In diesen Punkten macht sich Prokop angreifbar

Tobias Wiltschek, Andreas Pfeffer
Sport1

Nach dem Pflichtsieg gegen die Niederlande erlebte die deutsche Handball-Nationalmannschaft bei der EM gegen Spanien ein Debakel.

Mit dem 26:33 im zweiten Gruppenspiel ist zwar das Halbfinale noch nicht außer Reichweite. Dennoch warf die hohe Niederlage in allen Bereichen Fragen auf.

SPORT1 nennt zusammen mit dem ehemaligen Welthandballer Daniel Stephan die Problemzonen im Spiel des DHB-Teams vor dem letzten Gruppenspiel gegen Lettland (Mo. ab 18.15 Uhr im LIVETICKER).

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- Die Torhüter: 

Im EM-Finale 2016 gegen Spanien gehörte Andreas Wolff mit vielen starken Paraden noch zu den Matchwinnern beim Triumph in Polen. 

Am Samstag war der 28 Jahre alte Keeper des polnischen Spitzenklubs Kielce aber nur ein Schatten seiner selbst. In seinem jeweils knapp zehnminutigen Einsätzen zu Beginn jeder Halbzeit gelingt ihm bei 16 Würfen der Iberer nur eine Parade (Quote: 6 Prozent). Für einen Mann seiner Klasse und seinen eigenen hohen Ansprüchen an sich selbst viel zu wenig. 

"Wolff hat gegen die Niederlande sehr, sehr gut gehalten. Jetzt muss man ihm auch einen schwachen Tag zugestehen. Das ist natürlich unglücklich, das weiß er selber", urteilt Stephan bei SPORT1

Bundestrainer Prokop hatte vor dem Turnier darauf hingewiesen, dass für ein gutes EM-Abschneiden außergewöhnliche Leistungen der Torhüter von Nöten seien. Gegen Spanier wurde das Duell der Torhüter klar verloren. 


- Kapitän Gensheimer  

Die bisherigen Leistungen des Stars der Rhein-Neckar Löwen sind ein Rätsel. Die EM ist bislang so ganz und gar nicht sein Turnier. Nach der Roten Karte zum Auftakt gegen die Niederlande schmorte er gegen Spanien nach blasser erster Hälfte die komplette zweite Halbzeit auf der Bank, während EM-Debütant Patrick Zieker es auf Linksaußen nicht besser machte.

Er habe vollstes Vertrauen in Gensheimer, sagte Prokop am Sonntag: "Uwe hat enorme Qualitäten."

Stephan aber wundert sich dennoch über den Umgang des Bundestrainers mit seinem Kapitän: "Er hat in der zweiten Halbzeit null Minuten gespielt. Der Bundestrainer stellt sich hin und sagt, er ist ein Weltklassespieler. Wenn er ein Weltklassespieler ist, dann muss ich ihn auch unterstützen und weiterspielen lassen."


An der Personalie Gensheimer ist auch abzulesen, woran es derzeit noch in der DHB-Auswahl mangelt. "Es war nicht zu sehen, wer die Mannschaft führt", kritisiert der Europameister von 2004.

Gensheimer selbst hadert am meisten mit seinen bisherigen Leistungen. "Natürlich möchte ich vorangehen, möchte meine Leistung zeigen", sagte er: "Ich bin damit bisher noch nicht zufrieden, das ist klar."

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- Der Bundestrainer

Auch Christian Prokop muss sich hinterfragen lassen. Einige Personalentscheidungen gegen Spanien waren nur schwer nachvollziehbar.

So ließ er Torwart Bitter trotz dessen ansteigender Form zum Ende der ersten Halbzeit zu Beginn der zweiten Halbzeit draußen und setzte wieder auf den bis dahin glücklosen Wolff. Das wunderte auch Stephan: "Bitter hat in der ersten Halbzeit ja auch ein paar Bälle gehalten. Deshalb habe ich nicht verstanden, warum er nicht weitergespielt hat."


Prokops Ansprachen in den Auszeiten mit Fragestellungen an die Spieler wirken auch teilweise fragwürdig. "Ich denke, dass so etwas von den Spielern selbst kommen soll. Aber das ist jetzt vielleicht sein Stil. Das hat er sich angeeignet. Man wird sehen, ob er damit Erfolg hat", sagt der 46-Jährige Stephan.

Im Spiel gegen die Niederlande hatte Prokop bereits für einen kuriosen Moment gesorgt. In einer Teambesprechung in der zweiten Halbzeit fragte er EM-Debütant Timo Kastening vor laufenden Kameras nach dessen Namen ("Wie heißt du?"). "Das war ein bisschen trantütig", sagte der Bundestrainer selbst zu seinem Blackout: "Ich wollte einen lockeren Spruch machen, einfach ein bisschen Auflockerung reinbringen." Ob das der richtige Weg ist?

Zumal gegen Spanien auch taktische Mängel zu beobachten waren. "Es war gar nicht zu sehen, was das Konzept gegen so eine offensive Deckung sein sollte", moniert Stephan.

- Fehlende Abstimmung

Ebenfalls offensichtlich war das fehlende Spielverständnis gegen Spanien. "Die Unsicherheit war sehr groß. Wir hatten einfache technische Fehler und keine Durchschlagskraft", sagt Stephan.  

"Der Rückraum hat einfach nicht funktioniert. Paul Drux ist bislang gar nicht vorgekommen. Er hat auch zweimal den Ball verloren ohne offensichtlichen Grund. Ich will das jetzt nicht allein an ihm festmachen. Aber er sollte ja die Verantwortung haben, als eine Art Regisseur die Fäden ziehen."

Trotz allem will Stephan noch nicht den Stab über das Team brechen. "Wir haben erhebliches Verbesserungspotenzial bei allen Spielern. Aber ich denke schon, dass sich die deutsche Mannschaft noch steigern wird", macht der Welthandballer von 1998 Mut.

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