"Sklaverei in ihrer schlimmsten Form": FCB-Fans laden Arbeitsmigranten aus Katar ein

Hannah KlaiberFreie Journalistin
Yahoo Sport Deutschland

Katar, das reichste Land der Welt, richtet die WM 2022 aus. Insgesamt arbeiten dafür zwei Millionen Arbeitsmigranten an den Stadien und der Infrastruktur im Land – die meisten von ihnen werden wie Gefangene behandelt und leben unter menschenunwürdigen Bedingungen. Obwohl der FC Bayern München über diese Zustände immer wieder informiert wurde, verstärkt der Klub seit Jahren die Zusammenarbeit mit Katar. Die FC Bayern-Fans der Südkurve setzten nun ein Zeichen und luden zwei nepalesische Arbeitsmigranten aus Katar und einen Menschenrechtsexperten zur Diskussion nach München ein.

Zwei Millionen Arbeitsmigranten sind in Katar tätig. (Bild: Getty Images)
Zwei Millionen Arbeitsmigranten sind in Katar tätig. (Bild: Getty Images)

Seit Jahren steht Katar wegen der gnadenlosen Ausbeutung von Arbeitsmigranten in der öffentlichen Kritik und genauso lange beteuert das Land, dagegen vorzugehen. Doch was ist aus den Versprechungen geworden? Dieser Frage ging der Journalist Benjamin Best in seiner preisgekrönten WDR-Dokumentation mit versteckter Kamera in Katar nach. "Wir sind Gefangene. Jeden Tag ernähren wir uns von Wasser und Brot – ohne Geld können wir uns nichts anderes leisten. Jeden Monat verschlimmert sich unsere Situation. Ich kann nicht mehr, ich will nur noch nach Hause", erzählt Dil Prasad, Arbeiter aus Nepal. Nach Hause reisen, das kann Prasad nicht. Denn wie so vielen anderen wurde ihm der Reisepass von seinem katarischen Arbeitgeber abgenommen.

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Heute moderiert Best die Veranstaltung "Katar, Menschenrechte und der FC Bayern – Hand auf, Mund zu?" und spricht mit zwei nepalesischen Arbeitsmigranten. Sie wollen aus Angst vor der Reaktion der katarischen Regierung anonym bleiben. Zudem ist der Menschenrechtsexperte Nicholas McGeehan zu Gast. Sie alle wurden von den Bayern-Fans aus der Südkurve in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung nach München eingeladen.

In dem Gespräch wird schnell klar: An den prekären Bedingungen und regelmäßigen Verletzungen der Menschenrechte hat sich bis heute rein gar nichts geändert. Ausbleibender Lohn, miserable Unterkünfte, abgenommene Reisepässe und eine Vielzahl ungeklärter Todesfälle – was nach den Beteuerungen Katars schon längst der Vergangenheit angehören müsste, geschieht nach wie vor tagtäglich.

Warum machen ausgerechnet die Bayern-Fans auf die Lage in Katar aufmerksam?

Seit 2011 absolvieren die Spieler des FC Bayern München ihr alljährliches Winter-Trainingslager in Katar. Darüber hinaus ist der FCB seit 2016 durch Sponsorenpartnerschaften mit dem Hamad International Airport und Qatar Airways direkt mit dem katarischen Staat wirtschaftlich verflochten.

Spieler des FC Bayern München im Januar im Trainingslager in Doha, der Hauptstadt von Katar. (Bild: Getty Images)
Spieler des FC Bayern München im Januar im Trainingslager in Doha, der Hauptstadt von Katar. (Bild: Getty Images)

