Märchenhaftes Ende einer langen Leidenszeit?

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Märchenhaftes Ende einer langen Leidenszeit?
Märchenhaftes Ende einer langen Leidenszeit?

Dass Gina Lückenkemper stolz auf ihr Comeback auf der ganz großen Bühne war, konnte man nicht übersehen.

Zumindest nicht bei einem Blick auf ihr Instagram-Profil: Mehr als ein Dutzend Bilder und Videos hat sie da für ihre Fans in ihre Story gepostet. Immer wieder und aus allen erdenklichen Perspektiven ist dort ihr unwiderstehliches Finish als Schlussläuferin der deutschen 4x100-Meter-Staffel zu sehen. (Olympia 2021: Alle Entscheidungen im SPORT1-Liveticker)

Wie sie im Vorlauf mit atemberaubendem Tempo auf den letzten Metern noch an der Schweizerin Salomé Kora vorbeigesprintet ist, war wirklich beeindruckend.

Staffel-Finale mit Lückenkemper am Freitag

Mit der insgesamt drittschnellsten Zeit aller Staffeln haben sich Lückenkemper und ihre Kolleginnen Rebekka Haase, Alexandra Burghardt und Tatjana Pinto für den Endlauf am Freitag qualifiziert (ab 15.30 Uhr im OLYMPIA-LIVETICKER). Eine Medaille liegt zumindest im Bereich des Möglichen.

Man könnte es Lückenkemper nun als arrogant auslegen, dass sie mit den Bildern des eigenen Erfolgs ihre Social-Media-Story geflutet hat. Man kann es aber auch einfach nur als Ausdruck der puren Erleichterung verstehen.

Schließlich war bis vor wenigen Wochen nicht einmal klar, ob die erfolgreichste deutsche Sprinterin der vergangenen Jahre überhaupt in Tokio würde an den Start gehen können.

Zu viele verletzungsbedingte Rückschläge hatte die 24-Jährige in der jüngeren Vergangenheit hinnehmen müssen. Die Leidenszeit begann im Juni des vergangenen Jahres, als sie eine Muskelverletzung zurückwarf.

Im April diesen Jahres verriet sie bei SPORT1, dass sie auch im Winter verletzt war und “einige Wochen nicht trainieren” konnte.

Kurze Zeit nach dem Interview ereilte sie dann der nächste Rückschlag. Ende Mai zog sie sich bei einem Rennen in Boston einen Muskelfaserriss im Oberschenkel zu.

Lückenkemper trotz Rückschlägen optimistisch

Ihre Zuversicht aber hat Lückenkemper, die 2016 über 200 Meter EM-Bronze und 2018 über 100 Meter EM-Silber gewann, nie verloren. “Wenn der Kontrolltermin in ein paar Wochen positiv ausfällt, kann ich wieder starten und mich für die Olympischen Spiele empfehlen”, sagte sie damals.

Ihr Optimismus hat sie nicht getrogen. Rechtzeitig vor Olympia kam sie wieder in Form. Zwischenzeitlich durfte sie sogar auf einen Einzelstart hoffen, obwohl sie die Qualifikationsnorm dafür ursprünglich verpasst hatte.

Lisa Meyer und Lisa Nippgen mussten wegen Verletzungen noch vor Beginn der Leichtathletik-Wettbewerbe wieder die Heimreise antreten. Besonders bitter war das für Medaillenhoffnung Meyer, die mit einer Zeit von 11,12 Sekunden sowohl für das Einzelrennen als auch für die Staffel vorgesehen war.

Für Lückenkemper, die eigentlich nur als Ersatz für beide Wettbewerbe eingeplant war, ergab sich so plötzlich sogar die theoretische Möglichkeit auf einen Einzelstart. Am Ende aber entschied sich das Trainerteam nach einem Gespräch mit ihr gegen einen Start über die 100 Meter.

Eine Entscheidung, die sich auszahlen könnte. Denn Lückenkemper ist nun umso fokussierter auf den Staffel-Start. Ob sie an ihre Bestzeiten von 2017 in London (10,95 Sekunden) und 2018 bei der EM in Berlin (10,98) anknüpfen kann, ist zwar ungewiss.

Trainer in Florida saß in Haft

Aber sie wird alles aus sich herausholen. Schließlich waren die Spiele in Tokio einer der Hauptgründe, warum sie vor knapp zwei Jahren Deutschland verließ und sich in Florida der Trainingsgruppe des hoch dekorierten Coaches Lance Brauman anschloss.

Im November 2019 begab sie sich für ihren großen Olympia-Traum in die Knochenmühle des US-Trainings, das um ein Vielfaches intensiver ist als das in Deutschland. Auch im Februar diesen Jahres zog es sie wieder nach Florida zu Trainer Brauman. Jenem Coach, der nicht nur positive Schlagzeilen produzierte.

2006 saß er eine zehnmonatige Haftstrafe in Texas ab, weil er Sport-Talenten am College illegal Stipendien zuschanzte. Aber auch wegen Dopings geriet sein Name in den Fokus. Denn er trainierte Tyson Gay, der 2013 wegen Dopings gesperrt wurde.

Lückenkemper schwärmt von Teamgeist

Lückenkemper selbst betont indes immer wieder den großen Teamgeist in Florida. “An der Teamdynamik hat sich nichts geändert. Wenn dann eher noch mehr ins Positive”, schwärmte sie bei SPORT1, nachdem sie zu ihrer Trainingsgruppe zurückgekehrt war. “Ich wurde hier Anfang Februar wieder von allen sehr herzlich in Empfang genommen.”

Die Mischung aus Drill und Herzlichkeit hat sie ihrem ganz persönlichen olympischen Märchen näher kommen lassen. Ob sich ihr Traum tatsächlich auch erfüllt, wird sich am Freitag innerhalb von etwas mehr als 40 Sekunden entscheiden.

Sollte er mit einer Medaille enden, würde sie ihre Fans im weltweiten Netz sicherlich mit noch mehr emotionalen Bildern versorgen.

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