Schwarzer: Dazu hat Gislason fast keine Chance

Christian Schwarzer
·Lesedauer: 4 Min.
Schwarzer: Dazu hat Gislason fast keine Chance
Schwarzer: Dazu hat Gislason fast keine Chance

Hallo Handball-Fans,

wie Alfred Gislason die deutschen Handballer durch die Olympia-Quali geführt hat, war exzellent. Natürlich war das auch für ihn eine besondere Situation. Mit seiner ganzen Erfahrung war das für ihn aber trotzdem täglich Brot ungeachtet dieses besonderen Drucks. Damit kann er einfach umgehen.

Klasse fand ich auch Gislasons Umgang mit bestimmten Personalien, zum Beispiel in der Torhüterfrage: Das hatte mir während der WM nicht ganz so gut gefallen mit dieser 1A-, 1B- und 1C-Einordnung. Aber diesmal hat er das klasse gelöst, mit Jogi Bitter im ersten Quali-Spiel gegen Schweden, dann Andi Wolff gegen Slowenien zu bringen und nun auch mit Silvio Heinevetter gegen Algerien.

Wir haben also drei 1A-Torhüter und die Qual der Wahl als Luxus-Problem. Da hat Gislason dazugelernt. Wolff kennt der Bundestrainer aus erfolgreichen Kieler Zeiten ja ohnehin bestens, da weiß er genau, wie er tickt und wie er ihn reizen kann, worauf Andi dann ja auch im Slowenien-Spiel Gislason die richtige Antwort gegeben hat mit seiner klasse Leistung.

Gislason gibt Gensheimer Rückendeckung

Was den Umgang mit Uwe Gensheimer betrifft: Es ist richtig, dass der Bundestrainer ihm als Kapitän mit aller Konsequenz Rückendeckung gegeben hat. Es ist so wichtig, einen Trainer mit so einem Rückgrat zu haben, da ist Gislason ein Fels in der Brandung.

Die Mannschaft bis zu den Olympischen Spielen großartig weiterzuentwickeln, dafür hat er fast keine Chance. Nach Ende der Bundesliga-Saison ist kaum Zeit. Dazu kommen auch noch zwei Spiele der EM-Qualifikation, bei denen man sich die Frage stellen muss: Spielen da die gleichen Leute wie kurz darauf bei Olympia? Oder gebe ich den hochbelasteten Spielern, die auch in der Champions League unterwegs waren, eine Pause und lasse vielleicht die Jüngeren ran?

Die Mannschaft weiterzuentwickeln, wird für Gislason nun eine Mammutaufgabe, weil die Rahmenbedingungen ganz anders sind. Er muss den Spielern ja auch die Möglichkeit zur Regeneration geben. Im Anschluss an Olympia startet sofort die nächste Bundesliga-Saison, da ist kaum Pause zum Durchschnaufen. Gislason muss da ganz genau aufpassen hinsichtlich drohender Überbelastungen und Verletzungen. Davor darf man nicht die Augen verschließen.

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Ziele sollte die Mannschaft selbst formulieren

Jetzt – da das Ticket gelöst ist – kann man auch über konkrete Ziele sprechen. Ich fand es nur vorher schwierig, als man noch gar nicht wusste, ob Deutschlands Handballer tatsächlich bei Olympia dabei sind. Und ein Selbstläufer war es nun ja auch nicht – so ein Spiel gegen Schweden kannst du auch verlieren, und dann wird es kritisch.

Nun darf man Ziele definieren – ob das Offizielle immer machen sollten, sei mal dahingestellt. Ich finde es immer besser, wenn so etwas aus der Mannschaft kommt oder vom Trainer. Andernfalls hilft das einer Mannschaft nicht unbedingt und baut auch unnötig Druck auf, mit dem sie womöglich nicht umgehen kann.

Man muss auch die außergewöhnlichen Umstände berücksichtigen: Wie und in welchem Rahmen werden die Olympischen Spiele am Ende tatsächlich ablaufen können in diesen Corona-Zeiten? Welche Spieler sind bei uns und welche bei welchen Gegnern dann überhaupt dabei? Da sind noch viele Fragen offen.

Kein Heimvorteil bei Olympia

Ich weiß als Ex-Profi von der Heim-WM 2007 allerdings auch, dass Gold möglich ist. Da ich die WM als Experte für das ZDF begonnen hatte und erst nach dem zweiten Spiel dazu gekommen war, habe ich erst im ersten Training das Ziel des Teams mitbekommen, da alle Jungs mit einem Shirt mit der Aufschrift "Projekt Gold" rumgelaufen sind. Erst da habe ich gewusst, worauf ich mich eingelassen hatte. (NEWS: Alles Wichtige zum DHB-Team)

Nicht außer Acht lassen darf man dabei aber natürlich, dass im eigenen Land mit der Unterstützung der Zuschauer viel mehr möglich ist als anderswo. Siehe auch das Beispiel Katar, die 2015 im eigenen Land Silber gewonnen haben.

Nun ist der Heimvorteil wahrscheinlich weg, da wohl keine Zuschauer zugelassen sind und alle unter gleichen Bedingungen spielen. Favoriten sind die Europäer, und dazu gehört auch die deutsche Mannschaft. Dass die Spieler nun jedoch nicht gleich losstürmen nach geschaffter Quali und von Gold sprechen, sondern das Ganze Step by Step angehen wollen, finde ich nur gut.

Euer Christian Schwarzer

Christian "Blacky" Schwarzer, 51, hat 318 Länderspiele für Deutschland absolviert und erzielte dabei 965 Tore. Mit dem TBV Lemgo gewann der Kreisläufer den DHB-Pokal (2002) und die Deutsche Meisterschaft (2003). 2006 fügte er mit Lemgo noch den EHF-Cup seiner Titelsammlung hinzu. Bereits zuvor holte er mit dem FC Barcelona in Spanien das Triple aus Meisterschaft und Pokal sowie der Champions League (2000). Mit der Nationalmannschaft holte er 2004 Silber bei den Olympischen Spielen in Athen und wurde im gleichen Jahr Europameister. Beim Wintermärchen 2007 gewann er mit dem DHB-Team den WM-Titel im eigenen Land.