"Der FC Bayern gehört nicht mehr in die Bundesliga"

Es ist der Bundesliga-Klassiker schlechthin.

Am Samstagabend empfängt der FC Bayern in der Allianz Arena Borussia Mönchengladbach (Bundesliga: FC Bayern - Borussia Mönchengladbach, ab 18.30 Uhr im LIVETICKER).

Es ist das Duell Erster gegen Dritter. Calle Del‘Haye spielte für beide Klubs - von 1974 bis 1980 für die Fohlen und von 1980 bis 1985 für den Rekordmeister. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)

Im SPORT1-Interview spricht der heute 67-Jährige über seine Ex-Klubs und kritisiert Bayern-Trainer Julian Nagelsmann. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Bundesliga)

SPORT1: Herr Del‘Haye, am Samstagabend steigt der alte Klassiker zwischen den Bayern und Borussia Mönchengladbach. Wie denken Sie zurück an Ihre Zeit in Gladbach?

Del‘Haye: Ich habe nicht nur unter Jupp Heynckes gespielt, sondern hatte auch Hennes Weisweiler und Udo Lattek als Trainer. Für mich war Mönchengladbach immer Fußball mit Herz und Bayern München Fußball mit Verstand. Borussia war als Kontermannschaft das ideale Team. Ich habe durch meine Schnelligkeit in den 1970er-Jahren immer von dieser Art zu spielen profitiert. Und ich kam beim Publikum an. Auch später in München. Es war eine gegenseitige Liebe zwischen den Fans und mir. Das Publikum hat mich beschützt. (DATEN: Die Tabelle der Bundesliga)


SPORT1: Beschützt? Wovor?

Del‘Haye: Vor dem brutalen Fußball meiner Gegenspieler. Sie waren immer auf meiner Seite und haben mich immer gepusht, wieder aufzustehen und weiter zu machen.

SPORT1: Wer war Ihr Lieblingstrainer in Gladbach?

Del‘Haye: Jupp Heynckes. Mit ihm habe ich auch fünf Jahre bei der Borussia zusammengespielt. Er hatte das Positive von Weisweiler und Lattek übernommen. Dann kam eine Prise Heynckes dazu und das war perfekt. (ÜBERSICHT: Die fixen Transfers aller Bundesliga-Klubs)

SPORT1: Wie blicken Sie zurück auf die Zeit bei den Bayern?

Del‘Haye: Bayern war eine wechselhafte Zeit. Es gab bei meinem Wechsel eine Zusage von Uli Hoeneß, dass ich auf der rechten Außenbahn spielen darf. Doch das wurde von Csernai (der damalige Bayern-Trainer Pal Csernai, d. Red.) nicht so recht eingehalten. In Gladbach war ich der Konterspieler und in München musste ich viel mehr Fläche abdecken. Für mich war das keine so schöne Situation, weil ich mein Spiel umstellen musste. Csernai hielt sich immer bedeckt, da war ich auch irritiert von Uli Hoeneß, dass er nicht eingewirkt hat. Aber ich bin Uli heute deshalb nicht böse. Wenn wir uns treffen, dann ist es immer sehr herzlich. Zuletzt haben wir uns vor Corona getroffen.

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Erster Millionen-Transfer des FC Bayern

SPORT1: War die Bayern-Zeit auch von ihrer Ablösesumme belastet?

Del‘Haye: Ich hatte schon auch eine gute Zeit in München. Die Emotionen sind nur aufgekommen, weil ich damals der erste Millionen-Transfer der Bayern mit 1,3 Millionen D-Mark war. Darüber lacht heute jeder. Ich habe über 100 Pflichtspiele für die Bayern gemacht, aber es war dort eine andere Erwartungshaltung, weil man für mich viel Geld bezahlt hat. In Mönchengladbach durfte ich auch Fehler machen, bei Bayern nicht.

SPORT1: War der Wechsel zu den Bayern also ein Fehler?

Del‘Haye: Das ist hypothetisch. Ich weiß nicht, wie es mir bei der Borussia weiter ergangen wäre. Ich war in beiden Klubs ein Publikumsliebling.

