Das ist das große Problem der neuen Tennis-Generation

Franziska Wendler
·Lesedauer: 6 Min.

Viel fehlte nicht. Alexander Zverev war im Viertelfinale der Australian Open nah dran, Novak Djokovic erstmals über Best-of-Five bei einem Grand-Slam-Turnier zu schlagen. Letztlich fehlten Nuancen, in den entscheidenden Momenten war der Weltranglistenerste cleverer.

Und auch der gewandelte Bad Boy Daniil Medvedev vermochte im Finale nicht das von vielen prophezeite Signal zu setzen, um zu demonstrieren: Djokovic und Co. müssen sich warm anziehen, die Next Generation des Tennis schlägt nun endlich zu.

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Denn wieder einmal hieß der Turniersieger am Ende Novak Djokovic. Seit den Australian Open 2017 teilten die großen Drei (Djokovic, Roger Federer und Rafael Nadal) bis auf eine Ausnahme sämtliche Grand-Slam-Titel unter sich auf. Lediglich die US Open 2020 gewann ein anderer: Dominic Thiem profitierte dabei allerdings von verletzungsbedingten Absagen von Federer und Nadal sowie dem Ausschluss Djokovics, der eine Linienrichterin abschoss.

Djokovic, Federer und Nadal räumen bei Grand Slams ab

Seit Jahren wartet man nun also auf die Wachablösung, doch immer wieder untermauern die Big Three, die gemeinsam 58 Grand Slams errungen haben, ihre Ausnahmestellung bei den wichtigsten vier Turnieren des Jahres.

Und in der Weltrangliste ergibt sich auch kein neues Bild: Zverev, Medvedev, Thiem und Stefanos Tsitsipas, der ebenfalls immer wieder als potenzieller Dominator genannt wird und im Melbourne-Viertelfinale gegen Nadal gezeigt hat, wie es gehen kann, bleiben die Jäger und tauschen nur unter sich die Plätze. (ATP: Aktuelle Tennis-Weltrangliste der Herren)

Doch woran liegt es, dass sich die Ü30-Topstars stets behaupten, wenn es um die ganz großen Töpfe geht?

Waske: Star-Trio nicht nur mental stärker

Ein recht offensichtlicher Grund: In Sachen mentale Stärke niemand etwas vor.

"Die großen Drei haben das Selbstbewusstsein und die mentale Toughness, nicht locker zu lassen und wirklich über viereinhalb Stunden immer nur einen Punkt zu spielen. Da sind sie einfach die Besten", unterstreicht Ex-Profi Alexander Waske im Gespräch mit SPORT1 den entscheidenden Faktor.

Wie groß "ein Selbstbewusstsein gegen einen 18-maligen Grand-Slam-Champion sein muss, um ihn in einem Best-of-five-Match zu schlagen", sei nicht zu unterschätzen, so der 45-Jährige.

"Kyrgios tötet sich in jedem Match selbst"

Insbesondere in den ersten Runden eines Grand Slams stellen die Top-Stars ihre mentale Stärke immer wieder unter Beweis. Es kommt nur ganz selten vor, dass sie sich dort mal einen Satzverlust leisten. "Sie haben einen Energietank, und damit gehen sie um. Der darf bis zu Finale nicht leer sein und deswegen gehen sie mental brutal fokussiert in die ersten Runden rein", betont Waske.

"Ein besonderes Beispiel dafür ist Nick Kyrgios. Jeder weiß, dass er das Potenzial für einen Grand-Slam-Sieg hat. Aber er tötet sich in jedem Match mit seinen Mätzchen selbst", sagt der viermalige Titelgewinner im Doppel.

Doch nicht nur im Kopf sind Djokovic, Federer und Nadal ihren jungen Herausforderern einen Schritt voraus.