Dagegen hatte es unter anderem aus der Südkurve immer wieder heftige Kritik gegeben, die von den Verantwortlichen des FCB weitgehend ignoriert wurde. Mehr als die öffentlichen, unsäglichen Aussagen "Ich habe noch keinen einzigen Sklaven in Katar gesehen" (Franz Beckenbauer, 2013, u.a. Ehrenpräsident des FCB) oder "Wir informieren uns. Aber ein Trainingslager ist keine politische Äußerung. Niemand sollte Dinge vermischen, die nicht zusammengehören" (Karl-Heinz Rummenigge, 2015, u.a. Vorstandsvorsitzender des FCB) gab es auch gegenüber den eigenen Fans nicht zu sagen. Und auch heute wird der Stuhl wieder einmal leerbleiben, der für einen FCB-Verantwortlichen reserviert war. Die Führungsriege des FCB will sich nicht anhören, was die beiden nepalesischen Gäste – Gründer des selbstorganisierten Arbeiter-Netzwerks Shramik Sanja – erzählen möchten. Das ändert aber nichts daran, was sie zu sagen haben.

Die Hoffnung auf Verbesserungen war nach der WM-Vergabe groß

"Wenn ich die Leichen der nepalesischen Arbeiter sehe, dann fühle ich mich ohnmächtig. Ich bin frustriert und auch wütend", sagt einer der Gastarbeiter, der viele Rückführungen toter Arbeiter aus Katar nach Nepal begleitet hat. Als der schlanke Mann mit leiser aber fester Stimme spricht, wird es ganz still in dem Saal, der bis auf den letzten Platz besetzt ist.

Als er als Arbeiter nach Katar ging, war die Hoffnung auf verbesserte Arbeitsbedingungen nach der WM-Vergabe noch groß. Doch die Ernüchterung folgte schnell. In seinem ehrenamtlichen und durch Spenden finanzierten Netzwerk Shramik Sanja hörte er unterdessen hunderte Erfahrungsberichte von anderen nepalesischen Arbeitern, die viel schlechter bezahlt wurden als von den Arbeitgebern versprochen oder oftmals gar kein Geld erhielten. "Sie sind nicht krankenversichert, sie dürfen den Arbeitgeber nicht wechseln und das Land nicht verlassen, ohne dass der Arbeitgeber zustimmt", erzählt er und die Verzweiflung ist ihm bei jedem Wort anzumerken. Dennoch – so sagt er fast trotzig – wird er die Hoffnung nicht aufgeben, dass sich noch etwas ändern wird. "Wir dürfen niemals aufhören, die Stimme zu erheben und den Menschen klarzumachen, dass etwas Furchtbares geschieht in Katar."

Der Grund, warum weiterhin täglich 1500 Menschen Nepal verlassen, um in Katar und anderen Ländern zu arbeiten, liegt auf der Hand: Nepal ist eines der ärmsten Länder der Welt. Es gibt bei weitem nicht genügend Arbeitsplätze. Insgesamt leben und arbeiten nach Angaben der nepalesischen Regierung etwa 17 Prozent der rund 29 Millionen Einwohner Nepals im Ausland. Demnach schicken sie von dort aus umgerechnet etwa sechs Milliarden Euro pro Jahr zurück in die Heimat – das sind 30 Prozent aller Einnahmen des Landes.

Die nepalesische Regierung teilte dem WDR im Jahr 2019 mit, dass in den vergangenen zehn Jahren 1.426 Gastarbeiter in Katar gestorben seien. 522 – mehr als ein Drittel der Arbeiter also – angeblich an plötzlichem Herztod, 124 bei Unfällen am Arbeitsplatz. Unklar ist, wie viele von ihnen auf WM-Baustellen beschäftigt waren.

Studie belegt: Die Hitze tötet die Arbeiter

Wie viele Arbeitsmigranten insgesamt - also unter anderem auch aus den Ländern Bangladesch und Indien - in Katar ums Leben gekommen sind, darüber gibt der katarische Staat keine Auskünfte. Warum als Todesursache in 75 Prozent aller Fälle "ungeklärt" oder "plötzlicher Herztod" angegeben wird, das weiß Nicholas McGeehan. Der Menschenrechtsexperte hat von 2002 bis 2006 in Abu Dhabi gelebt und anschließend bis 2017 für Human Rights Watch in Katar gearbeitet. Für den "Guardian" hat er jüngst an einer Studie mitgewirkt, die erstmals die Ursachen von vermeintlich ungeklärten Todesfällen von Arbeitsmigranten in Katar mit wissenschaftlichen Methoden erklärt.

