"Was für eine Lüge": Das bringt Streich auf die Palme

SPORT1
Sport1

Christian Streich nimmt sich Zeit. Entspannt sitzt der Trainer des SC Freiburg beim Bühnengespräch der DFB-Kulturstiftung in Freiburg in einem Sessel.

50 Minuten spricht Streich. Natürlich über den jüngsten Eklat, den Check von Frankfurts Kapitän David Abraham bei Freiburgs 1:0-Sieg am Sonntag. Aber auch über das Trainergeschäft, den Fußball als Glücksfaktor, einen Komplex - und über Jürgen Klopp und Pep Guardiola.

Es ist ein unaufgeregter, aber großer Streich-Auftritt! SPORT1 gibt seine wichtigsten Aussagen.

Scrollen, um mit dem Inhalt fortzufahren
Anzeige


Streich über...

…  David Abraham:

Es gibt Dinge, die unvermeidlich sind. Offenbar war es am Sonntag wieder so. Jetzt geht es darum, wie man mit der Sache umgeht. Nicht nur wir, sondern auch von Frankfurter Seite. Es war nicht gut, aber wir müssen es einordnen und herunterfahren. Es war nicht schön. Das Spiel war aber brisant und dann dreht David Abraham halt ab. Er ist kein böser Mensch. Er ist ein netter Mensch, nur nicht auf dem Fußballplatz.

… seine Liebe zu Büchern:

Über meine Mutter bin ich zu den Büchern gekommen. Gewisse Zeitschriften gab es in unserem Haus nicht. Das war sehr schön. Es wurde darauf Wert gelegt, dass man jeden Tag eine ordentliche Zeitung und Bücher hat. Meine Mutter hat immer gelesen und uns wurde von der Oma und meiner Mutter im Bett vorgelesen. Von meinem Vater auch. Anschließend habe ich angefangen selbst zu lesen. Man geht ja immer noch ins Bett, aber die Mutter liest nicht mehr vor. Das ist wie Zähneputzen oder Abendessen. Das hat man gelernt und wurde zur Selbstverständlichkeit. Das Buch "Elf Freunde müsst ihr sein" hat meinen Bezug zum Fußball komplett verändert.

Wenn man ein bisschen liest, kann man schon unterscheiden, ob jemand gut schreiben kann oder nicht. Man lernt unglaublich viel und hat eine Haltung. Fußball ist in meinem Leben so dominant und wenn ich ein Buch in die Hand nehme, gehe ich in einen anderen Raum. Mir erzählt jemand eine Geschichte und ich muss nicht antworten und kann es interpretieren, wie ich will. Für eine gute Geschichte bin ich wahnsinnig dankbar, so kann ich aus meinem Leben oder Alltag herauskommen.


"Man hat immer ein Defizit gespürt"

… einen Komplex:

Ich war auf der Hauptschule. Nichts gegen die Hauptschule, aber man hat trotzdem immer ein Defizit gespürt und sich gefragt, ob die alle so viel schlauer sind. Möglicherweise habe ich auch gedacht, dass ich dazugehören will. Als ich in die Universität gekommen bin, war es etwas Besonderes und nichts Selbstverständliches in meiner Biografie. 

… Prozesse beim SC Freiburg:

Ich freue mich, wenn die Entwicklung als kreativer Prozess wahrgenommen wird. Fußball beinhaltet auch Kreativität. Fußball ist keine Kunst. Kunst ist etwas anderes. Fußball beinhaltet aber kreative Prozesse von Menschen, die handeln. Aber diese Prozesse überlege nicht ich mir, sondern wir alle zusammen. Ich glaube, dass die Jungs ziemlich gewillt sind, und sie wollen Informationen erhalten und erzählen mir auch etwas. Es können trotz des Drucks, den ich ihnen nicht nehmen kann, Prozesse stattfinden. Manchmal mache ich auch noch mehr Druck, weil ich mich selbst unter Druck fühle. Es passieren trotzdem Dinge, die sehr kreativ sind. Auf dem Platz, aber auch einige außerhalb.

… Gespräche mit Spielern:

Wenn ein Spieler wackelt und unsicher ist, gehe ich nicht zu ihm hin und sage, dass alles super ist. Ich frage ihn, was los ist und warum er wackelt. Ich bin ja direkt. Ich frage ihn dann, ob er mir sagen mag, was los ist - aber nur, wenn du Lust hast, sonst kannst du es auch einem anderen erzählen. Dann kann man mit dem Spieler reden und ihn stärken. Wenn er es dann gut macht, kann man ein Lob aussprechen - und wenn es nicht so funktioniert, ist man lieber mal kurz ruhig. Wenn es beim zweiten Mal nicht funktioniert, ist man auch nicht mehr ruhig.


