Favre-Zukunft: Wende oder nur ein letztes Zucken?

Holger Luhmann
Sport1

Es war eine Millimeter-Entscheidung. Hauchzart hatte Davie Selke im Abseits gestanden. Das 2:2 für Hertha BSC zählte nicht, Borussia Dortmund verteidigte am Ende eine Halbzeit lang die knappe Führung. 

Bei einem Remis oder einer Niederlage wäre Lucien Favre womöglich schon nicht mehr Trainer des BVB. Doch nach dem 2:1 bei seinem früheren Klub in Berlin darf der 62 Jahre alte Schweizer weiterarbeiten. Vorerst 

War der Sieg die erhoffte Wende für Favre und die Borussia? Oder ist die Entscheidung nur vertagt? 

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"Ne, das ist weg", sagte Michael Zorc, angesprochen auf das Trainer-Thema. Der Sportdirektor musste dabei aber selbst lachen. Zorc weiß nur zu gut, dass schon beim nächsten Rückschlag die Debatte um Favre wieder auflodern wird. 

SPORT1 zeigt, was für und was gegen Favres Zukunft in Dortmund spricht.

Das nackte Ergebnis 

Was Favre auf der Habenseite verbuchen kann, ist zunächst einmal das nackte Ergebnis. 

Fußball wird auch immer über Ergebnisse definiert. "Wir wünschen uns alle bei Borussia Dortmund, dass es dem Team und deiner Mannschaft gelingt, hier eine Wende zum Positiven herbeizuführen", hatte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke auf der Jahreshauptversammlung vor einer Woche persönlich Favre persönlich angesprochen und den Trainer nach dem peinlichen 3:3 gegen den Tabellenletzten Paderborn in die Pflicht genommen. 

Dem 1:3 in der Champions League beim FC Barcelona folgte nun der Sieg in Berlin. Damit ist der BVB nach 13 Spieltagen mit 23 Punkten Fünfter, nur ein Zähler hinter dem FC Bayern und fünf Punkte hinter Tabellenführer Gladbach.

Mut wird belohnt 

Favre stellte in Berlin – anders noch als in Barcelona - äußerst offensiv aus. Auch bedingt durch den Ausfall von Julian Weigl stellte er in der Abwehr auf eine Dreierkette um. Die offensiv ausgerichteten Achraf Hakimi und Raphael Guerreiro agierten auf außen. 

Zudem ließ Favre mit Julian Brandt, Marco Reus, Thorgan Hazard und auch Jadon Sancho fast alle seine Offensivakteure von der Leine. 

Der Mut wurde belohnt. Die Dortmunder waren zunächst die klar bestimmende Mannschaft. Sancho und Hazard sorgten mit einem Doppelschlag innerhalb von zwei Minuten für die 2:0-Führung, ehe es doch noch eine lange Zitterpartie wurde.

Neues Wir-Gefühl? 

Nach der Gelb-Roten Karte gegen Mats Hummels unmittelbar vor der Pause zeigten die Dortmunder große Moral.


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"Wir haben in der Pause drüber gesprochen. Wenn wir alle füreinander laufen, dann schaffen wir das" erläuterte Favre, was sich in der BVB-Kabine zur Halbzeit abgespielt hatte. Nach dem Spiel schwärmte er für seine Verhältnisse spürbar erleichtert und ungewohnt emotional: "Wir waren eine Einheit, es war fantastisch."

Gerade diese Mentalität war dem BVB zuletzt ja abgesprochen worden. "Dieser Auftritt gibt Hoffnung", sagte Zorc.

Sieg für den Trainer – Frieden mit Sancho 

Der Jubel der Dortmunder unmittelbar nach dem Schlusspfiff war spürbar größer als sonst nach einem Sieg. Es schien: Dies war auch ein Sieg für den Trainer. 

"Das sagen wir die ganze Zeit, dass die Arbeit zwischen Trainer und Mannschaft sehr gut ist", erklärte Zorc: "Sonst bringst du nicht so eine Leistung, sonst bringt sich nicht jeder so ein für die Mannschaft."


Selbst Sancho, in Barcelona wegen erneuter Undiszipliniertheiten in der ersten Halbzeit auf die Bank verbannt, brachte sich nicht nur als Torschütze ein, sondern eroberte sogar Bälle am eigenen Strafraum. 

Nach dem Schlusspfiff nahm Favre den 19-Jährigen an der Seitenlinie demonstrativ in den Arm. 

Andreas Herzog mochte dem Frieden um Sancho im Check24 Doppelpass aber dennoch nicht so recht trauen und zog Parallelen zu Ousmane Dembélé, der sich 2017 zum FC Barcelona gestreikt hatte. "Vielleicht wird er hier sogar zu sehr gehypt. Er ist ein junger Spieler, der Fehler macht, nur so langsam muss man aufpassen, dass man nicht eine ähnliche Situation bekommt wie mit Dembele", sagte Herzog über Sancho und nahm den Engländer in die Pflicht: "Er muss von Woche zu Woche zeigen, dass er ein Profi ist."

Fehlende Konstanz 

Was ein wenig unterging: Nach der guten Anfangsphase und der 2:0-Führung brachte sich der BVB noch vor dem Platzverweis von Hummels einmal mehr selbst in die Bredouille, kassierte das 1:2 und machte die Begegnung wieder unnötig spannend. 

Die Borussia wirkt wie ein Pferd, das nur so hoch springt wie es muss - und manchmal nicht mal das. Auch wenn es diesmal gut ging: Diese fehlende Konstanz zieht sich wie ein roter Faden durch die Saison.

Reif: "Dann gibt es wieder eine Diskussion"

SPORT1-Experte Marcel Reif ist deshalb skeptisch, ob Favre auf längere Sicht die Wende zum Guten gelingt. "Wenn ich tippen müsste, würde ich sagen, dass sie in zehn Tagen raus sind aus der Champions Leauge. Dann gibt es wieder eine Diskussion", sagte Reif: "Sie spielen nicht den Fußball, den sich Dortmund vorstellt, mit dem du Meister wirst. Zudem ist die Ergebnistrainerdiskussion mit dem Trainer nicht gut. Man hat das Gefühl, es ist eine Geschichte, die nicht gut enden kann."


Auch der frühere BVB-Profi Neven Subotic bleibt mit Blick auf Favres Zukunft in Dortmund abwartend. "Keiner weiß, wie es weitergeht, wie lange es weitergeht", sagte Subotic: "Das ist eine eklige Situation für die Mannschaft, den Trainer und für den Verein."

Eine Situation, die aber auch neue Kräfte freisetzen kann. 

Nächste Bewährungsprobe am Samstag ist Düsseldorf. Jene Fortuna, die den Dortmundern im Vorjahr die erste Saison-Niederlage zufügte und den langen Sinkflug einleitete. 

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