Nach Reifen-Chaos: Warum es jetzt noch schlimmer wird

Franziska Wendler
·Lesedauer: 4 Min.

Es waren Schäden, die wie aus dem Nichts auftauchten.

Beim Großen Preis von Großbritannien am vergangenen Wochenende gingen kurz vor Schluss bei diversen Fahrern die Reifen kaputt.

Lewis Hamilton schleppte sich auf drei Rädern als Sieger gerade noch so ins Ziel, Valtteri Bottas fiel sogar von Platz zwei auf Rang elf zurück. Und auch beim McLaren von Carlos Sainz löste sich das linke Vorderrad in Luft auf.

Die vielen Schäden sorgten bei den Verantwortlichen in der Königsklasse für Sorgenfalten. Erst wurde vermutet, dass auf der Strecke liegende Trümmerteile die vielen Defekte verursacht haben. Dafür sprach unter anderem die Aussage von Red-Bull-Teamchef Christian Horner, der von rund 50 Schnitten im Reifen von Max Verstappen berichtete.

Pirelli: Trümmerteile nicht schuld

Reifenhersteller Pirelli hatte diese Vermutungen zunächst bestritten. Stattdessen sei der Rennverlauf und die Tatsache, dass die meisten Teams den zweiten Reifensatz "extrem lange" nutzten, ursächlich gewesen.

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Die meisten Boliden hätten circa 40 Runden auf einem Reifensatz zurückgelegt, "das sind mehr als drei Viertel der Renndistanz auf einem der aggressivsten Kurse im Kalender", teilte das Unternehmen mit.

Um die Reifen haltbarer zu machen, will Pirelli nun den Reifendruck erhöhen.

Gleichzeitig räumte Mario Isola, der F1-Chef des Reifenherstellers ein, dass zumindest am Freitag eben doch Teile an der Strecke für die Schäden verantwortlich gewesen sein könnten. "Wahrscheinlich wurden einige der Schnitte, die wir am Freitag gefunden haben, dadurch hervorgerufen, dass Trümmer im Randstein eingeklemmt waren", erklärte er.

Randstein in Silverstone wird verändert

Auch die FIA reagierte auf die Reifenprobleme: Für das zweite Rennen am kommenden Wochenende wurde der Randstein in der Becketts-Kurve angepasst. So soll neuen Schäden vorgebeugt werden.

"Um den Fahrern zu helfen, die Streckenbegrenzungen an diesem Wochenende einzuhalten, wurde auf Wunsch der FIA vor dem Grand Prix an diesem Wochenende am Ausgang von Kurve 13 ein 23 Meter langer Abschnitt mit einem verjüngten Bordstein installiert", erklärte eine Sprecherin aus Silverstone.

Und auch die eigentlich von Pirelli geplanten Reifentests für Freitag, die als halbstündige, verpflichtende Testfahrt während des regulären Trainings angelegt waren, wurden abgesagt. Stattdessen "haben die Teams die Möglichkeit, im zweiten Freien Training weiter zu testen, ihre Longruns zu absolvieren und so weiter", erklärte Isola. Aber ob das hilft?

Denn am kommenden Wochenende könnte es beim "Grand Prix zum 70. Geburtstag der Formel 1" noch schlimmer werden (Formel 1, Grand Prix zum 70. Geburtstag der Formel 1, So., ab 15.10 Uhr im LIVETICKER).

Noch weichere Reifen am Sonntag

Beim ersten Silverstone-Rennen kamen am zurückliegenden Sonntag die drei härtesten Reifenmischungen (C1 bis C3) zum Einsatz, für das kommende Wochenende bietet Pirelli dagegen die Reifen C2 bis C4 und damit weichere Mischungen an - und das bei noch heißeren Temperaturen.

"Eine Einstoppstrategie ist nächste Woche unmöglich. Ich rechne mit mindestens zwei , wenn nicht sogar drei. Wir werden sehen, wie sich die Reifen verhalten", äußerte Renault-Sportchef Alan Permane Bedenken.

"Gespannt bin ich auch auf den Unterschied zwischen dem C4 und dem C3. Das ist die Frage, die sich im Qualifying zumindest für die 'Big Boys' stellen wird: Kommen sie mit dem Medium durch Q2 oder brauchen sie den Soft? Wenn ja, dann starten die Top 10 auf Soft und der Elfte hat einen Riesenvorteil."

Mercedes-Ingenieur besorgt

Wie lange die jeweiligen Reifen bei den angekündigten Temperaturen halten werden, kann aktuell noch niemand ermessen.

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Auch bei Mercedes glaubt man aktuell nicht an nur einen Boxenstopp pro Fahrer. "Nach dem, was wir (am Sonntag, Anm. d. Red.) erlebt haben, halte ich eine Einstoppstrategie für sehr mutig", erklärte Chef-Ingenieur Andrew Shovlin.

"Nächste Woche halte ich das zwar nicht für ganz ausgeschlossen – aber für eine viel, viel größere Herausforderung. Zumal es spürbar heißer werden soll. Das wird es noch schwieriger machen, diese weichen Reifen zu managen", zeigte sich Shovlin besorgt.

McLaren-Pilot Lando Norris, dessen Teamkollege Sainz von den Reifenproblemen arg gebeutelt wurde, macht sich ebenfalls Gedanken.

"Silverstone und der linke Vorderreifen sind keine Freunde. Das waren sie noch nie. Und in der heutigen Formel 1 mit den Belastungen, die der linke Vorderreifen aushalten muss, macht das die Rennen sehr schwer für uns", so der 20-Jährige.

Piloten müssen Fahrweise anpassen

Für die Fahrer stellt vor allem die in solchen Situationen nötige Anpassung der Fahrweise ein Problem dar. "Selbst in der ersten Runde kannst du nicht so sehr pushen, wie du das möchtest", zeigte sich Norris enttäuscht.

Auch Horner hat dafür Verständnis. "Für einen Rennfahrer muss es das frustrierendste Gefühl auf der Welt sein, wenn dein Renningenieur dir permanent sagt, dass du langsamer fahren sollst. Aber es ist für alle gleich, und damit müssen wir klar kommen."

Nun muss sich zeigen, ob die Fahrer beim fünften Saisonrennen ihre Fahrweise anpassen müssen, um keinen Reifenschaden zu riskieren - oder ob die bisherigen Maßnahmen schon ausreichen, ein noch chaotischeres Ende als am vergangenen Sonntag zu vermeiden.