doper aufgeflogenem Ben Johnson gestanden war. (Warum auch auf Carl Lewis ein Doping-Schatten liegt)

Im Weitsprung war Lewis scheinbar konkurrenzlos: Zehn Jahre lang hatte er jeden Wettbewerb gewonnen, bei dem er dabei gewesen war. Umso überraschender war die Sternstunde seines 1,88 Meter großen Landsmanns aus Philadelphia.

“Carl hat mich nicht als jemanden gesehen, der ihm gefährlich werden konnte”, erinnerte sich Powell später, “aber für mich war er damals eine ganz große Motivationsquelle.”

Lewis toppt Bob Beamon nur inoffiziell - Powell packt es

Noch im ersten Durchgang vor über 70.000 Fans in Tokio, bei dem Lewis satte 83 Zentimeter weiter sprang, deutete nichts auf einen Kampf auf Augenhöhe hin, Lewis schien sich voll auf seine historische Mission konzentieren zu können, den Beamon-Rekord zu überflügeln - die damals älteste noch bestehende Bestmarke der Leichtathletik.

Das gelang ihm im vierten Versuch dann auch: 8,91 Meter, ein Zentimeter mehr als das große Vorbild, jedoch mit zu viel Rückenwind, um den Rekord offiziell zu machen.

Lewis feierte sich trotzdem und signalisierte auch dem Publikum, traditionell reservierter als das im Westen, ihm zu huldigen. So sehr, dass es Konkurrent Powell ärgerte - und ihm einen Schub verpasste.

“Wenn man ihn so sah, hätte man glauben können, der Wettkampf sei entschieden und vorbei. Das hat mich geärgert”, sagte Powell später, er sei “zornig” gewesen und hätte das in seinen weiteren Versuchen “kanalisiert”. Seine Antwort: Der unfassbare 8,95-Meter-Satz in Anlauf 5.

WM-Duell der unterschiedlichen Stile

Lewis war geschockt und versuchte verzweifelt wie vergeblich, noch eine Antwort zu finden. Und obwohl er letztlich viermal über 8,80 Meter sprang, auf unfassbar konstant hohem Niveau: Was zählte, war der eine Mega-Satz von Powell zwischen zwei ungültigen Versuchen.

“Er hat ja nur einen guten Sprung gehabt”, meinte Lewis auch Jahre später noch in motzigem Unterton über die “größte Niederlage meiner Karriere”. Während Powell betonte, dass wohl genau das der Schlüssel zu seinem Erfolg war: “Für Carl war jeder Sprung wichtig und großartig. Meine Einstellung war: Ich habe sechs Versuche, um einen guten hinzukriegen.”

Lewis gegen Powell: Es war auch technisch ein Duell zweier verschiedener Stile. Lewis lebte von seinem Anlauftempo und der elegant-flachen Flugkurve. Powell, der auch Erfahrung im Basketball und Hochsprung hatte, konnte mehr Kraft in den Absprung legen und mehr Flughöhe erreichen. Ein Teil seiner Sprünge missglückte so - aber der eine, der glückte, eben umso mehr.

Tochter Micha Powell nun in Mikes Fußstapfen

Der größte Sieg in Powells Karriere blieb keine Eintagsfliege: 1993 in Stuttgart verteidigte Powell seinen Titel, im Jahr zuvor bei Olympia in Barcelona musste er den Sieg aber wieder Lewis überlassen, der im Jahr darauf nicht mehr dabei war.

Das verlorene Olympia-Duell nagte an Powell, der 1996 seine Karriere beendete - und zu einem von vielen Athleten wurde, die nicht recht loslassen konnte: Er versuchte mehrere Comebacks, die aber es aber nicht über die Kuriositäten-Rubrik hinausschafften.

Powell hadert auch deshalb mit seinem Vermächtnis, weil er das Gefühl hat, dass er noch weitere Sprünge in sich gehabt hätte: “Ich habe damals den Weltrekord in Reichweite für die anderen liegen lassen.” In die Nähe kam allerdings lange keiner mehr: 30 Jahre nach dem Taifun von Tokio reichten Olympiasieger Miltiadis Tendoglou aus Griechenland an gleicher Stelle 8,41 Meter.

Powell ist inzwischen Weitsprung-Coach und als Motivationsredner sowie in Experten-Rollen im TV aktiv. Tochter Micha Powell - die aus Powells Ehe mit der kanadischen Ex-Hürdenläuferin und Moderatorin Rosey Edeh hervorging - ist in die Fußstapfen ihrer Eltern getreten und 400-Meter-Läuferin.

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