Ein Jahr vor Fußball-WM: Wie läuft es in Katar?

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Im Wüstenstaat Katar wird seit einem Jahrzehnt an der WM im kommenden Winter gearbeitet. Doch der Umgang mit Arbeiter*innen auf den Großbaustellen reicht noch immer nicht den grundsätzlichen Ansprüchen.

Bis 2030 will Katar die Zahl der Tourist*innen verdreifachen. Mit der WM will sich das Land deshalb als weltoffenes Land präsentieren. Menschenrechtsorganisationen sehen das kritisch. (Symbolbild: Getty Images)
Bis 2030 will Katar die Zahl der Tourist*innen verdreifachen. Mit der WM will sich das Land deshalb als weltoffenes Land präsentieren. Menschenrechtsorganisationen sehen das kritisch. (Symbolbild: Getty Images)

Im kommenden Winter ist es so weit: Die umstrittene Fußball-Weltmeisterschaft in Katar wird angestoßen. Wie aber steht es, ein Jahr zuvor, um den Umgang mit den Arbeiter*innen auf den Baustellen in dem autoritär regierten Wüstenstaat?

Tausende Arbeiter*innen verstorben

Anfang 2021 hat eine Recherche des britischen Guardian die Debatte um die Vergabe der Weltmeisterschaft nach Katar neu entfacht: Dort seien, nachdem das Wüstenemirat den Zuschlag für die Ausrichtung vor gut zehn Jahren erhalten habe, mehr als 6.500 Arbeitsmigrant*innen aus Bangladesch, Indien, Nepal, Pakistan und Sri Lanka gestorben.

Die Regierung Katars zweifelte die Zahlen in der Folge auch nicht an, hielt sie sogar für erwartbar, würde man die Altersstrukturen der über zwei Millionen Arbeiter*innen, die derzeit in Katar beschäftigt sind, betrachten.

Ungeklärte Todesfälle

Das sehen Menschenrechtsorganisationen, wie Amnesty International, anders. Diesen August hat Amnesty einen Bericht veröffentlicht, darin klagt es Katar an, die Ursachen für die zahlreichen Todesfalle der Arbeiter*innen nie untersucht zu haben. Und das, „obwohl es Hinweise gibt für einen Zusammenhang zwischen ihrem vorzeitigen Tod und den gefährlichen Arbeitsbedingungen“.

In dem Bericht werden vor allem das extrem heiße Wetter in Verbindung mit unrechtmäßigen Arbeitsbedingungen für „plötzliche und unerwartete Todesfälle“ verantwortlich gemacht. So lege eine Studie nahe, dass mindestens mehrere hundert Leben hätten gerettet werden können, wenn es einen „adäquaten Arbeitsschutz“ geben würde.

Doch der fehle noch immer vielerorts. Gleichzeitig würden, schreibt Amnesty weiter, katarische Behörden die Todesfälle nicht untersuchen und stattdessen nur „natürliche Ursache“ auf den Totenscheinen anführen: Somit müssten Ermittlungen nicht in Betracht gezogen werden und Angehörige der Verstorbenen könnten nicht auf Entschädigung klagen.

WM-Bauprojekte benötigen viel Arbeitskraft

Das kleine Land Katar ist aufgrund großer Vorkommen an vor allem Erdgas, aber auch Erdöl, sehr wohlhabend – nimmt man das Bruttoinlandsprodukt als Maßstab, dann liegt Katar auf Rang neun der reichsten Länder der Welt – allerdings kommt das nur wenigen Menschen zugute: Gerade Mal 300.000 Menschen, etwa zehn Prozent, besitzen die katarische Staatsbürgerschaft. Bei den restlichen Millionen Einwohner*innen handelt es sich um Arbeitsmigrant*innen.

Für die anstehende WM hat Katar ein riesiges Infrastrukturprogramm auf die Beine gestellt, um insgesamt sieben Stadien zu bauen und Verkehrsadern durchs ganze Land zu ziehen – dafür wird die viele Arbeitskraft dringend benötigt.

Keine Löhne gezahlt

Zwar hat Katar sein Arbeitsrecht nach der Vergabe der WM reformiert, laut Amnesty wird dieses allerdings nur unzureichend umgesetzt. Noch immer sei „Ausbeutung an der Tagesordnung“, Arbeitsmigrant*innen seien weiterhin „skrupellosen Arbeitgeber*innen“ ausgesetzt.

Ähnliches hat auch die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) protokolliert: Demnach sei die Aufenthaltserlaubnis der Arbeiter*innen noch immer an ihre jeweiligen Arbeitgeber*innen geknüpft – die würden sogar oft die Pässe einziehen und könnten die Aufenthaltserlaubnis auch jederzeit aufkündigen. Umgekehrt gilt es als Verbrechen, wenn Arbeiter*innen sich einseitig entscheiden, ihre Arbeitsstelle zu verlassen.

Zudem ist ihnen häufig die Mitgliedschaft in Gewerkschaften oder die Teilnahme an Streiks verboten. Weiterhin hat HRW festgestellt, dass vor allem während der Coronavirus-Pandemie Löhne häufig zu spät oder gar nicht ausgezahlt wurden.

Ohne Arbeiter*innen keine WM

Aus diesen und weiteren Gründen hat vor kurzem Amnesty International eine Petition gestartet, um die FIFA unter Druck zu setzen. Der Weltfußballverband soll alles dafür tun, „dem Missbrauch von Arbeitsmigrantinnen und -migranten ein Ende zu setzen“. Denn: Ohne sie könnte das Turnier gar nicht stattfinden. Weiter heißt es in einer begleitenden Pressemitteilung: „Die FIFA muss jetzt entschlossen handeln, um sicherzustellen, dass die Weltmeisterschaft 2022 nicht auf dem Rücken von ausgebeuteten Arbeitsmigrant*innen ausgetragen wird.“

VIDEO: Tromsø IL: Trikot mit QR-Code und Protestnote gegen Fußball-WM in Katar

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