"Es war eine gnadenlose Schule"

… seinen ehemaligen Trainer Slobodan Cendic:

Ich war auch mal Spieler und hatte Trainer. Die Trainer früher hatten wirklich eine schwere Zeit und Not. Lustigerweise habe ich von einem dieser Trainer (Slobodan Cendic, Trainer in Streichs Zeit beim FC Homburg, Anmerkung der Redaktion), wo ich gedacht habe, das und das geht überhaupt nicht, einiges mitgenommen. Man musste sich seine Aussagen übersetzen und spüren. Er hat es finster vermittelt und hat uns Spieler bedroht. Wenn man mit Erfahrung darüber hinweg gehen konnte, habe ich irgendwann bemerkt, dass ich ein paar Züge davon übernommen habe. Er hat enorme dynamische Prozesse entwickelt, dass wir als Mannschaft zusammengerückt sind. Er war nicht unser Feindbild, aber man dachte sich manchmal "um Gottes Willen". Er war ein sehr gebildeter Mann, kam aber aus der damaligen jugoslawischen Schule, wo viele Topspieler herkamen, aber es war eine gnadenlose Schule. Er hatte etwas, wodurch ich einiges gelernt habe. Du kannst von jedem lernen, musst aber wissen, wo du reinschauen musst.

… seine Arbeit abseits des Platzes:

Ich bin kein Verkäufer. Ich verkaufe meine Arbeitskraft, aber das müssen wir. Ich lebe in der Systematik und folge dem. Wenn ich in der Pressekonferenz bin, bin ich auch nervöser als sonst. Ich war schon oft bei der Pressekonferenz und man könnte denken, dass das kein Problem ist. Ich will nicht nur ja und nein sagen. Bei mir wird es manchmal auch politisch.


... den Druck im Fußball:

Ob 80.000 Fans oder 10.000 Fans spielt mit der Zeit keine Rolle mehr. Es ist die Verwandlung und Gefahr zu versagen.

"Das ist fast wie tanzen"

… die Schnelllebigkeit:

Wahnsinn, wie schnell sich Dinge im Trainergeschäft ändern können. Nach ein paar Wochen kommt beispielsweise der Friedhelm Funkel wieder. Wenn man daran denkt, wie er teilweise an seinen letzten Standpunkten behandelt wurde, war nicht gut. Friedhelm hatte wirklich ein dickes Fell und hat alles heruntergeschluckt. Dann spielt er eine sensationelle Saison mit Fortuna Düsseldorf und steigt auf und alle Menschen bezeichnen ihn als "Herrgott". Vor drei, vier Jahren haben genau die Leute noch etwas vollständig anderes gesagt. Was für eine Lüge! Manche Leute schreien dann noch, dass sie es immer gewusst haben. Das ist eklig und schwierig für die Personen. Es ist so kompliziert und deshalb ist es ganz wichtig, ganz wenig von Leuten zu hören, die dich nicht kennen. Wichtig sind die Leute, die dich gerne haben und unbeeindruckt von solchen Dingen sind. Das ist das absolut Wichtigste. Wenn man versucht, über alles nachzudenken, hat man verloren. Das ist meine Strategie. Selbstschutz. Ich habe auch ein Handy und dann denke ich, jetzt könnte ich doch mal reinschauen. Dann mache ich es nicht. Am Montag bin ich an der an der Badischen Zeitung vorbeigekommen. Es ist nicht schön, wenn du am Montagmorgen Zeitung liest, du auf dem Titelblatt bist und dich auf dem Rasen liegen siehst.


… den Glücklichmacher Fußball:

Fußball ist eine der schönsten Dinge, die ich je in meinem Leben machen konnte. In dem Moment, wo ich Fußball spielen konnte, habe ich alles andere vergessen. Egal ob negativ oder positiv. Das ist ein super Gefühl, fast wie tanzen. Etwas ganz Besonderes. Mit seiner Freundin oder Frau hat man enge Beziehung und man liebt sich. Und mit dem Fußball ist es genauso.

Es war mein Traum und meine Sehnsucht. Ich habe mir vorgestellt, dass ich im Olympiastadion spiele oder Franz Beckenbauer spielen sehe. Irgendwann sitzt du im Olympiastadion, bist Trainer und der Traum ist vorbei. Dann bist du mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Meistens damit, dass man 0:4 verloren hast.

… den FC Liverpool und Manchester City:

Mit diesen Spielern und Trainern wird immer gnadenlos umgegangen. Die müssen immer gewinnen. Das ist Wahnsinn. Das ist ein unglaublicher Druck. Da möchte ich nicht tauschen. Die haben einen endlosen finanziellen Spielraum. Wenn man über eine gewisse Grenze geht, passiert irgendetwas mit diesen Menschen und dieses Konstrukt ist nicht geschützt. Es hat viele Möglichkeiten, bietet aber auch viele Gefahren. Beispielsweise ist der eine Star auf den anderen neidisch, weil er mehr verdient oder statt vier Beratern sieben hat. Damit muss man im Trainerteam erstmal umgehen.

Lesen Sie auch