SPORT1: Sie waren damals der erste Spieler, den die Bayern von einem direkten Konkurrenten weggekauft haben. Das haben die Bayern-Bosse danach in schöner Regelmäßigkeit gemacht. Wie haben Sie das empfunden?

Del‘Haye: Ich glaube nicht, dass die Bayern nur Spieler weggekauft haben, um andere Klubs zu schwächen. Das wurde ihnen immer vorgeworfen, aber ich habe das nie verstanden.

„Der FC Bayern gehört nicht mehr in die Bundesliga“

SPORT1: Aber dass die Konkurrenz durch die Bayern geschwächt wurde, war doch offensichtlich.

Del‘Haye: Natürlich. Aber das war und ist doch ihr gutes Recht. Ich denke sowieso, dass der FC Bayern gar nicht mehr in die Bundesliga gehört. Und ich bedauere es sehr, dass die Super League nicht zustande gekommen ist.

SPORT1: Aha.

Del‘Haye: Wenn es die Super League geben würde, müssten die Bayern halt gegen andere Kaliber spielen. Nochmal: Die Bayern müssen raus aus der Bundesliga und rein in eine eigene Liga. Es gibt ein Für und Wider, aber zehnmal Deutscher Meister ist doch langweilig. Der Bundesliga fehlt das Kribbeln. Letzte Woche hatte ich wirklich Angst, dass sie unseren 12:0-Sieg mit Gladbach gegen Borussia Dortmund knacken.

Del‘Haye kritisiert Bayern-Coach Nagelsmann

SPORT1: In der Bundesliga sind die Bayern nicht zu stoppen. In der Champions League gab es unter dem neuen Trainer allerdings ein frühes Aus. Wie bewerten Sie Julian Nagelsmann?

Del‘Haye: Sportlich, so ehrlich muss ich sein, kann ich ihn nicht komplett beurteilen, da ich ihn nicht täglich bei der Arbeit erlebe. Mir ist er allerdings etwas zu flapsig.

SPORT1: Zu flapsig?

Del‘Haye: Ja. Seine Statements meine ich damit. Ich würde sogar sagen: Nagelsmann ist ein bisschen überheblich. Sein Auftreten gefällt mir nicht. Er sollte etwas geerdeter sein, ein bisschen mehr Bescheidenheit würde ihm sicher gut tun. Wir müssen sehen, wie das mit Bayern weitergeht. Deutscher Meister zu werden, das ist der Normalfall. Schauen wir mal, wie es in der Champions League ausgehen wird.

Del‘Haye drückt beiden die Daumen

SPORT1: Auch im Pokal haben die Bayern früh die Segel gestrichen. 0:5 gegen Gladbach! Doch inzwischen hat sich einiges getan. Wie sehen Sie die Gladbacher heute?

Del‘Haye: Borussia ist ganz klar im Umbruch. Das Team wirkt kämpferisch stärker als vergangene Saison. Wenn es gegen die Bayern geht, sind alle bei Borussia immer extrem motiviert. Sie spielen einen guten Offensiv-Fußball und haben mit Plea oder Thuram Jungs dabei, die immer für ein Tor gut sind. In der zurückliegenden Saison haben die Gladbacher zweimal gegen Bayern gewonnen. Also müssen die Münchner gewarnt sein. Ich bin sehr gespannt, werde mir das Spiel ganz gemütlich auf der Couch anschauen.

SPORT1: Wem drücken Sie mehr die Daumen?

Del‘Haye: Ich drücke beiden Teams die Daumen.

SPORT1: Das geht doch nicht.

Del‘Haye: Na klar. (lacht) Ich bin dankbar, dass ich über zehn Jahre bei Top-Vereinen spielen durfte. Selbst mit Fortuna Düsseldorf war ich mal Tabellenführer. Ich habe nur gute Erinnerungen an diese Klubs.

SPORT1: Wie geht es aus am Samstagabend?

Del‘Haye: 2:2.

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