Fataler Weltrekord

Fataler Weltrekord
Fataler Weltrekord

Als der Diskus am vergangenen Freitagnachmittag in Schönebeck noch durch die Luft segelte, streckte Mika Sosna bereits den Zeigefinger nach oben.

Der Modellathlet der TSG Bergedorf wusste schon bevor die Scheibe landete, dass ihm da buchstäblich einer rausgerutscht war.

Und was für einer! 71,37 Meter zeigte die Anzeigetafel wenig später, Sosna hatte soeben den U20-Weltrekord des Ukrainers Mykyta Nesterenko um satte 1,24 Meter pulverisiert.

Sosna: „Ey, das kannst du jetzt nicht stehen lassen“

Doch während die Zuschauer aus dem Staunen nicht mehr herauskamen, war Sosnas Freude keineswegs ausufernd - und das hatte zwei Gründe.

Zum einen spürte der Teenager ein verdächtiges Ziehen im Adduktorenbereich, das sich zwei Tage nach seinem Weltrekordwurf als Muskelfaserriss herausstellen sollte.

„Das war exakt bei diesem Versuch“, beschreibt Sosna im Gespräch mit SPORT1 seinen schmerzhaften Weltrekord. „Marius Karges hatte davor 69,49 Meter hingelegt und ich ihm dafür applaudiert, weil es mich unfassbar gefreut hat. Dann habe ich mir aber gedacht: ‚Ey, das kannst du jetzt nicht stehen lassen. Das geht nicht‘ - und habe alles in den Versuch reingelegt, was ich habe. Und dann war es leider ein bisschen zu viel oder eine kleine Fehlbewegung.“

Die Verletzung kommt zur Unzeit, denn für den Teenager, der am Montag 19 Jahre alt wurde, ist plötzlich das Saison-Highlight, die U20-WM im kolumbianischen Cali, in Gefahr.

„Ab jetzt bis Cali sind es noch acht Wochen“, rechnet Sosna vor. „Aber in fünfeinhalb oder sechs Wochen muss ich schon fit für die deutschen Meisterschaften sein, weil sich dort letztlich entscheidet, wer zur WM fliegen darf.“

Deutsches Trio treibt sich gegenseitig hoch

Mit Karges und Steven Richter hat Sosna bärenstarke Konkurrenz im eigenen Lager - und nur die beiden Erstplatzierten erhalten das WM-Ticket nach Cali. Vier Wochen muss der neue Weltrekordmann warten, bis er wieder einen Diskus werfen darf. „Das ist jetzt ein echter Stimmungskiller“, sagt Sosna.

Abgesehen vom kommenden Ausscheidungswerfen, das den Nachwuchsathleten um die WM zittern lässt, sei die interne Konkurrenz aber durchaus fruchtbar. „Wir haben daran wirklich einen Spaß“, erzählt Sosna. „Die Bundestrainer meinten, dass sie noch nie so einen Kader erlebt hätten. Es ist eine tolle Atmosphäre, egal wo wir hinkommen.“

Richter, der sich auch als Kugelstoßer einen Namen macht und wegen einer Erkältung in Schönebeck passen musste, gönnt seinen Konkurrenten den Erfolg von Herzen. „Die Leistungen kann man nicht genug würdigen, da in diese Bereiche bis jetzt noch kein Deutscher geworfen hat. Das haben sich die beiden mega verdient und ich freue mich mit ihnen“, betont Richter bei SPORT1.

Dass Sosnas Freude nach dem Husarenstreich von Schönebeck gemäßigt ausfiel, lag aber auch daran, dass sich eine solche Weite längst angekündigt hatte.

„Im Training permanent über Weltrekord geworfen“

„Ich habe im Training eigentlich permanent über Weltrekord geworfen“, verrät er. „Deswegen war ich in den letzten Wettkämpfen auch immer etwas sauer, weil ich durch Deutschland gefahren bin und gar nichts funktionierte. Jetzt ist es schön, endlich die Bestätigung zu sehen, dass es klappt.“

Klappen soll es auch im kommenden Jahr, wenn Sosna dann mit dem 250 Gramm schwereren Zwei-Kilo-Diskus in den Ring steigen wird. Dass er damit gut zurechtkommt, hat er längst bewiesen.

„Tatsächlich komme ich mit dem Kinder-Diskus nicht so gut klar“, erklärt er schmunzelnd. „Da ist mir der Zweier (die Zwei-Kilo-Scheibe, Anm. d. Red.) deutlich lieber. Wenn man die Bundestrainer fragt, dann würden die sagen, dass ich lieber den Zweier als den 1,75 werfen soll. Ich sollte aber den Fokus auf das letzte U20-Jahr legen und das nochmal mitnehmen.“

Und dann? Dann will Sosna auch bei den Erwachsenen durchstarten. Den Sommer 2024 mit den Olympischen Spielen in Paris hat sich der deutsche Youngster schon vorgemerkt.

Olympia in Paris ist das Ziel

„Das steht auf meiner Dream-List. Paris ist mein großes Ziel. Es ist schwer, weil man eigentlich erst mit 27 auf seinem Höhepunkt ist. Wenn ich da mit 20 oder 21 an den Start gehe, dann wäre das mal eine Ansage.“

Langfristig hofft Sosna, die deutsche Erfolgsgeschichte im Diskus fortzuschreiben. Von den vergangenen zehn Olympiasiegern kam die Hälfte aus Deutschland: Von Rolf Danneberg 1984 in Los Angeles bis Christoph Harting, der 2016 die Goldmedaille gewann.

Sosnas Vorbild ist allerdings der andere Harting: Robert, der vier Jahre vor seinem Bruder in London Olympiasieger wurde.

„Er hat einfach alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Er hat nie ein Blatt vor den Mund genommen. Er hat genau das gesagt, was er meinte. Ich finde, das ist auch unfassbar wichtig.“

Robert Harting als Vorbild

Meinungsstark und erfolgreich - wächst da etwa ein neuer Robert Harting heran? Was das Tüfteln angeht, kann dem 1,96 Meter großen Teenager schon jetzt kaum jemand das Wasser reichen.

„Ich habe da wirklich meine Passion gefunden.“, erklärt er. „Ich liebe es, mich mit Trainingsgeräten und neuen Techniken auseinanderzusetzen. Da bin ich ein kleiner Freak. Zum Beispiel habe ich die Technik von Kristjan Ceh (derzeit der weltbeste Diskuswerfer, Anm. d. Red.) schon unzählige Male analysiert. Da bin ich zu 100 Prozent ambitioniert.“

Und so dürfen sich die deutschen Leichtathletik-Fans schon auf die kommenden Jahre freuen: Wenn Mika Sosna mal wieder einer rausrutscht - und er sich nicht einmal darüber wundert.

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