Das Märchen einer deutschen Olympia-Hoffnung

Johannes Fischer
·Lesedauer: 3 Min.

Es ist eine Geschichte wie aus dem Märchenbuch.

Vor der Halbmarathon-WM im polnischen Gdynia hat niemand an eine deutsche Medaille geglaubt. Noch nie hat es schließlich eine DLV-Läuferin bei dieser Weltmeisterschaft, die 1992 ihre Premiere hatte, unter die besten Drei geschafft.

Es waren immer Athletinnen der Verbände von Kenia und Äthiopien, die die Medaillen im Rennen der Frauen unter sich ausmachten. Doch in diesem Jahr sollte es anders kommen: Die Deutsche Melat Kejeta hat sich die Silbermedaille gesichert und mit 1:05:18 Stunden auch noch für einen Europarekord gesorgt.

"Ich wusste, dass ich mein Bestzeit verbessern kann. Ich habe aber nicht erwartet, dass ich so schnell sein werde. Mit einer Medaille habe ich gar nicht gerechnet", erzählte die 28-Jährige, die ihren Erfolg erst später realisierte, im Gespräch mit SPORT1. "Da brauchte ich bisschen Zeit, es ist aber schon angekommen."

Kejeta läuft mit Glück und Geschick zu WM-Silber

Kejeta, die im Oktober zur Sportlerin des Monats gewählt wurde, hatte dabei auch ein wenig Glück: Gleich drei Favoritinnen stürzten vor ihr. Dann machte auch noch die vor ihr laufende Äthiopierin vor der Kurve unmittelbar vor dem Ziel einen Schlenker in die falsche Richtung.

Beinahe hätte es sogar noch dicker kommen können, denn nur durch einen Sprung umging Siegerin Peres Jepchirchir selbst einen Sturz. Sonst dürfte sich wohl Kejeta heute Weltmeisterin nennen.

Trotz der glücklichen Umstände hat die Langstreckenläuferin äthiopischer Herkunft, die seit März 2019 die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, auch eine Weltklasseleistung gezeigt. Ihren Erfolg führt sie auf das harte Training zurück: "Ich war im Höhentraining und hatte viel Ruhe. Das alles hat zusammengepasst und unerwartete Ergebnisse gebracht", so Kejeta.

Auch die Entwicklung der Laufschuhe spiele "wahrscheinlich schon" eine Rolle, erklärte die Vize-Weltmeisterin - gerade im Hinblick auf zahlreiche verbesserte Rekorde im Langstreckenlauf trotz Corona. Aber: "Man darf nicht vergessen, dass die Schuhe nicht von allein laufen."

Marathon-Ass als Flüchtling nach Deutschland

Kejeta ist 2013 aus ihrer Heimat in Äthiopien geflohen. Ihre Familie gehört zu den Oromo, der größten Volksgruppe des ostafrikanischen Staates, die dort schon lange unterdrückt werden. Irgendwann sollte sie gegen ihren Vater aussagen, aber sie weigerte sich. Bei einem Wettkampf in Italien setzte sie sich schließlich nach Deutschland ab.

Der Start in einer völlig fremden Umgebung war nicht immer einfach - nicht nur aus sportlicher Sicht: Ihr erstes Geld verdiente sie sich laut der BZ als Putzfrau

2016 gewann Kejeta ihre ersten nationalen Straßenrennen. Die Meisterehren blieben ihr jedoch verwehrt. Denn nur Läufer mit einem deutschen Pass können auch zum Meister gekrönt werden. Erst im März 2019 bekam sie den begehrten Ausweis.

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Kejeta fiebert auf Olympia 2021 hin

Mittlerweile fühle sich die Spitzenathletin in Deutschland aber gut integriert. "Das größte Problem war natürlich die Sprache. Da hat es aber sehr geholfen, dass ich mich beim Lauftraining mit so vielen Leuten unterhalten konnte. Ich fühle mich hier in Deutschland sehr gut", sagte Kejeta.

Und weiter: Wenn Sie das deutsche Trikot trägt und für ihr Land sogar eine Medaille gewinnt, sei sie "glücklich und dankbar".

Das nächste Ziel hat Kejeta bereits vor Augen: die Olympischen Spiele 2021. Doch von der nächsten Medaille zu träumen, "wäre wahrscheinlich zu viel", erklärte das Lauf-Ass: "Ich versuche aber natürlich trotzdem, gut zu laufen, mein Bestes zu geben und dann sehen wir weiter."

Und wer weiß - vielleicht ist Melat Kejeta dann nicht mal mehr auf Glück angewiesen.