"Es gibt auch in der Schlagtechnik Unterschiede. In den besten Saisons werden die großen Drei auch in ihren Stärken noch stärker. Diese Dominanz ist nicht nur mental. Es hat mit den Schlägen zu tun, mit der Taktik, der Herangehensweise", analysiert Waske: "Man kann auch provokant sein und sagen, dass keiner dabei ist, der die Qualität von Federer, Nadal und Djokovic hat. Die Jungen sind alle sehr, sehr gut. Ich finde aber, dass die großen Drei absolute Ausnahmekönner sind, die noch einmal auf einem anderen Level spielen. Von den Jungen hat noch keiner gezeigt, dass er auf dem gleichen Level ist."

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ATP Finals in der Hand der Next Generation

Nicht auszuschließen allerdings ist, dass die jüngeren Begabungen noch auf das Niveau heranreifen. Thiem ist mit seinen 28 Jahren zwar nicht mehr der Allerjüngste, doch Medvedev (25), Zverev (24) und Tsitsipas (22) sind in ihrer Entwicklung noch lange nicht am Ende.

Die drei Letztgenannten teilten auch die drei vergangenen Titel bei den ATP Finals unter sich auf. Das bedeutet: Sie haben bewiesen, dass sie die Allerbesten - und dazu gehörten auch regelmäßig der Serbe, der Schweizer und der Spanier - bezwingen können.

Ein wesentlicher Unterschied, den Waske allerdings herausstreicht: Die ATP Finals mit nur zwei Gewinnsätzen machen es den Herausforderern leichter.

"Keiner der drei Großen wird sich daran messen, wie oft er die ATP Finals gewonnen hat. Das ist eine tolle Veranstaltung, aber kein Vergleich zu einem Grand Slam", betont Waske: "Die Turnierpläne der großen Spieler, besonders bei Roger Federer, sind einzig und allein darauf ausgelegt, bei den Grand Slams zur Höchstform aufzulaufen. Alles wird dem untergeordnet. Alles andere zählt nicht."

Keine baldige Wachablösung in Sicht

Ein weiterer Grund, warum die Dominanz der alten Garde anhält: Dank immer professionellerer Trainingskonzepte, die auch speziell auf die Gesundheit des Körpers ausgelegt seien, sind die Profis heutzutage in der Lage, auch bis ins höhere Sportler-Alter die zehrende Sportart Tennis auf Weltklasseniveau auszuüben.

Deshalb sieht Waske vorerst "keine Wachablösung". "Djokovic sehe ich über die nächsten vier bis fünf Jahre weiterhin als absoluten Topfavoriten bei allen Turnieren bis auf Paris, dort sehe ich Nadal vorne", macht der Frankfurter deutlich.

Insbesondere Federer und Nadal, etwas später auch Djokovic, hat die auf sportlich unfassbarem Niveau stattgefundene Rivalität geholfen. (Kalender der ATP-Saison 2021)

Zverev auf dem Weg zum Grand-Slam-Champion

"In fast allen Sportarten gab es immer unglaubliche Duelle zwischen den Besten. Im Fußball zum Beispiel zwischen Ronaldo und Messi. Man braucht Gegenspieler, um selbst eine maximale Leistung rauszuholen. Ob das die Jungen so sehen, weiß ich nicht. Aktuell stellt sich die Frage aber auch nicht, weil die Top-Leute das Maß aller Dinge sind und nicht Thiem, Zverev, Medvedev und Tsitsipas. Die sind in diesem Sinne alle noch zweite Liga", konstatiert Waske.

Doch früher oder später - wenn der Körper dann doch nicht mehr mitspielt, wie es bei Federer seit geraumer Zeit bereits der Fall ist, weshalb er laut Waske seine Karriere vermutlich nach Olympia beenden wird - wird auch die Zeit der Next Gen kommen. Dann können auch Djokovic und Nadal einmal in Melbourne, Paris, London oder New York in die Schranken gewiesen werden.

"Ich glaube fest daran, dass Zverev einige Grand Slams gewinnt und dass er, wenn er sich weiterentwickelt, ein unglaublich dominantes Spiel haben wird", ist sich Waske sicher.

Werden die Namen Zverev, Medvedev und Tsitsipas in zehn Jahren aber einen ähnlich mythischen Klang haben wie heute die der drei großen Vorbilder? Das ist eine andere Frage ...