Bricht in Spanien eine neue Zeitrechnung an?

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Bricht in Spanien eine neue Zeitrechnung an?
Bricht in Spanien eine neue Zeitrechnung an?

Innerhalb von 45 Minuten zerschlugen sich fast alle Titelhoffnungen des FC Barcelona, die in den vergangenen Wochen aus dem Nichts wieder Gestalt angenommen hatten.

2:0 führte Barca am vergangen Samstag zur Pause bei UD Levante. Endstand: 3:3. Ein Kollaps fast schon historischen Ausmaßes. Wenn der stolze Klub zur Pause bei einem Team im grauen Mittelfeld der Tabelle mit 2:0 führte, dann hatte man vor kurzer Zeit noch ein Torfestival der Blaugrana erwarten können. Mittlerweile ist nicht einmal mehr ein Sieg selbstverständlich.

Barcas Glanz verwischt immer mehr. Und auch beim zweiten spanischen Riesen ist ein ähnlicher Trend zu beobachten.

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Beim FC Barcelona steht alles auf dem Prüfstand

Nach dem 2:1-Sieg von Atlético Madrid am Mittwochabend ist der Traum von der Meisterschaft für Barca so gut wie ausgeträumt. Vier Punkte beträgt der Rückstand auf Atlético - bei noch zwei zu absolvierenden Spielen.

Real Madrid könnte mit einem Sieg im Nachholspiel immerhin auf zwei Zähler an den Stadtrivalen heranrücken, Atlético hat aber alles in der eigenen Hand. (Service: Tabelle von La Liga)

Zuletzt hatte es nach einem desaströsen Start bei Barca eigentlich danach ausgesehen, dass die Katalanen die Saison noch retten könnten. Der 4:0-Sieg im Finale der Copa del Rey gegen Athletic Bilbao hatte der donnernde Startschuss dafür sein sollen. Die restlichen Akkorde klangen nun aber verdächtig nach Moll.

Vermisst werden in Barcelona auch die Soli des Zauberers - von Lionel Messi. Der Superstar kann an einem guten Tag noch immer jedes Spiel im Alleingang entscheiden. Er rettet Barca allerdings nicht mehr durchgehend, wenn es beim Team mal schlecht läuft.

Messi ist jetzt 33 Jahre alt und zuletzt wirkte es immer öfter so, als habe er seinen Zenit überschritten. Trotzdem soll er nun einen irren Zehnjahresvertrag unterschreiben - inklusive Beschäftigung nach dem Karriereende. Der Argentinier steht nicht zur Debatte, dafür aber wohl fast jede andere Personalie rund um die Mannschaft.

In Katalonien steht alles auf dem Prüfstand.

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Undenkbares bei Real Madrid

Beim großen Rivalen in Madrid ist das nicht anders.

Die Galaktischen strahlen ebenfalls längst nicht mehr über ihre weißen Trikots hinaus und die Spiele von Real Madrid sind teilweise eher langweilig als spektakulär. Spätestens nach dem Abgang von Cristiano Ronaldo sind die Königlichen aus sportlicher Sicht nicht viel mehr als ein "normaler" Top-Klub.

Hinzu kommt: Real ist nicht mal mehr besonders erfolgreich.

Derzeit bahnt sich bei Real zudem noch etwas Undenkbares an: Sergio Ramos, Abwehrchef und König der Königlichen, wird den Klub wohl am Saisonende still und heimlich verlassen.

Mit ihm wird dann - wie irgendwann mit Messi bei Barca - der letzte ganz große Star einer erfolgreichen Ära weichen, die vier Champions-League-Titel in fünf Jahren hervorbrachte. Karim Benzema ist zwar noch da, sein Standing ist aber nicht mit dem von Ramos oder Ronaldo zu vergleichen.

An der Seitenlinie hat Coach Zinedine Zidane noch diesen Nimbus inne. Auch er wirkte zuletzt aber oft eher ratlos als allwissend. Ein Abschied des Franzosen ist möglich, immerhin hat er schon einmal hingeschmissen.

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Koeman vor dem Aus - aber was dann?

Bei Barca könnte der derzeitige Trainer schon bald seinen Hut nehmen müssen, könnte Trainer Ronald Koeman bald schon wieder Geschichte sein. "Wie kann Koeman danach weitermachen?", fragte die Marca nach dem blamablen 3:3.

"Trainer werden immer in Frage gestellt", sagte der Niederländer nach der Partie bei Levante: "Aber ich verstehe, dass es nach dieser zweiten Halbzeit Fragen gibt." Die Frage ist, ob Koeman antworten parat hat. Kurz nach dem Spiel war das noch nicht der Fall.

Die weitreichendere Frage ist, in welche Richtung Barca nun gehen will. Die glorreichen Zeiten rund um Puyol, Xavi und Iniesta sind Geschichte. Messi ist die letzte Erinnerung daran, die er in guten Momenten wieder aufleben lässt. Die Katalanen müssen sich nun aber für die Zeit nach Messi aufstellen.

Xavi soll diesen FC Barcelona der Zukunft als Trainer anführen. Er hat seinen Vertrag bei Al Sadd aber jüngst bis 2023 verlängert. Er hatte nun schon mehrere Möglichkeiten, zu seinem Herzensklub zurückzukehren. Tat das bislang aber nicht.

Deswegen nahm Barca Kontakt zum Beraterkreis des scheidenden Bayern-Trainers Hansi Flick auf. Allerdings: SPORT1 weiß, dass ein solcher Deal nicht zustande kommen wird. Flick will zum DFB.

Wie will Barca einen Umschwung einleiten?

Beim Spielerpersonal stellen sich ganz andere Fragen.

Der verlorene Sohn Neymar hat kürzlich einen neuen Vertrag bei Paris Saint-Germain unterschrieben. Ohnehin würde sich die Frage stellen, wie Barca sich neue Superstars leisten kann. Die Katalanen sitzen auf einem horrenden Schuldenberg, der sogar die Existenz eines so stolzen Klubs gefährden könnte, wenn er nicht bald abgetragen wird. (Transfermarkt Die heißesten Gerüchte im Transferticker)

Auch Real ist finanziell nicht auf Rosen gebettet

Auch das finanzielle Problem teilt Barca mit dem großen Rivalen.

Real ist ebenfalls hoch verschuldet - wenn auch nicht im Milliarden-Bereich wie die Katalanen. Wegen der finanziellen Situation drängte Präsident Florentino Pérez zuletzt auch auf die Super League, deren Scheitern er noch immer nicht wahrhaben will.

Finanzielle Sorgen, sportliche Krisen und der heftige Fehltritt mit der Super League - das Renommee ist verspielt. Der FC Barcelona und Real Madrid haben ihren Ruf als die zwei übermächtigen Welt-Klubs aus Spanien verloren.

In den nächsten Jahren könnten tatsächlich andere Mannschaften die Hauptrollen in La Liga spielen. Atlético Madrid beispielsweise, dass mit einer für ihre Verhältnisse fast schon erfrischend spektakulären Spielweise auffällt und die Schwäche von Barca und Real wohl nutzen wird.

Aber auch ein Klub wie Real Sociedad, der nach dem Motto "Jugend forscht" bereits letztes Jahr für Aufsehen sorgte und die guten Leistungen in dieser Spielzeit bestätigte, rückt näher an Barca und Real heran. Es ist die Chance für einige Teams, aus dem Schatten der Riesen zu treten.