Fitness-Video aus Myanmar: Tanzen vor dem Militärputsch

Moritz Piehler
·Freier Autor
·Lesedauer: 3 Min.

Die Welt blickt erschüttert auf den Militärputsch in Myanmar. Doch bewegte Bilder von dem Coup gäbe es kaum, hätte nicht diese Fitness-Trainerin zufällig ein Aerobic-Video aufgenommen.

Soldaten kontrollieren die Straßen von Myanmars großen Städten, wie hier in Mandalay nach dem Militärputsch. (Bild: Kaung Zaw Hein/SOPA Images/LightRocket via Getty Images)
Soldaten kontrollieren die Straßen von Myanmars großen Städten, wie hier in Mandalay nach dem Militärputsch. (Bild: Kaung Zaw Hein/SOPA Images/LightRocket via Getty Images)

Auf den ersten Blick wirkt es wie ein ganz normales Fitness-Video, wie sie zu abertausenden auf den Sozialen Medien zu finden sind. In ihrem gelb-schwarzen Outfit führt Khing Hnin Wai aus Myanmar ihre Aerobic-Routine vor, dazu ist Musik zu hören. Hinter ihr sind ein paar Blumen und eine eher triste Hauptstraße der Hauptstadt Naypyidaw zu sehen. Doch dann geschieht dort hinter ihr im Bild etwas: Kolonnen von militärischen Fahrzeugen bewegen sich die Straße herunter.

Zufällig Weltgeschichte aufgezeichnet

Wie sich herausstellen sollte, waren die Soldaten auf dem Weg, die Regierung mit einem Militärputsch zu übernehmen und Staatschefin Aung San Suu Kyi festzusetzen. Deren Partei, die Nationale Liga für Demokratie (NLD), hatte die Wahlen im November mit großem Vorsprung gewonnen. Diese Niederlage akzeptierte die militärnahe Partei USDP nicht, die nur wenige Sitze erringen konnte. Mit dem Putsch riss der Oberbefehlshaber Min Aung Hlaing nun die Macht gewaltsam an sich und beendete eine zehnjährige Phase der Demokratisierung. Er verkündete einen einjährigen Ausnahmezustand, der sich auch auf die Beschränkung von Medien und Internet bezieht, bevor es dann freie Wahlen geben soll.

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Auch vor diesem Hintergrund ist das zufällig aufgenommene Aerobic-Video als Dokument der Putsches interessant. Die Fitnesstrainerin zieht von dem Weltgeschehen im Hintergrund scheinbar unberührt ihre Routine durch. Nachdem sie das Video am Montag auf Facebook postete, ist Khing Hnin Wai über Nacht weltberühmt geworden. Allein auf der Seite eines indischen Journalisten, der das Video teilte, wurde es mehr als 16 Millionen mal angeschaut.

Schnell wurden Zweifel an der Echtheit des Videos laut. Doch mehrere internationale Medien, unter anderem die britische BBC, verifizierten die Aufnahmen. Der Ort für das Fitnessvideo war auch zuvor Khings Lieblinsspot gewesen, den sie mehrfach für Video genutzt hatte.

“Ich dachte, das sei normal”

Auf Anfrage der BBC stellte Khing klar: “Ich wollte mich mit dem Tanz über keine Organisation lustig machen oder albern sein.” Für sie sei es nicht ungewöhnlich, dass ein offizieller Konvoi durch die Stadt fährt. “Ich dachte einfach, das sei normal und machte weiter,”so Khing gegenüber der BBC. Zufällig benutzte sie aber für ihre Übungen einen Song namens “Ampun Bang Jago”, der in Indonesien zur Hymne einer Protestbewegung wurde, die sich damit oft über Autoritäten lustig macht. Die Lied-Auswahl heizte weitere Spekulationen zu Khings Motiven ab, die diese aber vehement abstreitet. Mittlerweile ist sie von findigen Bastlern per Photoshop schon vor diverse Momente der Weltgeschichte versetzt worden. So kann man sie auf der Plattform Reddit zum Beispiel vor dem Sturm auf das Kapitol in Washington tanzen sehen.

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Gegen den Militärputsch mehren sich derweil die internationalen Proteste. US-Präsident Joe Biden drohte mit Sanktionen. Inzwischen hat das medizinische Personal in zahlreichen Krankenhäusern des Landes mit einem Protest-Streik begonnen.

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