Ein Jahr später: Was wird aus den Corona-Gewinnern?

Nils Jacobsen
·Wirtschaftsjournalist und Techblogger
·Lesedauer: 4 Min.

Der Blick in den Abgrund jährt sich diese Woche zum ersten Mal: Vor genau 52 Wochen hätten Anleger einen traumhaften Einstieg finden und in der Folge Traumrenditen verbuchen können. Ein Jahr später schwächeln die Corona-Profiteure auffällig. Wie weit geht die Sektorenrotation?

Parketthandel an der Wall Street kurz vor der Schließung
Parketthandel an der Wall Street kurz vor der Schließung

Am 18. März 2020 wurde Hedgefondslegende Bill Ackmann live bei CNBC emotional. Mit bebender Stimme flehte der milliardenschwere Pershing Square Capital Präsident Trump an, das Land in einem harten Shutdown für einen Monat komplett herunterzufahren, weil er die Folgen der Katastrophe befürchtete – eine humanitäre als auch wirtschaftliche.

Die sich ohnehin schon im Crash-Modus befindenden Märkte beschleunigten ihren Ausverkauf während des Ackman-Interviews abermals. Der Himmel schien einzustürzen in jenen dunklen Märztagen: Der Dow Jones notierte bei unter 20.000 Zählern und sollte im weiteren Wochenverlauf bei 18.213 Punkten ein historisches Jahrestief markieren, das einen Absturz von 35 Prozent gegenüber den erst im Februar aufgestellten Allzeithochs markierte. Die Abstürze im marktbreiten S&P 500, in Nasdaq-100-Index oder im Dax fielen praktisch analog aus.

Historische Kaufchancen vor einem Jahr

Schon wenige Monate später war klar: Es waren bemerkenswerte Kaufgelegenheiten, wie es sie vielleicht nur einmal in einer Anlegergeneration, mindestens aber in einer Dekade gab. Seit den Märztiefs des Vorjahres legten die Leitindizes Dow und Dax zwischen 80 und 75 Prozent zu, während sich der Tech-Index Nasdaq 100 gar mehr als verdoppelte.

Unter der Oberfläche schossen die Aktien der sogenannten „Stay-at-Home“-Unternehmen, die prädestiniert schienen, von der neuen Situation im Lock- und Shutdown-Modus zu profitieren, noch weitaus massiver nach oben. E-Commerce-Unternehmen-Anbieter wie Etsy oder Shopify, der Video-Konferenz-Dienst Zoom, der Fitnessgerätehersteller Peloton, die Freelancerplattform Fiverr, aber auch Social-Media-Unternehmen wie Snap, Pinterest oder Twitter profitierten dramatisch von der neuen Lebenswirklichkeit, die sich zum Großteil in den eigenen vier Wänden abspielte.

Börse wappnet sich für die Nach-Corona-Zeit

Doch der Wind hat gedreht. Die Gewinner von gestern sind plötzlich die Verlierer von heute. Das erste Alarmsignal blinkte ausgerechnet mit einer guten Nachricht auf: Als im vergangenen Jahr die Zulassung des Impfstoffs von Biontech über die Ticker lief, brachen reflexartig die Kurse der bisherigen Börsen-Highflyer ein – und die Anteilsscheine der bis dato abgestürzten Zykliker nach oben aus.

Eine neue Zeitrechnung würde schon bald anbrechen – das „Post-Corona-Zeitalter“. Was hierzulande angesichts des desaströs langsamen Impffortschritts noch in weiter Ferne scheint, wird in den wichtigsten Volkswirtschaften schon bald Realität sein. Die Rückkehr zur Normalität des Alltagslebens in China seit vergangenem Sommer ist da, und auch die USA scheinen sich dank einer immer schnelleren Impfkampagne, die bis Ende Mai abgeschlossen sein soll, schneller als erwartet von der Geißel COVID-19 zu befreien.

Nasdaq seit 4 Wochen schwächer als Dow Jones

Entsprechend preisen die Kapitalmärkte den Paradigmenwechsel seit Wochen in aller Vehemenz ein. Seit nunmehr vier Wochen in Folge hat der Nasdaq 100 schwächer performt als der Dow Jones – eine Rarität, die lediglich zweimal (2016 und 2011) in der vergangenen Dekade vorgekommen ist. Das Ungleichgewicht fällt massiv aus. Während die Techbörse um knapp 7 Prozent an Wert verlor, legte der US-Traditionsindex um mehr als 4 Prozent zu.

Das Zauberwort der Stunde lautet: Sektorenrotation. Die Verlierer des Vorjahres sind die Gewinner von heute, weil sie viel nachzuholen haben, spekulieren Börsianer. „Es gibt eine aufgestaute Nachfrage danach, nach draußen zu gehen und Dinge zu tun, Reisen zu unternehmen, in Bars und Restaurants zu gehen“, erklärt etwa Jack Ablin, Investmentchef beim Vermögensverwalter Cresset, gegenüber CNBC. „ Die Leute werden all das Geld nehmen, das jetzt an der Seitenlinie liegt und es ausgeben.“

Trendwende durch Stimulus?

Mit Wochenbeginn dürfte das Guthaben, sofern es denn eines gibt, bei den meisten Amerikanern noch einmal spürbar wachsen. Die Schecks des Corona-Hilfspakets in Höhe von 1400 Dollar sollen ab heute auf den Konten ankommen.

Nach dem Vorbild des vergangenen Jahres könnten Anleger versucht sein, an den Kapitalmärkten ihren Einsatz zu maximieren – und das möglicherweise erneut mit Tech- und Internetaktien, die es nun zu ermäßigten Kursen zu erwerben gibt. Wie nachhaltig eine mögliche Erholung ausfallen könnte, ist allerdings die Multi-Milliarden-Dollar-Frage…

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