Vater im Knast, Schwester tot: Das ist Englands Arbeiterheld

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Vater im Knast, Schwester tot: Das ist Englands Arbeiterheld
Vater im Knast, Schwester tot: Das ist Englands Arbeiterheld

Jeden Morgen, wenn Kalvin Phillips zum Training fährt, kommt er am HM Prison Wealstun vorbei - und damit auch an seinem Vater.

"Ein paar Mal war ich dort, aber ich gehe nicht gern dorthin, weil ich es nicht mag, ihn im Gefängnis zu sehen. Lieber telefoniere ich mit ihm", verriet Phillips jüngst in einem Interview mit der Times. Als der Sohn eines jamaikanischen Vaters und einer irischen Mutter das Licht der Welt erblickte, deutete wenig auf den Millionär und Profi-Sportler hin, der er jetzt ist.

Phillips ist in der rauen und Arbeiterstadt Leeds aufgewachsen - und bislang nie fortgegangen. Momentan ist er aber ungewöhnlich lange Weg von seiner Heimat. Immerhin lebt er mit der englischen Nationalmannschaft gerade den Traum vom EM-Titel - und mit ihnen die ganze Insel.

Der "Yorkshire Pirlo" ist bei den Three Lions nicht wegzudenken

Nach dem 2:1-Sieg nach Verlängerung gegen Dänemark im EM-Halbfinale steht Phillips tatsächlich im Endspiel einer Europameisterschaft. Und dann auch noch im eigenen Land - in Wembley. Der 25-Jährige absolvierte gegen die Dänen sein 12. Länderspiel, über die volle Distanz von 120 Spielminuten. Im ganzen Turnier hat er nur 25 Minuten verpasst, als er beim Stand von 4:0 gegen die Ukraine im Viertelfinale geschont wurde. (Pressestimmen: England beendet Frustration)

Im defensiven Mittelfeld der Three Lions ist Phillips nicht wegzudenken. Ein Antreiber, ein Kämpfer, aber auch ein Ideengeber. Den "Yorkshire-Pirlo" nennen ihn so manche in England. Warum? Das zeigte er im Auftaktspiel gegen Kroatien, als er eine Lücke im Mittelfeld sah, seinen Gegenspieler auswickelte und den Ball genau durch die Schnittstelle spielte. Raheem Sterling veredelte die Szene und traf zum 1:0-Siegtreffer.

Eine fast unheimliche Entwicklung, wenn man bedenkt, dass Phillips noch kein einziges Erstligaspiel absolviert hatte, als die EURO im Sommer 2020 eigentlich stattfinden sollte.

Seine komplette Karriere verbrachte er bislang bei seinem Heimat- und Herzensklub Leeds United. 167 Spiele in der zweitklassigen Championship absolvierte der Mittelfeldspieler für die Whites. 2020 gelang dann der Aufstieg in die Premier League. Und dort überzeugte Phillips sofort.

Als Aufsteiger spielte Leeds eine gute Rolle, stand am Saisonende auf einem beachtlichen neunten Platz. Zu großen Teilen ist das Phillips zu verdanken, der als knallharter Sechser, Aufräumen und oftmals auch Spielgestalter auftritt. Für Englands Nationalcoach war kur vor der EM praktisch kein Vorbeikommen mehr an dem Profi mit dem außergewöhnlichen Werdegang.

Der "Working Class Hero" beißt sich durch

In der Jugend kam sein Vater immer wieder zur Familie zurück, bevor es erneut ins Gefängnis ging, wo er auch jetzt wieder einsitzt. "Er kam ins Gefängnis, dann war er wieder draußen. Er hatte einen schlechten Umgang. Drogen, Schlägereien - alles, was einem so einfällt", erzählte Phillips der Times.

Während diesen unsteten Zeiten wuchs er in einem heruntergekommenen und viel zu kleinem Haus auf - mit drei Geschwistern und seiner Mutter. "Meine Mutter musste auf dem Sofa schlafen." Am Abend legte sie sich oftmals mit leerem Magen zum Schlafen, damit ihre Kinder genug zu Essen hatten.

"Meine Mutter hatte zwei Jobs, um uns ernähren zu können. Und meine Oma hat für das Essen auch noch etwas beigesteuert", verriet Phillips, der in der Schule auf Gratisessen zurückgreifen musste: "Andere Kinder brachten Lunchpakete und Schokoriegel mit. Sie haben mich ausgelacht wegen der Gratisessen." Heute unterstützt er die Organisation "food bank", die sich um hungernde Menschen auf der ganzen Insel kümmert.

Dass es für Phillips trotzdem zum Profi-Fußballer reichte, das zeugt von einem großen Willen und einem starken Durchsetzungsvermögen. In England nennen sie ihn daher den "Working Class Hero". Wenn im Fußball-Kosmos von Leeds gesprochen wird, dann ist oftmals vom "Kalvin Phillips Land" die Rede.

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Ein Ständchen aus dem Gefängnis

In Leeds blickt Phillips von einer großen Hausfassade. Auch die Leeds-Legenden Lucas Radebe und Albert Johanneson sind darauf zu sehen, doch das gemalte Bild von Phillips ist mit Abstand das größte. In der Arbeiterstadt sind gefühlt alle Einwohner fußballbegeistert und glühende Anhänger der Whites. So auch Phillips' Vater.

Beim Aufstieg vor einem Jahr platzte Phillips Senior daher fast vor Stolz. Das zeigte er seinem Sohn, als er diesen Anrief: "Als ich den Hörer abnahm, sagte er: 'Hör dir das mal an'. Alle Insassen, die auf einen Anruf warteten, sangen die Leeds-Vereinshymne 'Marching on together' und schlugen dabei gegen die Wände", erinnerte sich Phillips.

Den Aufstieg hatte der Klub neben Phillips auch "El Loco" - dem Verrückten zu verdanken. Marcelo Bielsa hatte Leeds 2018 übernommen und zu einem seiner wichtigsten Spieler zwei Dinge gesagt. "Erstens: Du bist nicht mehr offensiver, sondern defensiver Mittelfeldspieler. Zweitens: Du nimmst ab." Es war klar, dass der Verrückte nicht mit sich reden lassen würde.

Mit seiner unnachahmlichen Art und seinem erfrischenden Fußball brachte der Argentinier frischen Wind in den Klub. Phillips hat ihm viel zu verdanken, sein erstes Trikot der Nationalmannschaft schenkte er Bielsa. "El Loco" hatte ihn und seine Familie persönlich beglückwünscht.

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Phillips gedenkt bei jedem Tor seiner Zwillingsschwester

Seine Freundin kennt Phillips seitdem er elf Jahre alt ist. Er hat sich auch für sie durchgebissen. Er wollte seine Familie, die für ihn das Wichtigste ist, unbedingt aus der Armut holen. Das gilt auch für seine Oma, die eine der wichtigsten Bezugspersonen für den Fußballer war und früher selbst Essen beschaffte, wenn der Tisch leer war.

Im Februar 2021 verstarb sie, was Phillips sehr mitnahm. "Ohne dich wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin", lautete seine Message auf den sozialen Plattformen.

Es war nicht das erste Mal, dass Phillips mit dem Tod in Berührung kam. Eine seiner zwei Zwillingsschwestern, Lacreasha, starb nach wenigen Monaten. Bei jedem seiner Tore, küsst er sein Tattoo von ihr und blickt in den Himmel. Vielleicht ja auch im EM-Finale gegen Italien. Es wäre sein erstes Länderspieltor.

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