Der Fall Herrlich - Hintergründe eines Fehltritts

Pit Gottschalk
Sport1

Das Hotel Schempp in Bobingen, wo die Mannschaft des FC Augsburg regelmäßig ihre Bundesliga-Spiele vorbereitet, liegt in der Bischof-Ulrich-Straße gleich gegenüber von einem Norma-Supermarkt.

Der tägliche Haushaltsbedarf ist dort besonders günstig. Eine gute Hautcreme kostet 85 Cent, Zahnpasta 45 Cent. Im Nachhinein bringt Heiko Herrlich der erhoffte Discount wenig: Der Einkaufsbummel kostete ihn Reputation.

Wie konnte das passieren?

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Sein Debüt im Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg fällt damit aus. Am Montag will er wieder auf dem Trainingsplatz stehen. Die Bedingung: dass seine zwei Corona-Tests Freitag und Sonntag negativ sind.

Coronatest bei Herrlich negativ

Am Freitagnachmittag die positive Nachricht: Der erste Test fiel negativ aus. Er bleibt aber vorläufig in Quarantäne. Ist der zweite Test ebenfalls negativ, darf er Montag zurück zur Mannschaft.

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Sanktionen muss er nicht fürchten. Sein Fall wirft trotzdem Fragen auf.

In den DFL-Vorschriften steht ausdrücklich, dass man das Hotel nicht verlassen darf, wusste Heiko Herrlich. Dass er das trotzdem gemacht hat, bereute er sofort. Die Verantwortlichen mussten ja denken: Was haben wir uns denn da für einen Trainer geangelt. Wie sollte er mit dem Vorfallen umgehen? Er wollte nur eines: Schaden vom Verein fernhalten.

Zusammenarbeit belasten? Reuter wiegelt ab

Stefan Reuter aber ließ sich auf keine weiterführenden Diskussion ein: "Wir kämpfen das mit dir durch."

Der FCA-Geschäftsführer war über das Malheur natürlich "not amused" gewesen. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) hatte umgehend eine Stellungnahme vom Verein verlangt.

Aber deswegen gleich die Zusammenarbeit mit einem Trainer belasten, von dem Reuter sagt, er stehe "für Gier, Leidenschaft und Mentalität"? Er kennt ihn aus der gemeinsamen Spielerzeit in Dortmund, wo sie die Champions League 1997 gewannen.


Herrlich kaufte im Trainingsanzug

Herrlich lieferte eine plausible Erklärung für den Fauxpas.

Er war die ganze Zeit voll im Tunnel, wie man in Fußballerkreis so sagt. Trainingsarbeit, Gegner-Vorbereitung, Ansprache - alles ging ihm durch den Kopf. Und Quarantäne bedeutet ja nicht, dass man auf dem Hotelzimmer bleibt. Spieler und Trainer verlassen ständig das Hotel, um zum Training zu fahren, essen am Trainingsgelände, haben Kontakt mit dem Servicepersonal.

Als er Zahnpasta brauchte, wollte Herrlich selbst zum Supermarkt und nicht den Zeugwart schicken.

Was im Supermarkt geschah, ist hinlänglich bekannt. Das mit der Gesichtsmaske, die er auf dem Hotelzimmer vergessen hatte. Der Plausch mit der Kassiererin wegen des Einkaufwagens.

Die 20 Euro, die Heiko Herrlich in Kleingeld wechseln musste. Er trug sogar den Trainingsanzug mit dem Vereinsemblem. Nach dem Einkauf wollte er sofort in den Kleinbus des Klubs einsteigen und zum Training fahren. Die Sporttasche hatte er dabei und packte Zahnpasta und Hautcreme rein.


Herrlich dachte sich nichts Böses dabei

Womöglich wäre der Fall geheim geblieben, wenn Heiko Herrlich nicht freiwillig davon erzählt hätte.

Er wollte die Pressekonferenz auflockern und den Journalisten von seinem Alltag als Bundesliga-Trainer in Quarantäne erzählen. Die Hygiene-Vorschriften begegnen ihm ständig: Manchmal kam er sich wie ein Jugendtrainer vor. Sobald drei Spieler zusammensaßen, hat er die wieder auseinander gesetzt und ihnen gesagt: „Wir müssen das so machen."

Dann verstieß Heiko Herrlich selbst gegen die Hygiene-Vorschriften. Ihm tut das alles schrecklich leid. Wer ihn kennt, wundert sich nicht. Er, strenggläubiger Christ, möchte sich an seinen eigenen Ansprüchen messen lassen.

"Ich habe dem Verein gesagt: Ich übernehme für mein Handeln die volle Verantwortung und alle Konsequenzen", ließ Heiko Herrlich ausrichten. "Natürlich kann ich am Wochenende nicht auf der Bank sitzen."

Sein Debüt wird um eine Woche vertagt.

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