Untersucht wurden die Todesfälle im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, nämlich welchen Schutz Menschen vor Hitze benötigen – und welcher den Arbeitern in Katar wiederum gewährt wird. Das Ergebnis: "Katar ist eine toxische Zone, in der die Arbeiter zwölf Stunden am Tag an sechs Tagen pro Woche arbeiten. Die enorm hohe Zahl der angeblich unerklärten Todesfälle kann also mit einer wissenschaftlich belegten Tatsache begründet werden: Die Hitze tötet die Arbeiter. Und Katar unternimmt nichts dagegen", sagt McGeehan in München.

Arbeiter am Al Bayt-Stadion. Im Sommer erreichen die Temperaturen in Katar bis zu 50 Grad Celsius. (Bild: Getty Images)
Arbeiter am Al Bayt-Stadion. Im Sommer erreichen die Temperaturen in Katar bis zu 50 Grad Celsius. (Bild: Getty Images)

Was man mit gesundem Menschenverstand bereits früh ahnte, ist nun also belegt. Doch auch davon lassen sich weder die Fifa noch der FC Bayern beeindrucken. McGeehan wundert das nicht. In seiner Position bei Human Rights Watch hatte er die Handlungsempfehlung seiner NGO verantwortet. Diese hatte der FC Bayern vor Abschluss seiner Sponsoring-Deals mit Katar in Auftrag gegeben.

"Der FC Bayern reagierte äußerst hinterlistig"

"Wir haben deutlich gemacht, dass sich der FC Bayern den Risiken und Umständen voll und ganz bewusst sein muss – also den Bedingungen, dem System, der Sklaverei, die dort in ihrer schlimmsten Form herrschen. Wir haben dem Klub dazu geraten, das alles öffentlich zu machen und deutlich zu formulieren, welche Änderungen er erwartet." Auf die Frage des Moderators, wie der FCB darauf reagiert hätte, antwortet McGeehan: "Äußerst hinterlistig." Er lacht – und die Zuhörer stimmen mit ein. Man merkt McGeehan an, dass er es gewohnt ist, vor Menschen zu sprechen. Mit seiner eloquenten Art bringt er schwierige Zusammenhänge schnell und oftmals sarkastisch auf den Punkt. Er weiß, dass Humor dabei helfen kann, über die schlimmsten humanitären Katastrophen auf öffentlichen Bühnen zu berichten.

Ihm sei schnell klargeworden, dass die Bayern keineswegs nach einer Handlungsempfehlung gefragt hätten, um wirklich zu erfahren, wie schlimm die Zustände dort seien oder um etwas daran zu ändern. "Sie haben gefragt, um sich selbst in Sachen PR abzusichern. Als ich mit dem FCB zu tun hatte, hatte ich kein einziges Mal das Gefühl, dass es irgendjemandem in diesem Klub um irgendetwas anderes ging als die kommerziellen Möglichkeiten."

Der FCB interessiert sich nicht für die Menschen, aber für ihre Namen

Abgesagt hatte der FCB die Einladung der Südkurve mit der Begründung, dass es nicht als zielführend, produktiv oder konstruktiv erachtet werde, diese Thematik öffentlich zu diskutieren. Doch auch eine Einladung ins Münchner Rathaus, wo das Zusammentreffen hinter verschlossenen Türen stattgefunden hätte, schlug der Klub aus. Zeigte der FC Bayern an den Erfahrungsberichten und Expertenmeinungen zu den missachteten Menschenrechten in Katar keinerlei Interesse, wollten laut Fan-Club die Verantwortlichen des FCB nur eines wissen: die Namen der beiden nepalesischen Arbeitsmigranten, die aus offensichtlichen Gründen streng geheim gehalten werden.

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