Das Drama um Pelés 1000. Tor

Denis de Haas
Sport1

Beinahe wäre die Partie, in der Pelé eine Fußballnation in Ekstase versetzte, im Regen ertränkt worden. Es war der Abend des 19. November 1969, als es in Rio de Janeiro zu einem heftigen Wolkenbruch kam. Die Tropfen prasselten auf die Betonwände des Maracana ein.


Mehr als 80.000 Zuschauer hatten Platz in diesem weltbekannten Stadion genommen. Sie wollten die Partie zwischen dem FC Santos und Vasco da Gama sehen. Dieser Andrang verwunderte auf den ersten Blick. Beide Klubs hatten keinen Einfluss mehr auf den Ausgang der brasilianischen Meisterschaft.

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Doch die Fußballfans waren nicht wegen einer Titelentscheidung gekommen. Sie wollten Zeitzeugen eines historischen Moments sein und das 1000. Tor des großen Pelé aus nächster Nähe sehen. Das Ausharren im Regen zahlte sich aus. Das Maracana erlebte an diesem Mittwoch vor nun 50 Jahren "O Milésimo", den Jubiläumstreffer eines Ausnahmesportlers.

Mit 15 Jahren für Santos debütiert

Bereits Wochen zuvor hatte das Thema damals die Schlagzeilen in Brasilien bestimmt. Die große Frage lautete: Wann wird Treffer Nummer 1000 fallen? Sein erstes Tor hatte Pelé mit gerade einmal 15 Jahren für den FC Santos erzielt. Im Herbst 1956 ging der Stern des Edson Arantes do Nascimento auf.


Fortan sorgte er unter dem Künstlernamen Pelé für Superlative, im Jahr 1959 bejubelte er im Vereinstrikot unglaubliche 127 Treffer. Als sich Pelé der Tausender-Marke näherte, war der Angreifer bereits zweimaliger Weltmeister mit Brasilien sowie neunmaliger Regionalmeister und zweimaliger Copa-Libertadores-Sieger mit dem FC Santos.

Doch Ende 1969 zeigte diese Tormaschine auf einmal Schwächen. Am 16. November stand der Zähler bei 999. Alles war für die große Pelé-Party angerichtet. Journalisten aus dem Ausland kamen nach Salvador da Bahia. Dort spielte der FC Santos. Wobei: Eigentlich spielte dort nur Pelé.

Pelé trifft auf ein Monster

Und der große Druck machte ihm zu schaffen. "Ich sah die schreckliche Vision vor mir, dass ich jahrelang kein Tor mehr schießen würde und immer noch hinter dieser Zahl 1000 herliefe", sagte Pelé einmal. "Die aufgebauten Kameras wirkten auf mich wie die gläsernen Augen irgendeines gefühllosen Monsters." Das Spiel endete mit einem 1:1. Pelé traf nur die Latte.


Deswegen musste er drei Tage später in Rio de Janeiro abliefern. Fotografen und Kamerateams aus aller Welt umringten den Rasen, um den historischen Moment einzufangen. Die Spieler von Vasco da Gama weigerten sich jedoch beharrlich, Statisten in der großen Pelé-Show zu sein. Der argentinische Torhüter Edgardo Andrada wollte mit aller Macht verhindern, das Jubiläumstor zu kassieren.

Pelé hatte auch noch Pech. Er traf mit einem Schuss den Querbalken. Beim Abpraller war nicht der Superstar zur Stelle, sondern sein Gegenspieler René. Statt "O Milésimo" gab es erst mal ein Eigentor. "Die Zuschauer buhten René aus - weniger wegen seines Pechs, sondern weil er ihnen mein 1000. Tor vermasselt hatte", erklärte Pelé später in seiner Biografie.

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Die Zeit verrann. Zwölf Minuten vor dem Abpfiff drang Pelé in den Strafraum ein. Gegenspieler Fernando senste ihn um. Es gab Foulelfmeter für Santos. Eigentlich war das eine Aufgabe für Linksverteidiger Rildo. Doch an diesem Abend nahm sich Pelé den Ball.

Vasco da Gama und die Mätzchen

Die Fußballer von Vasco da Gama machten nun Mätzchen, drückten dem Schützen Sprüche, ein Spieler trampelte sogar auf dem Elfmeterpunkt herum. Pelé wirkte verunsichert.

Der Schiedsrichter pfiff. Pelé zögerte einen Moment, schoss den Ball dann nach rechts unten. Andrada tauchte ab, konnte den Schuss jedoch nicht entschärfen. Pelé war erlöst. Ein Aufschrei ging durch das Stadion.

Pelé rannte ins Tor, küsste den Ball und Sekunden später standen die Fotografen und Kameraleute schon vor ihm. Die Menschen ließen den Jubilar hochleben, rissen ihm sein Trikot vom Leib. Doch es gab Ersatz: Pelé erhielt ein neues Trikot - mit der Nummer 1000.


Nach einer Ehrenrunde folgte die Auswechslung. Pelé ging weinend in die Kabine. "Ich fühlte mein Herz schlagen und war froh, dass es nun endlich vorbei war", sagte er hinterher.

Emilio Médici übergibt goldenen Ball

Brasilien war in Feierstimmung. Im Land läuteten die Kirchenglocken. Die Kinder bekamen einen Tag schulfrei. Die Militärjunta wusste das Ereignis medienwirksam für sich zu nutzen. Der damalige Staatspräsident Emilio Médici überreichte Pelé später einen goldenen Ball. Die brasilianische Post gab eigens eine Briefmarke heraus.


Acht Monate nach "O Milésimo" führte Pelé sein Land zum dritten WM-Titel. Beim 4:1-Finalsieg über Italien erzielte er ein herrliches Kopfballtor. Der Ausnahmefußballer zeigte wieder seine ganze Klasse.

Beim Jubiläum hatte ja noch ein schmuckloser Elfmeter genügt.

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