"Fährt immer wieder in mich rein": Rast vs. Müller am Limit

Sven Haidinger
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Es war ein Zweikampf auf Messers Schneide, den Audis Titelrivalen Nico Müller und Rene Rast den DTM-Fans beim Samstagsrennen des Saisonfinales in Hockenheim boten. Mit zahlreichen Berührungen, teilweise Rad an Rad durch mehrere Kurven. "Selbst ohne die Umstände wäre das ein spektakuläres Rennen gewesen", meint Sieger Müller. "So war es aber wirklich nervenaufreibend."

Und Rast fühlt sich sogar an das Jahr 2018 zurückerinnert, als sich Gary Pafett und Timo Glock in Hockenheim einen denkwürdigen Kampf lieferten. "Das ist typisch Hockenheim", sagt er.

"Mit DRS und Push-to-pass sieht man viele Überholmanöver - ähnlich wie das, was wir 2018 mit Gary und Timo oder vielen anderen im Kampf um den Sieg gesehen haben. Das ist schon recht cool. Wenn es nicht um die Meisterschaft gehen würde, hätte ich das sogar noch mehr genossen."

"Da hat Rene lange das Lenkrad offengelassen ..."

Dabei gingen auch die Emotionen in den Cockpits hoch. Als Müller kurz vor den Stopps versuchte, an Rast vorbeizukommen, lenkte dieser vor allem in der Spitzkehre einige Male erst spät ein, damit dieser auf der Außenbahn übrigbleibt. "Er fährt am Kurveneingang immer wieder in mich rein!", ärgerte sich der Schweizer am Funk. Und auch Ex-Champion Timo Scheider meinte bei 'Sat.1': "Da hat Rene lange das Lenkrad offen gelassen, um Nico weit zu schicken."

Nach dem Rennen zeigte sich der Abt-Audi-Pilot, dem vor dem letzten Lauf 13 Punkte auf Rast fehlen, aber schon wieder etwas abgekühlt. "Ich habe mich in der Hitze des Gefechtes ein bisschen aufgeregt, aber es war nichts Dramatisches", sagt er. "Rene hat sich sehr klug verteidigt."

Müller spricht von einem "fairen Kampf - mit ausgefahrenen Ellbogen. Wir beide wollten wirklich gewinnen. Das war sicher spektakulär anzusehen, aber wir blieben immer fair und haben einander gerade genügend Platz gelassen, um auf der Strecke zu bleiben. Dabei ging es bei diesem Kampf um extrem viel."

Berührung in Safety-Car-Phase "wäre nicht nötig gewesen"

Mit den Berührungen hatte Müller kein Problem: "Alles in allem haben wir aber heute Tourenwagensport geboten, wie es sich gehört. Da gehört Lackaustausch dazu. Und es war in einem Bereich, der akzeptabel ist." Zumindest meistens.

Denn als es am Ende der zweiten Safety-Car-Phase kurz vor dem Re-Start zu einer Berührung kam, war das laut Müller zu viel des Guten. "Da gab er mir einen kleinen Kuss, der meiner Meinung nach nicht notwendig gewesen wäre", sagt er. "Wir fuhren nebeneinander durch Kurven 14 und 15, weil er nicht wirklich auf der schmutzigen Strecke fahren wollte. Er dürfte vergessen haben, dass ich neben ihm liege."

Konnte Rast mehr riskieren als Müller?

Müller, der vor dem Rennen 19 Punkte Rückstand hatte, wusste, dass der Titeltraum bei einer Beschädigung womöglich zerplatzt wäre. Im Gegensatz zu seinem Rivalen: "Wenn wir beide nicht die großen Punkte holen, dann trifft ihn das weniger hart als mich. Wenn ich ein technisches Problem habe, einen Plattfuß oder etwas anderes, dann weiß er, dass es für mich vorbei ist, während es für ihn weniger schlimm ist. Durch die Ausgangslage ist bei uns das Risiko größer."

Am Ende konnte Müller aber durchatmen: "Zum Glück sind wir ohne Beschädigungen oder Reifenschäden an den Autos davongekommen." Aber wie erlebte Rast das beinharte Duell? War für ihn alles fair? "Wir hatten ein paar Berührungen, die alle in Ordnung waren", sagt er. " Hier und da eine Kleinigkeit, beim Start ist es in der ersten Kurve passiert, da hat der Kampf angefangen. Und wir haben da Gefälligkeiten ausgetauscht. Wir sind aber professionelle Rennfahrer und haben uns den nötigen Platz gelassen."

Aber wie ging er mit dem Spagat zwischen Kontrolle und Risiko um? Dachte er während des Rennens daran, dass eine Berührung zum Ausfall führen könnte? "Während man fährt, denkt man darüber nicht so viel nach", sagt der zweimalige DTM-Champion. "Derjenige, gegen den man kämpft, ist ja auch im Titelkampf. Es wäre etwas anderes gewesen, wenn ich gegen jemanden gekämpft hätte, der nicht um die Meisterschaft kämpft. Da wäre ich vielleicht weniger aggressiv vorgegangen."

DTM-Boss Berger lobt "Klasse von Müller und Rast"

Im Gegensatz zu Müller schätzt der Rosberg-Audi-Pilot seine Ausgangslage aber nicht viel anders ein als die von Müller: "Wenn wir beide um die Meisterschaft kämpfen und uns berühren, dann gehen wir beide ein Risiko ein. Nico kann sich keinen Ausfall leisten, und ich auch nicht. Wir gehen da beide Risiken ein. So sollte es in einem Saisonfinale ja auch sein."

Dieser Meinung ist auch DTM-Boss Gerhard Berger, der sich zum Abschluss der Class-1-Ära ein Highlight und eine Entscheidung im letzten Rennen gewünscht hatte. "Mein Herz hat geklopft", gibt der Österreicher gegenüber 'ran.de' zu.

"Man hat wieder die Klasse von Müller und Rast gesehen. Sie haben jeden Millimeter genutzt, haben sich aneinander angelehnt, aber sie haben sich immer wieder den Platz gelassen, um doch durch die Kurve zu kommen. Es war hart, es war fair - und es war Motorsport, wie man ihn sich wünscht."

Mit Bildmaterial von ITR.